Albrecht Dürer: Feldhase

Ich finde ja, man sollte Kindern nicht zu früh den Glauben an den Osterhasen nehmen –- auch wenn das heutzutage gar nicht leicht ist, denn in jedem Supermarkt und Kaufhaus sehen die lieben Kleinen die überwältigende Fülle an österlichen Süßigkeiten und nirgends Hasen in den Schlangen an den Kassen, sondern Mütter, Väter, Großeltern, …… die das Zeug körbeweis kaufen. Warum wohl? Wer klug ist, hält die Kinder vor Ostern von den Konsumtempeln fern. Wer noch klüger ist, tut das nicht nur vor Ostern, und dies nicht nur, weil Ostern gleich nach Weihnachten beginnt.

Dabei gibt es über den Osterhasen, der nur zu Ostern so genannt wird und während des restlichen Jahres als Feldhase sein Dasein fristet, einiges zu erfahren, was sogar manche Eltern und Großeltern überraschen dürfte. So weiß zum Beispiel nicht jeder, dass Hasenkinder aus ein und demselben Wurf verschiedene Väter haben können. Es lässt sich nicht leugnen, dass Häsinnen ausgesprochen promiskuitiv sind. Hasenmänner, die sich erfolgreiche Boxkämpfe mit anderen Hasenmännern liefern, dürfen ihr Glück gerne mal versuchen, auch wenn die Häsin eigentlich schon „„was zu laufen““ hat. So kommt es nicht selten vor, dass die Hasengeschwister nur Halbgeschwister sind und dazu noch nicht mal unbedingt im genau gleichen Alter. Superfötation nennt man jenes Wunder der Natur, das es einer Häsin ermöglicht, Embryonen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien unter ihrem Hasenherzen zu tragen.

Dass Feldhasen keine Kaninchen sind, wissen die meisten, und auch, dass man dies am Körperbau (z.B. an den längeren Hinterläufen des Feldhasen) erkennen kann. Doch gibt es noch andere interessante Unterscheidungsmerkmale. Während Kaninchen ihre Jungen im Bau, also unterirdisch zur Welt bringen, und der Kaninchennachwuchs anfangs völlig hilflos ist –- nackt und blind, erblicken die jungen Feldhasen das Licht der Welt im wahrsten Sinn des Wortes, denn sie werden oberirdisch geboren, können von Anfang an sehen und laufen und verfügen über ein schützendes Fell. Ein drittes Unterscheidungsmerkmal: Kaninchen leben in Kolonien, während Hasen eher Einzelgänger sind. In anderer Beziehung haben aber Kaninchen und Feldhasen doch einiges gemeinsam: Ihr Leben ist ziemlich stressig (nicht nur zu Ostern), und genau wie Menschen brauchen Kaninchen und Feldhasen Vitamine, um topfit zu sein und allen Stress unbeschadet zu überstehen. Ein ausgeklügelter Speiseplan und der Gang in die Apotheke bleiben ihnen freilich erspart. Das Nervenschutzvitamin B1 wächst in Gestalt von Hafer, Weizen und Sonnenblumenkernen praktisch vor ihrer Nase und stellt ohnehin den Löwenzahnanteil ihrer Lieblingsspeisen dar. Ganz so unkompliziert ist es aber dann doch nicht, denn der Organismus von Hasen und Kaninchen kann B1 nicht ohne weiteres aufnehmen. Die Hasen-Vitamine werden im Darmtrakt der Tiere praktisch zu spät aufgeschlossen und müssen in Form „selbstgelegter“ Vitamin(kot)pillen erneut gefressen werden. Auch für dieses Phänomen haben die Wissenschaftler ein kluges Wort: Coecotrophie.

Das alles ist recht interessant, ob es sich jedoch als Ostergeschichte für die Kinder eignet, hängt sehr davon ab, wie Eltern oder Großeltern die Geheimnisse der Hasen erklären. Mit Begriffen wie Promiskuität, Superfötation und Coecotrophie lassen sich Kinder im Allgemeinen nicht abspeisen, und wer sich mit anschaulicheren Erklärungen überfordert fühlt, ist gut beraten, sich auf die traditionell vom Osterhasen gelegten und versteckten Eier zu besinnen.

Ich selbst habe an den Osterhasen übrigens ziemlich lange geglaubt -– dank eines von meiner Großmutter angewandten Tricks. Natürlich wusste auch ich schon bevor ich in die Schule kam, dass es die unter dem Schrank, hinter den Gardinen und (nur bei warmem Osterwetter) in der Ofenröhre versteckten Eier in den Geschäften zu kaufen gab. Umso verhasster war mir die blöde Sucherei, und ich verstand nicht, warum die Osternester nicht ebenso überreicht werden konnten, wie Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke. Doch später am Ostermorgen, wenn ich auch das letzte Marzipanei längst aufgestöbert hatte, kam dann stets meine Großmutter aus der Küche, ganz aufgeregt. „“Jetzt war der Osterhase da““, flüsterte sie mir zu und zeigte mir, als sei es ein Geheimnis, was sie in der Schürze trug: Hasenwarme Ostereier. Der Form und Größe nach hätten es Hühnereier sein können, aber so rotbraune und glänzende Eier legte kein Huhn und gab es in keinem Laden!

ALLEN FREUNDEN UND BESUCHERN EIN FROHES OSTERFEST!

Für die echten Hasengeheimnisse verantwortlich: http://www.DeutscheWildtierStiftung.de

Für die echten Ostereier verantwortlich: reichlich Zwiebelschalen, die mit den Eiern gekocht werden, und Speckschwarten (oder Speiseöl) zum Blankreiben der auf „Hasentemperatur“ abgekühlten Eier.

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