Zu sagen, jemand sei einem zuvorgekommen ist –- wenn es sich um die Verwirklichung einer Idee handelt, einer künstlerischen Idee gar -– keine gute Idee, weil es einem meistens nicht geglaubt wird und sich auch schwer beweisen lässt. Nichtsdestotrotz ist es mir schon passiert, dass mir jemand zuvorgekommen ist, und wenn es passiert ist, dann eher zu meinem Missvergnügen, auch wenn ich -– aus besagten Gründen -– nicht großartig darüber lamentiert habe.

Jetzt aber sehe ich einen guten Grund, es mal frei heraus zu sagen, denn ich kann gleich hinzufügen: Ich bin froh darüber.

Durchaus nicht erst seit gestern beschleicht mich immer wieder einmal der Gedanke, dass es doch eine feine Sache sein müsste, ein Buch als Unikat zu verfassen. Es gibt ja eh zu viele Bücher. Wer es nicht glaubt, muss nur mal versuchen, in seinen Regalen etwas Platz zu schaffen für neue. Was die Töchter nicht wollen, verscheuere ich bei momox, dachte ich mir. Die werden zwar kaum was zahlen, aber sie holen wenigstens kostenlos ab. Und schließlich: Man schmeißt Bücher nicht weg! Bücher wegzuwerfen, gilt dem Büchermenschen als das Hinterletzte. Zu meiner bitteren Enttäuschung musste ich allerdings feststellen, dass momox nicht nur oft mal eben 0,15 € für ein Buch zahlt, sondern etwa die Hälfte der Titel, deren ISBN ich ins Online-Formular getippt hatte, gleich gar nicht wollte. Lässt man den geistigen Gewinn mal beiseite, gibt es kaum eine schlechtere Geldanlage als Bücher.

Ich würde gerne ein Unikat schreiben, dachte ich also bisweilen. Maler malen schließlich auch nicht in Auflagenstärke, und selbst Fotokünstler limitieren die Auflage eines Bildes, um den Wert zu steigern. Nur bei der Literatur soll ein Buch umso mehr wert sein, in je mehr Bücherregalen es steht?

Und nun ist mir also jemand mit dieser blendenden Idee zuvorgekommen: Wolf Wondratschek. Wer es nicht glaubt, kann es auf der Internetseite vom Deutschlandfunk nicht nur nachlesen, sondern auch nachhören. 40.000 Euro soll Herr Wondratschek für den Exklusiv-Roman kassiert haben, und dazu noch braucht er keine Verrisse zu fürchten, denn außer dem stolzen Besitzer des literarischen Einzelstücks bekommt das Elaborat ja niemand zu sehen, und der Mäzen wird wohl nicht so dumm sein, den Wert seines Kunstwerks durch negative Verlautbarungen zu schmälern. Allerdings … Mangels eines Textes, den man verreißen könnte, wird nun der Dichter selbst gefleddert.

Bloß gut, dass ich dem Wondratschek nicht zuvorgekommen bin! Allerdings hätte ich wohl auch ein ziemliches Problem damit gehabt, jemanden zu finden, der 40.000 locker macht, damit ich exklusiv für ihn schreibe. Aber das grämt mich nicht. Wondratscheks „“Einsamkeit der Männer““ kann man bei momox anbieten wie Sauerbier. Für „Leben mit Martin“ bekäme man immerhin 1,11 Euro€.

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