Stolperstein für Siegfried Czarlinski

Wann Siegfried Czarlinski, geboren am 25. März 1887 in Preußisch Stargard, nach Charlottenburg zog, das damals noch eine eigenständige Stadt war –- seit 1893 sogar eine Großstadt, wissen wir nicht. Im Jahr 1919 jedenfalls kandidierte der Zweiunddreißigjährige, in dessen Papieren als Religionszugehörigkeit „mosaisch“ vermerkt war, für die Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung. Zwar wurde er nicht gewählt, aber als Nachrücker gelangte er dann doch bald in die Versammlung, die nach der Eingemeindung Charlottenburgs nach Groß-Berlin 1920 zur Bezirksverordnetenversammlung wurde. Auch bei allen folgenden Wahlen sollte Siegfried Czarlinski ein Mandat erhalten, anfangs für die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), ab 1922 für die SPD.

Czarlinski hatte es bei einer Versicherungsgesellschaft zum Generalvertreter für Charlottenburg gebracht, dazu noch war er staatlicher Lotterieeinnehmer. Er und seine Frau Anna wohnten in bester Lage, in der Wundtstraße, direkt am Lietzensee. Auch politisch entwickelte sich Czarlinskis Karriere. Es blieb nicht beim Bezirksverordneten, er wurde in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt – – ein angesehener, vertrauenswürdiger Bürger, dessen Wiederwahl auch 1933 den allgemeinen Erwartungen entsprach. Doch die Machtergreifung durch die NSDAP sollte für den SPD-Politiker und Juden nicht ohne Folgen bleiben. Im Juni desselben Jahres wurde die SPD als Partei verboten und einen Monat später die Verordnung zur Sicherheit der Staatsführung erlassen. Siegfried Czarlinski wurde das Mandat entzogen und die Tätigkeit als Stadt- und Bezirksverordneter untersagt. Und damit nicht genug. Sowohl aus politischen Gründen, als auch weil er Jude war, entzog man ihm die Konzession als Lotterie-Einnehmer, und die Versicherungsgesellschaft kündigte ihm die Generalvertretung. Es begann ein Katz-und-Maus-Spiel.

Eingang des Hauses Wundstraße 52 in Berlin-CharlottenburgMehrmals wurde Siegfried Czarlinski von der Gestapo verhaftet und verhört, kam aber immer wieder nach kurzer Zeit frei. Ab 1941 zwang man ihn, den „Judenstern“ zu tragen. Im Mai 1944 erfolgte wieder eine Verhaftung, aber diesmal lief es anders. Er wurde in das Sammellager in der Weddinger Schulstraße gebracht. Von dort kam er mit anderen Juden in das Lager Großbeeren. Seine Frau, Anna Czarlinski, erhielt keine Nachricht mehr. Siegfried Czarlinski blieb verschollen.

1951 gab Anna Czarlinski vor dem Amtsgericht Charlottenburg eine Eidesstattliche Erklärung ab: „“Von dort [Lager Großbeeren] kam ein von mir an meinen Ehemann gerichteter Brief im Januar 1945 mit dem Vermerk ‚unzustellbar, ist nicht mehr im Lager‘ an mich zurück. Ich habe seitdem nie etwas von meinem Ehemann, oder von sonstiger dritter Seite über ihn, vernommen, habe insbesondere keinerlei Lebenszeichen mehr erhalten. […] Meine zahlreichen Nachforschungen bei amtlichen und nichtamtlichen Suchdienststellen nach dem Verbleib meines Ehemanns blieben sämtlich ohne Erfolg.“

Das Amtsgericht setzte Siegfried Czarlinskis Todesdatum auf den 18. Mai 1944 fest. Es war davon auszugehen, dass er im Lager Großbeeren ermordet worden war.

Quelle:
Biografische Zusammenstellung: Verein Aktives Museum e. V.
Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

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