Im Sommer 2012 redete das Göttinger Tageblatt dem Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Göttingen, Professor Dr. Michael Klintschar, ordentlich ins Gewissen. Es ging um Haarmanns Kopf. Wir erinnern uns bitte: Der für 24 Morde zum Tode verurteilte Fritz Haarmann war am 15. April 1925 enthauptet worden. Der abgetrennte Kopf wurde zur Präparation der Rechtsmedizin der Universität Göttingen übergeben und landete in der forensischen Sammlung des Instituts. Zwar war der Kopf seit Jahrzehnten nicht mehr ausgestellt worden – wer ihn jetzt noch gerne sehen möchte, muss einen Blick auf die Seite des Tageblatts werfen – doch der durch die schon damals geführte Diskussion um Gunther von Hagens „Körperwelten“ aufgescheuchte Journalist, sah sich doch veranlasst, eine ordnungsgemäße Bestattung des Kopfes anzumahnen, und Dr. Klintschar zeigte sich durchaus einsichtig. Gebracht hatte das Präparat ohnehin wenig bis nichts – jedenfalls nichts in der Art einer Erkenntnis, woran man einen Verbrecher erkennen und seinem bösen Tun zuvorkommen könnte. Der Kopf wurde eingeäschert und im März 2014 anonym bestattet. Das Interesse am Verbrechergehirn ganz allgemein jedoch ist ungebrochen, wendet sich allerdings mehr und mehr dem Verbrecher-Elektronengehirn zu.

Heute muss in der Nachrichtenredaktion des rbb kurzfristig ein kleines schwarzes Loch entstanden sein, so etwas wie eine Sauregurkenzeit von wenigen Stunden Dauer. Jedenfalls tauchte in einigen Nachrichtensendungen „precob“ aus den Mitteilungen des LKA auf wie sonst Nessi im Hochsommer aus dem Loch (nicht aus dem schwarzen, sondern dem Loch Ness). Seither versuche ich der Aktualität dieser Meldung auf die Spur zu kommen und werde nicht fündig. In Wien arbeitet man mit solcher Software seit einem Jahr, in München und Augsburg testet man sie seit Oktober 2014, das LKA in Düsseldorf hat das Projekt Mitte Februar ausgeschrieben. 100.000 Euro müssen dafür „in die Hand genommen“ werden – das alles ist bekannt und hat niemanden wirklich vom Hocker gerissen. Allerdings hat das heutige Aufwärmen doch dazu geführt, dass ich ein bisschen nachgelesen habe über diese Prognosesoftware, die es der Polizei ermöglichen soll, Verbrechen vorauszusehen und dann, …… Ja was? Täter zu verhaften, bevor sie eine Tat begangen haben? Und wann genau ist der Augenblick gekommen, in dem die Unschuldsvermutung nicht mehr gilt?

Nun, damit sollen Juristen sich herumschlagen. Was mich weit heftiger umtreibt ist, dass diese Software mit Algorithmen arbeitet, welche sich die Perspektive des potentiellen Täters zu Eigen machen, so dass das elektronische Gehirn zum Verbrechergehirn wird, dessen Denke es dann aber umkehrt. Jedenfalls ist das im groben Ganzen die Idee. Dort, wo Verbrecher am wenigsten mit einer Gefahr, dafür aber mit lohnender Beute rechnen, genau dort wird die Polizei ihnen auflauern. – Nun wage ich nicht, mir auszumalen, wohin es führt, wenn Verbrecherkreise sich dieser Software und der geheimen Algorithmen bemächtigen, um die Strategie der Polizei zu konterkartieren und das Umgekehrte nochmals umzukehren. Ganz ruhig! Zunächst will man die Software ja tatsächlich nur auf dem Gebiet der Einbruchskriminalität testen und das Programm mit den Daten füttern, wo in letzter Zeit Einbrüche stattgefunden haben (früher reichten dazu Stecknadeln im Stadtplan), weil die Erfahrung gezeigt hat, dass Einbrecherbanden in der Nachbarschaft wieder zuschlagen. Aber wenn man das doch schon weiß, wozu dann 100.000 Euro für ein Computerprogramm? Gut, ganz so einfach ist es nicht. Zwar wird man keine personenbezogenen Daten eingeben –- da ist (noch) der Datenschutz davor, aber Wetterdaten sollen mit verarbeitet werden. Man ist sehr gespannt, ob sich ein Zusammenhang von Einbruchshäufigkeit und zum Beispiel Regenwetter ergibt.

Also, wenn ich ein Einbrecher wäre, würde ich bei Regen eher nicht auf Tour gehen, weil die Wahrscheinlichkeit relativ hoch ist, dass die Leute zu Hause bleiben und etwas dagegen einzuwenden haben könnten, wenn man ihre Bude ausräumt. Aber: „Warte, warte noch ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, ..….“

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