In Málaga gibt es auch heute noch ein Restaurant mit dem Namen „La Cosmopolita“, doch weder befindet es sich an derselben Stelle, noch hat es sonst etwas zu tun mit der Bar „Cosmopolita“ in der Calle Larios, die ich vor 35 Jahren zum ersten Mal betrat -– in Begleitung eines in Andalusien lebenden Deutschen, welcher sich erboten hatte, mir ein paar Tipps zu geben und mich einigen Leuten vorzustellen, die mir den Anfang meines in Spanien geplanten Lebens erleichtern sollten. Zwischen dem Besuch in einem Maklerbüro in Torremolinos und dem der Filiale der Banco de Bilbao in Málaga kehrten wir in eben jene Bar „Cosmopolita“ ein, welche eher ein Café als eine Bar war. Der in Spanien lebende Deutsche bestellte denn auch zwei café solo für uns, und während wir das unterwegs geführte Gespräch fortsetzten, winkte er einen limpiabotas heran, der nach uns das Lokal betreten hatte, und ließ sich die Schuhe putzen. Ich muss sagen, mir war die Situation nicht angenehm. Auch wenn man inzwischen in Deutschland hier und da einen Schuhputzer sieht, so ähnelt dessen Auftritt doch eher dem eines Drehorgelspielers, verkleideten Alten Fritzen oder sonstigen Straßenkünstlers. Eine selbstverständlich angebotene und ebenso selbstverständlich in Anspruch genommene Dienstleistung ist es nicht und war es damals hierzulande noch weniger. Außerdem war ich mir zu jener frühen Mittagsstunde in Málaga doch sehr unsicher, ob es denn wirklich so normal war, dass ein Mann, der eine Dame zu einem Kaffee eingeladen hatte, sich in ihrer Gegenwart die Schuhe putzen ließ, oder ob nicht doch eine gewisse Unhöflichkeit mir gegenüber darin zu erkennen war. Das Einzige, was mich erleichterte, war die mehrfach gemachte Beobachtung, dass nur Männer sich die Schuhe putzen ließen, ich mich also nicht in der Verlegenheit befand zu entscheiden, ob ich mir angesichts des bevorstehenden Besuches in einer Bank, in der ich ein Konto eröffnen wollte, ebenfalls die Schuhe putzen lassen müsste.

Der Name der Café-Bar war mir beim Eintreten nicht entgangen, und er hatte mir Eindruck gemacht. Nun musste ich mir eingestehen, dass ich noch weit davon entfernt war, eine Kosmopolitin, eine Weltbürgerin, zu sein. Allerdings war ich mir auch nicht sicher, ob der deutsche Bekannte, inzwischen mit blitzblanken Schuhen, mir wirklich so viel voraus hatte, wie er sich zu haben offensichtlich den Anschein geben wollte, als er den Schuhputzer entlohnte, ohne nach dem Tarif fragen zu müssen.

Es wird der Begriff des Kosmopoliten im Zuge der fortschreitenden Globalisierung ja immer ungebräuchlicher. Ein Wunder ist das nicht, denn während es beim Kosmopolitismus darum geht, dass das Individuum sich überall auf der Welt den dort herrschenden Lebensbedingungen anzupassen weiß, eben weltgewandt ist, geht es bei der Globalisierung wohl eher darum, überall auf der Welt die gleichen Lebensbedingungen zu schaffen, so dass für den Einzelnen keine Notwendigkeit der Anpassung mehr besteht. Das Wort Kosmopolit ist heute am ehesten noch in der Biologie anzutreffen und bezeichnet Lebewesen, welche sich, von einer ursprünglichen Heimat ausgehend, über weite Teile der Erde ausgebreitet haben, ohne erkennbare Anpassungsschwierigkeiten –- als da vorrangig zu nennen wären Hausmäuse, Kakerlaken und eine Unzahl von Krankheitserregern.

Letzteres gibt zu denken, und tatsächlich war der Kosmopolitismus keineswegs überall gut angesehen. In der DDR und der UdSSR galt er als imperialistisches, rechtsgerichtetes und nationalistisches Mittel der westlichen Großmächte, um kleine Staaten zu unterdrücken und den eigenen Nationalismus zu verschleiern. Der sozialistische Gegenentwurf war der proletarische Internationalismus, demzufolge alle Arbeiter der Welt gleiche humanistische Interessen hätten. An der Gleichheit der Interessen der Arbeiter besteht ja auch bis heute kein Zweifel. An der Gleichheit der Interessen der besitzenden Klassen weltweit allerdings auch nicht.

Eine Kernthese des am 1. Januar dieses Jahres verstorbenen Soziologen Ulrich Beck besagt, dass die zweite Moderne ihre eigenen Grundlagen aufhebt, indem Basisinstitutionen wie Nationalstaat und Familie von innen her globalisiert werden. Ein gravierendes Ausrichtungsdefizit in Forschung und Praxis war für ihn der methodologische Nationalismus des politischen Denkens, der Soziologie und anderer Sozialwissenschaften. Schon an der Stelle wird es mir zu wissenschaftlich. Ich habe das nicht studiert und wollte so weit nicht gehen. Aber etwas vereinfachend lässt sich vielleicht sagen: Wir müssen heute keine Weltenbummler mehr sein um Kosmopoliten zu sein und in der Welt draußen anzukommen. Die Welt draußen ist bei uns angekommen –- nicht im Katalog des Reiseveranstalters, sondern in unserer Nachbarschaft und oft genug in unserer eigenen Familie. Und wenn wir das richtig erkennen und akzeptieren, dann ist es gut so, und es lässt sich noch Besseres daraus machen.

Das Gegenteil (Antonym) von einem Kosmopoliten wäre übrigens ein Hinterwäldler. Und wer will das denn sein?

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