Mohren Kaffee
Bar Goethe. Via Johann Wolfgang Goethe, Meran
Foto: Spill

Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einen Mohrenkopf in der Vitrine eine Bäckers und/oder Konditors gesehen habe. Ich bin jedoch sicher, dass es in der kleinen Bäckerei in unserer Straße –- ich spreche von der Straße, in der ich aufgewaschen bin – Mohrenköpfe gab. Wir kauften sie nie. Wir kauften, Amerikaner, Kameruner, Negerküsse, …… Die zuletzt Genannten dürfen nicht mehr so genannt werden; darüber gibt es mehr internette Literatur als auch die militantesten Verfechter der political correctness vernünftigerweise verlangen können. Die Kameruner, die aussehen, als hätte der Bäckerlehrling immer noch nicht begriffen, wie man Brezeln formt, heißen noch, wie sie immer hießen, und wenn man Glück hat, findet man sie (manchmal sogar „3 Stück für 1 €“Euro), aber nur in Berlin und Umgebung. Vielleicht hat sie die Beschränktheit ihrer Verbreitung vor dem Zorn der nationalen Sprachbereiniger bewahrt. Amerikaner gibt es auch noch, aber wegen des unverkennbaren Ammoniumhydrogencarbonataromas mag ich sie nicht besonders, und über das Überleben dieser Bezeichnung für ein Gepäck öffentlich nachzudenken, reizt mich weder unter politischen, noch unter kulturellen Aspekten. Schließlich hat auch noch niemand verlangt, die unter ökologischem Dauerverdacht stehenden Hamburger müssten anders genannt werden. – Blieben die Mohrenköpfe im Minenfeld der überall lauernden Diskriminierungsanwürfe.

Was sagt der Duden zum Gebrauch von Mohr und Mohrenkopf? Zu Letzterem vermerkt er, das Wort werde „häufig als diskriminierend empfunden“. Als Bedeutungen bietet der Duden das mit Schokolade überzogene „kugelförmige Gebäckstück aus Biskuitteig“ sowie den „Schokokuss“. Dass aber der zum Schokokuss mutierte Negerkuss etwas völlig anderes ist als ein Mohrenkopf, weiß doch jeder halbwegs vernaschte Mensch. Der Mohr wird lt. Duden hingegen nicht als subjektiv diskriminierend, sondern nur als „veraltet“ eingestuft und bezeichnet einen „Menschen mit dunkler Hautfarbe“. Was das Wort Mohr davor bewahrt hat, dass seine Ausrottung konsequent betrieben wurde, so dass im Struwwelpeter der „kohlpechrabenschwarze Mohr“ noch immer vor dem Tor spazieren gehen darf, kann nicht das Schiller-Wort „“Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen““ sein. Eher dürfte es an der großen Zahl von Bezeichnungen liegen, die alle geändert werden müssten, sollte der Mohr auf die Liste „geächteter Wörter“ gesetzt werden.

Da wäre außer dem eingangs erwähnten Gebäck (und ich habe wirklich gejubelt, als ich jetzt das Rezept nachschlug und las, dass man den speziellen Biskuitteig dafür Othello-Masse nennt) z.B. der „Mohrenkopf-Pokal“ des Nürnberger Goldschmieds Christoph Jamnitzer, der zum Schatz der Sachsen gehört und im Bayerischen Nationalmuseum in München ausgestellt ist. Mohrenkopf heißt auch ein Berg in den Allgäuer Alpen, und dieser Mohrenkopf hat sogar seine eigene Webcam. Häufig Mohrenkopf genannt wird ein Schmetterling, dessen korrekte Bezeichnung Großer Sackträger (Canephora hirsuta) ist, während es sich beim Altdeutschen Mohrenkopf um eine Haustaubenrasse handelt. Der Mohrenkopf-Milchling (Was für ein widersprüchlicher Name!) ist ein geschätzter Speisepilz mit schwarzbraunem Hut und ebensolchem Stiel. Damit nicht genug.

In Korsika trifft man überall auf den schwarzen Mohren- oder Maurenkopf mit dem weißen Band im krausen Haar. Er gilt als Freiheitssymbol, seine Herkunft ist allerdings nicht eindeutig geklärt. Auf einer frühen Darstellung des Kopfes ist das Stirnband kein Stirnband sondern eine Augenbinde, die darauf hinweist, dass ihr Träger ein Sklave ist. Die ins Haar hinauf geschobene Binde signalisiert also die Befreiung.

Das mittelfränkische Städtchen Pappenheim führt einen Mohrenkopf im Stadtwappen. Unmittelbar zurückgeführt wird dies auf die Helmzierde der Pappenheimer Marschälle. Heraldiker, die sich darüber wunderten, weil Ritter üblicherweise Adler, Löwen oder andere stolze Symbole bevorzugten, fanden im Vergleich mit alten Münzen heraus, dass es sich ursprünglich um das edle Haupt Hieron II. von Syrakus gehandelt haben muss, bis historisch ungebildete Siegelstecher daraus einen „gewöhnlichen“ Mohrenkopf und schließlich sogar den Kopf einer Mohrin mit Zöpfen machten, bevor daraus schließlich der heute verwendete Mohrenkopf wurde. In keinem Zusammenhang steht diese auf die Antike zurückgreifende Hudelei mit dem Ausspruch: „Ich kenne meine Pappenheimer.“ Dieses Zitat hat zwar auch ein ärgerliches Schicksal erlitten, verdient aber eine eigene Ehrenrettung, wird es doch heute, wenn überhaupt noch, eher abwertend benutzt, während Schillers Wallenstein die Worte „„Daran erkenn’ ich meine Pappenheimer““ in Anerkennung der Treue der Genannten ausspricht.

Dass ich als Kind nie einen Mohrenkopf zu essen bekam, bedeutet nicht, dass ich keinen Begriff davon hatte. Zu den Büchern, welche meine Altvorderen für angemessene Literatur für mich hielten, gehörten Else Urys Nesthäkchen-Romane. Und in Kapitel 11 von „“Nesthäkchen und ihre Puppen““ schildert Else Ury, wie einmal der Besuch von Tante Albertinchen erwartet wurde und Annemie (das Nesthäkchen) sich als so versessen auf den Mohrenkopf in der Kuchenschüssel erwies, dass sie am Ende zur Strafe nicht einmal die von ihrer Mutter für sie reservierte Marzipankartoffel bekam. Für mich als geborene Naschkatze war dieses Mohrenkopf-Debakel beeindruckend genug, um mir bis heute in Erinnerung zu bleiben. Für eine besondere Affinität zum Mohrenkopf spricht auch, dass man allenthalben danach benannte Cafés findet, u.a. in Ingolstadt, Trier und Zürich, nicht zu vergessen das „Café Mohrenkopf“ genannte Zelt auf dem Münchner Oktoberfest, mit welchem seit 60 Jahren die Tradition des Gründers Paul Wiemes fortgeführt wird.

Bringt die sogenannte politische Korrektheit den in vielen Fällen nach wie vor diskriminierten Menschen wirklich zunehmend Respekt ein? Oder ist es nur so, dass man sich heute zwar korrekter ausdrückt, wes Geistes Kind der Sprecher ist aber dessen dunkles Geheimnis bleibt? Es bestand ja einst (und besteht vielleicht noch) die Hoffnung, eine achtsame (Achtung zum Ausdruck bringende) Sprache würde sich quasi erzieherisch auf das Denken auswirken. Sprache verändert das Denken –- sowohl zum Besseren als auch zum Schlimmeren, habe auch ich einst geglaubt, bin davon aber durchaus nicht mehr rundum überzeugt. So wünschte ich mir, als ich ein kleines Mädchen war, ein Negerbaby (als Puppe), bis mir der Wunsch endlich erfüllt wurde. Nicht für den Hauch einer Sekunde verband sich mit dem Wort Neger etwas Herabwürdigendes in meinem kindlichen Sinn. Wie auch? Es wurde bei uns zu Hause nie herabwürdigend über Menschen von anderer Hautfarbe gesprochen, und als ich die Puppe hatte, liebte ich sie ebenso innig wie meine anderen Puppen. Wer dagegen verfolgt hat, wie aus „schwer erziehbaren“ Kindern „verhaltensgestörte“ wurden, bis man auch „gestört“ als störend empfand und dazu überging, von „verhaltensauffälligen“ Kindern zu sprechen und schließlich –- weil ja auch Auffälligkeit ausgrenzt –- von „verhaltensoriginell“, der muss schon ein außerordentlich gefestigter Charakter sein, um nicht laut zu lachen und den Eindruck von Lächerlichkeit dann genau auf jene Gruppe zu übertragen, die man nicht durch unbedachte Worte stigmatisieren wollte.

Eher als dass eine bereinigte Sprache uns zu besseren Menschen macht, gilt wohl die Devise des englischen Hosenbandordens: Honni soit qui mal y pense (Schämen soll sich, wer Schlechtes dabei denkt).

Für das „Titelbild“ meinen sehr herzlichen Dank an Spill, langjährigen treuen Leser und Kommentator dieses Blogs.

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