Der ist nun auch schon über zehn Jahre tot. Wenn ich je Flugangst hatte, dann seinetwegen. Das heißt, in gewisser Weise war auch meine Mutter daran schuld. Aufgebracht war sie nach Hause gekommen von einem Besuch bei ihrer Freundin, wo sie Zeugin einer der vielen heftigen Auseinandersetzungen dieser Freundin mit deren damaligen Noch-nicht-Ehemann geworden war. Die Freundin wollte sich trennen. Der Noch-nicht-Ehemann hatte herumgeschrien, sich einen geladenen Revolver an die Schläfe gehalten. Unter anderen hatte er geschrien, manchmal sei er so verzweifelt, dass er daran dächte, das Flugzeug einfach abstürzen zu lassen. Nur weil ihm dann die Frauen und Kinder einfielen, die hinten in der Maschine saßen, sei dies noch nicht passiert. Aber eines Tages …

Meine Mutter erzählte es meiner Großmutter. Sie war völlig fertig. Dieser Kerl, ein Flugkapitän und anerkannter Held der Luftbrücke, würde ihre Freundin dazu bringen, ihn doch noch zu heiraten, und sie (die Freundin) würde todunglücklich mit ihm werden. Erwachsene bedenken oft nicht, was Kinder verstehen, was sich ihnen einprägt und noch lange nachwirkt. Meine Mutter machte also einen Fehler, meiner Großmutter in meiner Gegenwart davon zu erzählen, aber in der Sache behielt sie Recht. Ihre Freundin und der Flugkapitän heirateten, und die Freundin wurde todunglücklich. Wenige Jahre später nahm sie sich das Leben. Nicht der Flugkapitän, sondern sie. Der Flugkapitän nie.

Es sollten nochmals Jahre vergehen, bevor ich zum ersten Mal ein Flugzeug bestieg. Ich war aufgeregt, wie wohl jeder vor seiner ersten Flugreise, auch ein bisschen ängstlich vielleicht. Und dieser Gedanke war da, nämlich, dass der Pilot des Flugzeugs, sollte er irgendwelche Selbstmordabsichten hegen, noch rechtzeitig an die Frauen und Kinder hinten im Flugzeug dächte. Der Gedanke blieb, huschte auch in Zukunft bei jedem Abflug wie ein kurzer Schatten vorbei. Zu einem Menschen mit ausgeprägter Flugangst wurde ich trotzdem nicht. Ich muss allerdings sagen, dass ich Flughäfen und ihre Atmosphäre mehr mag als das Reisen im Flugzeug an sich.

Nun hat nicht jeder eine Mutter, die eine Freundin hatte, deren Noch-nicht-Ehemann eine solche dramatische Szene hinlegte, von der die Mutter dann zu Hause erzählen musste. Und doch wundert es mich, ja es ist mir unbegreiflich, wie heute Menschen sagen können, sie hätten sich in ihren schlimmsten Träumen nicht vorstellen können, dass ein Mensch das tut, was gerade ein deutscher Pilot getan hat, und wovon der französische Staatsanwalt gestern sagte, als „Selbstmord“ würde er es nicht bezeichnen, wenn jemand außer sich selbst noch 149 weitere Menschen in den Tod reißt. Erstens hat es einen vergleichbaren Fall in den USA schon gegeben – mit noch mehr Todesopfern. Zweitens dürften das Leben und die Geschichte uns gelehrt haben, wozu Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen, mit den unterschiedlichsten Motiven fähig sind. Nichts wird uns mit absoluter Sicherheit jemals vor dem schützen, wozu ein Mensch fähig ist. Der Wahnsinn lauert hinter jeder Ecke und ist der Gegenpol zu dem, was wir „das normale Leben“ nennen.

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