Ich habe es hier und da immer wieder einmal erwähnt: Ich bin kein Gruppenmensch. Ich bin nicht einmal ein Familiengruppenmensch. Nach größeren Familienfeiern oder sogenannten Gesellschaften anderer Art fühle ich mich wie erschlagen. Ich bin ein Zweiermensch, liebe das konzentrierte Gespräch unter vier Augen. Zu zweit kann man auch mal einfach nichts sagen. Gruppenschweigen dagegen ist irgendwie –… also, ich weiß nicht -– vielleicht schon deshalb seltsam, weil es praktisch nie vorkommt, außer kurz vor Beginn eines Konzerts oder Vortrags, und selbst da hüstelt oder flüstert noch jemand. Und hat das Konzert (oder der Vortrag) erst begonnen, wird aus der schweigenden Gruppe eine Zuhörerschaft.

Doch selbst jemand wie ich fühlt sich -– sein steppenwölfisches Einzelgängertum genießend -– innerlich einer Gruppe zugehörig. In meinem Fall ist es die Familie; solange ich berufstätig war, waren es außerdem noch die Kollegen. Darüber hinaus wird es schwierig. Jene Gruppen, in die man zwangläufig hineingeboren wird oder in die hinein es einen verschlägt, ob man will oder nicht, die Volksgemeinschaft, die Einwohnerschaft einer Stadt, die Nachbarschaft, lösen in mir kein Gefühl irgendwie gearteter Nähe aus, sondern nur das Bewusstsein, eine soziale Verantwortung zu haben solange der Zustand andauert, ich also in einer Nachbarschaft, einer Stadt, einem Land lebe. Vielleicht befinde ich mich ja in einer lebenslänglichen sozialen Identitätskrise –- lebenslänglich, weil ich schon als Kind kein Gruppenkind war. Ich hasste die Schule, nicht weil man lernen und damals dazu auch noch stillsitzen musste, sondern weil das Ganze in einer Klasse passierte -– in einer Gruppe. Dafür muss mich niemand bedauern, da ich das Bedürfnis zu einer Gruppe zu gehören, nicht kenne, dafür aber einige Leute kenne, denen es ganz ähnlich zu ergehen scheint wie mir. Nein, auch ich bin nicht allein.

Nun las ich heute über eine sozialpsychologische Studie, bei der es darum ging herauszufinden, ob das Gruppenzugehörigkeitsgefühl auch dann Menschen in ihrem Verhalten beeinflusst, wenn es nicht um Gruppen geht, bei denen man sich an Menschen orientiert, die einem in irgend einer Weise ähnlich sind oder mit denen man Interessen oder Vorlieben teilt, sondern um die größtmögliche Gruppe: die Menschheit.

Ich muss zugeben, um mir die Menschheit als Gruppe vorzustellen, bräuchte ich ein paar Außerirdische, am besten solche, die unseren Planeten und seine Bewohner bedrohen. Ein Feindbild nach außen war schon immer gut fürs Gruppengefühl. Aber darum ging es den Wissenschaftlern natürlich nicht. Es ging um Solidarität ohne Feindbild oder doch fast ohne Feindbild. Es ging um gerechte Verteilung, um Fair Trade zum Beispiel. Und es ging darum nachzuweisen, dass Menschen mit einem besonders ausgeprägten Zugehörigkeitsgefühl zur Menschheit …… Hier wird es für mich schwierig mitzudenken, weil ich mir nicht so recht vorstellen kann, wie man denkt und fühlt, wenn man sich eher weniger der Menschheit zugehörig fühlt, oder was man denn meint, wozu die Gruppe gehört, welcher man sich so innig verbunden weiß.

Die Wissenschaftler ließen natürlich Fragebögen ausfüllen, um sich vom Menschheitszugehörigkeitsgefühl ihrer Testgruppe (auch eine Gruppe!) ein Bild zu machen. Und als krönenden Abschluss bzw. Dankeschön gab es eine Tafel Schokolade, die sich die Teilnehmer aussuchen durften. Zur Auswahl standen konventionell und fair gehandelte Schokoladentafeln, wobei die Fair Trade-Produkte deutlich kleiner waren. – Muss ich hinzufügen, dass auch die Schokoladenauswahl der Probanden in das Untersuchungsergebnis einfloss? Mir hätte da kein Lapsus unterlaufen können. Mir hat man als Kind schon beigebracht, bescheiden zu sein (oder wenigstens so zu tun).

Noch bevor ich den Bericht gelesen hatte, war ich übrigens in meinem neuen Stammcafé. Ich gehe da gerne hin, obwohl es mir verdächtig billig erscheint (2 Euro für einen kleinen Kaffee und ein Stück Kuchen), aber der Laden ist angenehm belebt und man hat einen guten Blick auf die Straße. Den Kaffee muss man sich übrigens selbst an der Kaffeemaschine zapfen. Da stehen zwei Maschinen nebeneinander – eine mit Bio- eine mit normalem Kaffee. Der Preis ist derselbe. Und gerade heute hatte ich zur Bedienung gesagt, dass ich es schön fände, wenn es statt des Bio-Kaffees einen Fair Trade-Kaffee gäbe, und dass ich für den gerne auch mehr bezahlen würde. Ich fühle mich halt doch der Gruppe Menschheit zugehörig. Was bleibt mir auch anderes übrig?

Bei der erwähnten Studie handelt es sich um die Publikation „Global Identification and Fairtrade Consumption”, erschienen in The Journal of Social Psychology.
Die Überschrift der Kolumne ist ein Zitat aus Reihnard Meys Lied „Bevor ich mit den Wölfen heule“.

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