Stolpersteine für Martin und Jeanette Jaffé vor dem Eckgrundstück Zossener Straße 29 / Marheinekeplatz in Berlin-Kreuzberg

Sie waren kein junges Ehepaar mehr, als sie 1926 in die Zossener Straße in Berlin-Kreuzberg zogen: Jeanette Jaffé, am 27. März 1870 in Briesen in Westpreußen als Jeanette Mendelsohn geboren, und ihr vier Jahre jüngerer Ehemann Martin, ein gelernter Schneider -– sie 56, er 52 Jahre alt. Wenn sie Kinder gehabt haben sollten,– wovon wir nichts wissen, so waren die schon aus dem Haus und vielleicht (hoffentlich) außer Landes. Jedenfalls möchte man ihnen das wünschen, rückblickend auf eine Zeit, die für Deutschland damals erst kommen sollte.

Die Jaffés bezogen eine Wohnung in der Zossener Straße 48, in der sie sieben Jahre lang wohnen blieben. Dann zogen sie in die Zossener Straße 29, in eine Wohnung, die nur aus Stube und Küche im 2. Stock bestand. Martin Jaffé arbeitete nicht mehr in seinem erlernten Beruf. Ab 1933 war seine Berufsbezeichnung mit „Posthelfer“ angegeben. Vielleicht war er einer von denen, die schon vor Morgengrauen aufstehen mussten, um auf dem Postamt die Briefe zu sortieren und auf die Fächer zu verteilen, aus denen sie die Zusteller, die damals noch Postboten hießen, am Morgen abholten und in ihre Umhängetaschen steckten, um sie auszutragen. So weit, so –- wenn auch nicht unbedingt gut -– vielleicht erträglich.

Seine Arbeitsstelle bei der Post scheint Martin Jaffé 1937 verloren zu haben, denn noch bevor der Leiter der Geschäftsgruppe Arbeitseinsatz und (in diesem Fall ironischerweise) Sohn eines Postbeamten Friedrich Syrup am 20. Dezember 1938 den „geschlossenen Arbeitseinsatz“ aller erwerbslosen und sozialunterstützten Juden im Reichsgebiet anordnete, wurde Martin Jaffé zur Zwangsarbeit in der chemischen Fabrik J. D. Riedel -– E. de Haën AG in Berlin-Britz herangezogen. Wenn man darin etwas Gutes sehen will, so dass es ihn (und seine Frau) vorläufig, das heißt bis fast zum Ende des Winters 1942/43 vor der Deportation bewahrte.

Nachdem Adolf Hitler 1942 dem Austauschplan Speers zugestimmt hatte, der das Ersetzen jüdischer Zwangsarbeiter durch solche aus dem Osten vorsah, formulierte das Reichssicherheitshauptamt am 20. Februar 1943 die “Richtlinien für die Evakuierung von Juden“ neu. Eine wesentliche Änderung bestand im Wegfall des ohnedies schwachen aber bis dahin noch gegebenen Schutzes vor Deportationen für Juden, die in „kriegswichtigem Arbeitseinsatz“ standen.

Ende Februar wurde das Ehepaar Jaffé im Rahmen der später als „Fabrikaktion“ bezeichneten Verhaftungen festgenommen. Die „Razzia“ (so von der Gestapo genannt) in Berlin dauerte eine Woche. In dieser Zeit wurden in rund 100 Betrieben die dort zwangsbeschäftigten Juden verhaftet und zu Sammelstellen gebracht. Andere ereilte die Festnahme auf offener Straße, weil sie durch den Judenstern kenntlich waren, oder bei Wohnungsdurchsuchungen. Insgesamt wurden während dieser Aktion mehr als 8.000 Juden inhaftiert.

Zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung beschränkten sich die Besitztümer von Jeanette und Martin Jaffé auf ihre Kleidung und die Möbel in ihrer kleinen Wohnung. Von Besitz konnte eigentlich keine Rede sein, denn da sie erzwungenermaßen von der Wohlfahrt gelebt hatten, schuldeten sie dieser 600,- Reichsmark, eine Summe die den geschätzten Wert des bescheidenen Inventars deutlich überstieg, selbst wenn man die Nähmaschine und einen alten Eisschrank hinzurechnete. Dies und dass die Miete bis zum 30. März bezahlt war, geht aus der „Vermögenserklärung“ hervor, welche sie am 15. März 1943, zwei Tage vor ihrer Deportation, in der Sammelstelle unterschrieben und die mit der Versicherung schloss: „“Ich erkläre ausdrücklich, dass ich meine vorstehenden Angaben nach bestem Wissen gemacht und keine Vermögenswerte verschwiegen habe. Ich bin mir bewusst, dass falsche oder unvollständige Angaben geahndet werden.““

Zossener Straße 29 / Marheinekeplatz in Berlin-Kreuzberg

Am 17. März 1943 wurden Jeanette und Martin Jaffé mit dem letzten „Großtransport“ aus Berlin ins Ghetto Theresienstadt deportiert -– mit ihnen im Zug auch langjährige Mitarbeiter der Jüdischen Kultusverwaltung, Träger von Verwundetenabzeichen aus dem Ersten Weltkrieg, Kriegerwitwen und Kriegsversehrte. Auch diese waren bis dahin von Deportationen verschont geblieben.

Martin Jaffé starb sieben Tage nach der Ankunft in Theresienstadt am 24. März 1943. Jeanette überlebte ihren Mann und die unmenschlichen Bedingungen im Ghetto über ein Jahr. Sie starb am 14. April 1944, bald nach ihrem 74. Geburtstag.

„Das Haus ist im Krieg zerstört worden. Vom Leben der beiden Menschen, die hier zehn Jahre gewohnt haben und deren Leben in Theresienstadt ausgelöscht wurde, zeugen nur diese dünne Akte und diese beiden Stolpersteine als Mahnung an alle, die hier vorbeigehen. Schaut genau hin, was um euch herum geschieht – niemals wieder darf so ein Völkermord zugelassen werden!“ Mit diesen Worten schloss die Ansprache bei der Verlegung der Stolpersteine am 8. Dezember 2005.

Während ich das Foto machte, quirlte um mich herum das Leben, das man an dieser Stelle Berlins, mit der Marheineke Markthalle und der Bergmannstraße gleich nebenan, als gelebte kulturelle Vielfalt bezeichnen kann. So soll es bleiben.

Quelle:
Biografische Zusammenstellung von Burkhard Hawemann; bearbeitet/ergänzt durch Wilfried Burkard
für die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

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