Stolpersteine für Frieda und Regi Baer
Frieda Baer wurde als Frieda Joachimsthal am 22. März 1889 in Eberswalde (Brandenburg) geboren. Ihren Mann, Herrmann Baer, muss sie recht jung geheiratet haben, denn schon 1908 kam das erste Kind zur Welt, der gemeinsame Sohn Alfons, am 4. November 1915 dann die Tochter Regi. Herrmann Baer aber überlebte den Ersten Weltkrieg nicht.

Die nun alleinerziehende Mutter erhielt als Witwe eine Kriegshinterbliebenenrente von 88,95 Mark. Das reichte nicht für den Lebensunterhalt der dreiköpfigen Familie, und Frieda arbeitete als Buchhalterin und Kontoristin, um ihre Kinder aufzuziehen. Von der Tochter weiß man, dass sie nach der Schule eine Ausbildung als Säuglingsschwester und Kindergärtnerin machte, jedoch konnte sie diesen Beruf nicht lange ausüben.

Eingang des Hauses Pestalozzistraße 99a

Etwa 1934 bezog die Familie eine 2-½-Zimmerwohnung in der Pestalozzistraße 99a im Vorderhaus Parterre. Aus den wenigen erhaltenen Unterlagen geht nicht hervor, ob dieser Umzug vor oder nach dem Eisenbahn-Verkehrsunfall von Frieda Baer erfolgte. Da sie von da an schwer behindert war und es sich um eine Wohnung zu ebener Erde handelte, spricht einiges dafür, dass das Unglück der Grund für den Wohnungswechsel war. Damit sie sich um ihre Mutter kümmern konnte, arbeitete Regi nun nur noch stundenweise als „Hausangestellte“, wie sie später selbst angab.

Am 13. Juni 1938 wurde Alfons Baer verhaftet und zunächst wohl ins KZ Buchenwald verschleppt. Um das immer geringer werdende Einkommen der Familie aufzubessern, vermietete Frieda Baer sein Zimmer. Auch dieser Untermieter wurde deportiert – im April 1942 „abgewandert“, hieß es im nationalsozialistischen Amtsdeutsch.

Als Frieda und Regi Baer am 27. August 1942 die erzwungenen „Vermögenserklärungen“ unterschrieben, befanden sich die beiden Frauen sehr wahrscheinlich bereits im Sammellager Levetzowstrasse 7/8, einer ehemaligen Synagoge. Der Hausrat der gemeinsamen Wohnung wurde auf 193.- Mark geschätzt. Der Trödler Kwiatkowski aus der Krummen Strasse kaufte die Sachen später für 130,10 Reichsmark.

Frieda und Regie Baer wurden am 5. September 1942 nach Riga deportiert und dort am 8. September von den Nazis ermordet.

Die Miete für September hatten die Baers schon bezahlt. Für den Oktober verlangte die Hauseigentümerin Elisabeth Schauppmeyer die ausstehende Miete von der Oberfinanzdirektion, da die Wohnung von der Gestapo versiegelt worden sei und deshalb noch nicht hatte neu vermietet werden können. Bei der Gelegenheit wies sie auch auf den Mietausfall für die 6 ½-Zimmerwohnung von Natalie Hardt hin, die am 31. August „evakuiert“ worden war. Noch 1940 war Natalie Hardt im Adressbuch als Eigentümerin des Eckhauses Pestalozzistrasse 99a/Schlüterstrasse 17 angegeben worden. Es ist davon auszugehen, dass sie aufgrund der am 03.12.1938 erlassenen „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“, nach der Juden gezwungen werden konnten, Grundstücke zu verkaufen, genötigt worden war, ein Kaufangebot von Frau Schauppmeyer anzunehmen.

Alfons Baer wurde am 28. April 1945 durch die amerikanischen Truppen in der Nähe von Starnberg befreit. Fast sieben Jahre hatte er in sechs verschiedenen KZs verbracht: Buchenwald, Auschwitz, Birkenau, Dachau, Warschau, Ampfing bei Mühldorf. Er hatte überlebt. Eine Familie hatte er nicht mehr.

Im Parterre Pestalozzistraße 99a befinden sich heute keine Wohnungen mehr. Das Erdgeschoss des Eckhauses wird zum größten Teil von einem noblen Antiquariat eingenommen. Wäre der heutige 22. März kein Sonntag, hätte ich den Laden wohl betreten und den Antiquar gefragt, ob er jemals von Frieda und Regi Baer gehört habe, in deren ehemaliger, bescheiden eingerichteter Wohnung sich vielleicht jetzt kostbar gebundene Folianten stapeln. – Nun, zumindest in dieser Hinsicht hätte es schlimmer kommen können.

Quellen:
Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Berliner Adressbücher; Akten der Berliner Entschädigungsbehörde
Biografische Zusammenstellung von Dr. Micaela Haas für die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

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