Stolpersteine Max, Rolf und Herta Bacharach

Heute ist Rolf Bacharachs Geburtstag, und er hätte gute Chancen gehabt, diesen 79. Geburtstag zu erleben, wären er und seine Eltern nicht 1941 nach Kaunas in Litauen deportiert und dort umgebracht worden. Da war Rolf erst fünf.

Über das Leben eines Fünfjährigen lässt sich zum Zeitpunkt seines Fünf-Jahre-alt-Seins unendlich viel erzählen, nach 74 Jahren recht wenig. Also werde ich es mit der Geschichte der Familie versuchen, zumal gestern der Geburtstag von Rolfs Vater war und der seiner Mutter in sechs Tagen sein wird. Eine Familie von Widdern. Ich habe keine Ahnung, was Juden im Allgemeinen von Horoskopen halten oder was die Bacharachs insbesondere davon hielten, aber gegen den Mut, den Optimismus und die Lebensfreude, welche den Widdern nachgesagt werden, hätten sie wohl nichts einzuwenden.

Die Familiengeschichte der Bacharachs wurde bis ins Jahr 1820 zurückverfolgt, als Leib Bacharach im Dorf Rhina in Ost-Hessen die Grebenauer Jüdin Bruche Benedix heiratete. Am 9. Mai 1825 wurde das Ehepaar mit Zwillingssöhnen gesegnet: Moses und Benedikt. Die Bacharachs waren Viehhändler, doch Moses heiratete in eine Familie von Ellen- bzw. Schnittwarenhändlern hinein, als er Karoline Mansbach zur Frau nahm. Karoline schenkte ihrem Mann sechs Kinder, von denen das jüngste, Josef Bacharach, später Rolfs Großvater werden sollte, nachdem er seine Frau Emma geheiratet und diese ihm vier Kinder geboren hatte: Lina (1897), Cilly (1899), Leo (1901) und schließlich Max (1905). Lina, Cilly und Leo waren noch in Rhina zur Welt gekommen, doch zum Jahresbeginn 1905, unmittelbar vor der Geburt ihres Sohnes Max, waren die Bacharachs aus ihrem Heimatort nach Hersfeld (seit 1949 Bad Hersfeld) im Nordosten von Hessen gezogen.

In einer Familie mit einem so fast biblisch anmutenden Stammbaum ist für Rolf natürlich auch einen Großvater mütterlicherseits belegt. Isaak Tannenbaum hatte 1899 zusammen mit seinem Bruder Karl in Hersfeld als Gebr. Tannenbaum ein Geschäft für Manufakturwaren gegründet. Am 11. April 1907 brachte Isaak Tannenbaums Frau Lina (geboren am 16. März 1882 als Lina Katzenstein) ein Mädchen zur Welt: Herta, die später Rolfs Mutter werden sollte. Das Ehepaar bekam später noch vier weitere Kinder: die Zwillinge Harry und Julius (1908), die Tochter Ilse (1911) und -– als Nachzügler –- Sohn Walter (1923). Da die Tannenbaums und die Bacharachs der jüdischen Gemeinde von Hersfeld angehörten und dazu noch die Geschäfte von Josef Bacharach und Isaak Tannenbaum eine Reihe von Anknüpfungspunkten boten, kamen die Familien fast zwangsläufig immer wieder in Berührung, während die Kinder heranwuchsen und erwachsen wurden. An der Obergeis 11 betrieben Josef und Emma Bacharach eine Gerberei mit Woll- und Fellhandlung -– eine wahrhaft gediegene Zusammenführung der Kenntnisse, die das Ehepaar aus dem Viehhandel einerseits und dem Ellenwarenhandel andererseits mitbrachte; und das Geschäft der Gebr. Tannenbaum in der Breitenstraße 13 lag nur wenige Straßen entfernt.

Das älteste Kind der Bacharachs, Lina, heiratete 1921 mit 24 Jahren den sechs Jahre älteren Internisten Dr. Lazarus Eisemann, der aus dem unterfränkischen Westheim stammte und sich in Nürnberg als Arzt niederließ. Im März desselben Jahres trat Max Bacharach, nachdem er das Hersfelder Gymnasium mit dem Zeugnis der Mittleren Reife verlassen hatte, in das elterliche Geschäft ein, während sein älterer Bruder Leo schon 1916 nach Halberstadt gegangen war, um dort eine kaufmännische Ausbildung zu machen, und inzwischen als Kaufmannsgehilfe in Frankfurt arbeitete.

Im März 1923 starb die Mutter, Emma Bacharach. Ihr hohes Ansehen in der jüdischen Gemeinde von Hersfeld bezeugt ein Nachruf in der Zeitschrift Der Israelit: in welchem auch erwähnt wird, dass eine ungewöhnlich große Trauergemeinde dem Sarg auf den Friedhof folgte.

Vater Josef und Sohn Max Bacharach eröffneten eine Fell-, Leder- und Wollhandlung in Berlin, und ab 1927 lebte und arbeitete auch Leo Bacharach in der Reichshauptstadt, aber erst 1933 meldete er sich mit der dortigen Adresse Barbarossastraße 25 endgültig in Hersfeld ab, wo bislang sein Hauptwohnsitz gewesen war. Die Geschäfte gingen gut, der Familie ging es gut, aber mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich alles und besonders schnell für die Bacharachs, denn Max‘‘ Geschwister reagierten auf die plötzlich allgegenwärtigen Hakenkreuzfahnen höchst alarmiert.

Leo gelang schon bald die Ausreise nach England, wo er später heiratete und mit seiner Frau zwei Kinder bekam. Sein Sohn Robert sollte von dort als junger Mann in die USA auswandern. Cilly inzwischen mit dem aus Frankfurt stammenden Ernst Gottheimer verheiratet, flüchtete nach Frankreich, entkamen dort jedoch der Besetzung des Landes durch die Deutschen nicht. Cilly und ihr Mann wurden im Konzentrationslager Noe in den Pyrenäen interniert. Ernst Gottheimer starb dort am 23. Februar 1942. Cilly gelang die Flucht nach England. In London heiratete sie ein zweites Mal. Auch Lina und ihr Mann sahen zu, dass sie Deutschland so schnell wie möglich verließen, denn Dr. Lazarus Eisemann sah für sich keine berufliche Zukunft mehr in diesem Land und zudem erkannte er die Gefahr für seine Familie. Mit ihren Kindern Kurt und Edith flüchten die Eisemanns im Sommer 1933 nach Frankreich und gelangten von dort aus 1935 ins damalige Palästina.

Max Bacharach blieb. Was dafür den Ausschlag gab, dass er dem Beispiel seiner Geschwister nicht folgte, bleibt Vermutung. Noch hatte er keine eigene Familie, aber da war der verwitwete Vater, der wohl das mit viel Fleiß aufgebaute Geschäft nicht im Stich lassen wollte. Und vielleicht war da auch die Zuversicht, dass der braune Spuk vorübergehen würde und das Familienunternehmen erhalten werden konnte. Und dann war da auch Herta. Auch die Tannenbaums hielten in Hersfeld aus.

Max Bacharach und Herta Tannenbaum heirateten am 26. April 1935 und zogen in das Haus, welches Jakob Katzenstein 1904 hatte bauen lassen, und wo seine Witwe Johanna noch immer wohnte. Am 5. April 1936 wurde Max und Herta Bacharachs Sohn Rolf geboren.

1937 starben am 28. Mai Hertas Vater, Isaak Tannenbaum, und nur wenige Monate später, als 2. Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde hoch geehrt – am 15. Dezember, Max‘ Vater Josef. Für die junge Familie dezimierten sich die Gründe, in Deutschland auszuharren, wo selbst im vergleichsweise beschaulichen Hersfeld Arbeitsdienstkolonnen mit geschulterten Spaten judenfeindliche Lieder grölten. Es ist jedoch nichts darüber bekannt, dass Max und Herta Bacharach irgendwelche Versuche unternommen hätten, eine Ausreisegenehmigung zu bekommen. Stattdessen begaben sie sich in die Höhle des Löwen –- was zweifellos ein Euphemismus ist.

In Berlin existierte noch die Firma Josef Bacharach Fell-, Leder- und Wollhandlung (mit Zweigstelle in Hersfeld). Am 6. Mai 1938 zogen Max und Herta Bacharach mit Sohn Rolf nach Berlin-Wilmersdorf in die Jenaer Straße 21, eine Wohngegend, die an das Bayerische Viertel grenzte, ein von vielen jüdischen Familien bevorzugtes Quartier.

Eingang des Hauses Jenaer Str. 21, Berlin-Wilmersdorf

Im Oktober desselben Jahres folgte dann auch Hertas Mutter, Lina Tannenbaum, nach Berlin, allerdings zog sie nicht zu ihrer Tochter, deren Mann und dem Enkelsohn, sondern zu ihrem Sohn Julius, dem es – genau wie seinem Zwillingsbruder, und ihrem Jüngsten, Walter – später gelingen sollte, in die USA zu entkommen. Auch Hertas Schwester Ilse, inzwischen eine verheiratete Frau Fryder, gelang die Flucht nach Frankreich, sie wurde von dort aber in das Internierungslager Gurs in den französischen Pyrenäen verschleppt, wo sie den schrecklichen Haftbedingungen erlag.

Am 17. November 1941 wurden Max und Herta Bacharach mit Sohn Rolf nach Kaunas in Litauen deportiert und dort umgebracht. Wie eingangs gesagt: Rolf Bacharach war zum Zeitpunkt seiner Ermordung erst fünf Jahre alt. Seine Großmutter, Lina Tannenbaum wurde am 5. September 1942 von Berlin aus ins Ghetto Riga verschleppt, wo sie drei Tage später umkam.

Genug des Grauens. Man möchte wünschen, dass die Geschichte, wenn sie schon kein gutes Ende nimmt, so doch wenigstens ein Ende. Doch in diesem Fall ist es nicht so.

Ein Jahr nachdem Max, Herta und Rolf Bacharach in Kaunas umgebracht wurden, zwangen die Schlächter und Wächter dieses Vernichtungslagers jüdische Häftlinge, die Leichen der Erschossenen aus den Massengräbern auszugraben und zu verbrennen, um das grausame Geschehen zu vertuschen. Einige dieser Häftlinge, die später entkommen konnten, gaben zu Protokoll: „Die Lage der Leichen zeugt davon, dass man die Menschen in Gruppen in die Gruben getrieben hatte. Dort mussten sie sich hinlegen, dann wurde auf sie geschossen. Das hatte zur Folge, dass viele von ihnen nur leicht oder gar nicht verwundet begraben worden sind.“ (Zit. nach Monica Kingren, „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt a. M. 1938-1945, S. 368).

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