Stolpersteine für Arnold Cohn und Max Habermann
(Es gab keine roten Nelken.)

Am 21. März 1885 kam Max Habermann als Sohn eines Schneidermeisters zur Welt, und zwar in Altona, das zu jener Zeit (und bis 1938) noch nicht zu Hamburg gehörte, sondern eine selbständige Stadt war. Dort besuchte er die Volks- und Mittelschule und war anschließend sieben Jahre lang als Lehrling und Gehilfe im Buchhandel tätig.

Es scheinen sich ja Buchhandlungen durchaus als Brutkästen für politisches Engagement zu eignen. Jedenfalls gewannen die im „Kunstwart“ publizierten Anschauungen sowie die Lebensreform und andere soziale Bewegungen nachhaltigen Einfluss auf den jungen Mann. So kam er 1904 zum Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband (DHV) und wurde 1907 dort hauptamtlicher Mitarbeiter in der „Sozialpolitischen Abteilung“. 1911 übernahm er die Schriftleitung der „Deutschen Handelswacht“, des Zentralorgans des DHV, 1913 wurde er in die DHV-Verwaltung gewählt. Dann brach der Erste Weltkrieg aus, Max Habermann meldete sich als Kriegsfreiwilliger und brachte es zum Leutnant der Reserve.

Nach Kriegende kehrte Habermann zum Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband zurück und übernahm wieder dessen Sozialabteilung. Unter betonter Bewahrung überkommener Grundsätze und Überzeugungen („Wir schwimmen gegen den Strom!“) wurde der Wiederaufbau des DHV und dessen Eingliederung in die Weimarer Republik ins Werk gesetzt. Habermanns Arbeit brachte ihn in enge politische Verbindung zu Brüning, Adam Stegerwald und den Führern des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Mit Mitte dreißig gehörte er zu den geistigen Vätern des „Vorläufigen Reichswirtschaftsrates“ und wirkte mit am Beschluss des Braunschweiger Verbandstages vom Mai 1920, durch den die Mitglieder des DHV zur aktiven politischen Arbeit aufgerufen und deren Verwaltung zur Nominierung offizieller Verbandskandidaten bei den bürgerlichen Parteien verpflichtet wurden. Das System politischer Querverbindungen sollte dem DHV in den 20er Jahren eine weit über seine Mitgliederzahl hinausgehende Bedeutung verleihen.

Als Habermann 1922 Leiter der „Abteilungen Jugend, Berufsbildung und Allgemeinbildung“ des DHV wurde, mit Standort erst im Spandauer Johannisstift, später in Hamburg, erwies er sich als geborener Erzieher. Er wurde Mitbegründer des „Bundes der Fahrenden Gesellen“ und machte sich schnell mit allen Jugend- und Bildungsfragen so vertraut, dass das Niveau der Abteilungen unter seiner Aufsicht auch bei konkurrierenden Gewerkschaften Anerkennung fand.

Es folgten Berufungen in Aufsichtsräte, 1924 in den der Hanseatischen Verlagsanstalt in Hamburg, 1930 in den des Verlages Langen-Müller in München, dessen Vorsitz er übernahm. Im selben Jahr wählte der „Internationale Bund christlicher Gewerkschaften“ Habermann zum Präsidenten, und die Verwaltung des DHV betraute ihn mit der Vertretung der Verbandspolitik in der Öffentlichkeit. In der 1931 erschienenen Publikation Stand und Staat stellte Habermann die Grundsätze dieser Politik dar. Um sie zu verwirklichen, suchte er gemeinsam mit dem Reichskanzler Heinrich Brüning einen Weg zwischen den reaktionären Bestrebungen des Groß- und Altbürgertums und dem Extremismus der NSDAP. Nach dem Sturz Brünings begab sich der DHV in schärfste Opposition zur Regierung Papen und zog die offiziellen Verbandsabgeordneten aus dem Reichstag zurück, während sich Habermann noch bis in den Spätherbst 1932 vermittelnd um die Bildung eines Kabinetts Schleicher mit Brüning als Außenminister und Gregor Straßer als Innenminister bemühte.

Im April 1933 wurde Max Habermann von den Nationalsozialisten aus seinen Gewerkschaftsämtern entfernt und an seinem Wohnsitz, Hamburg-Rahlstedt, vorläufig unter Hausarrest gestellt. Alle Hoffnung auf eine Besserung der politischen Lage war vergebens. Habermanns Ablehnung gegenüber dem Nationalsozialismus steigerte sich noch durch die unverhohlene Brutalität, welche das Regime anlässlich des sogenannten Röhm-Putsches Ende Juni/Anfang Juli 1934 an den Tag legte. Im darauffolgenden Herbst eröffnete er in Berlin ein Geschäft für Büroartikel. Dieses diente nicht nur dem Lebensunterhalt für die Familie, die nun in Lichterfelde in der Berliner Straße 51 (heute Ostpreußendamm 51) im Haus von Arnold Cohn, einem Juden, wohnte. Der Laden war auch Kontaktadresse und Treffpunkt für die Oppositionellen aus der christlichen Gewerkschaftsbewegung, die Max Habermann nun um sich sammelte. Auch knüpfte er Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen, so ab dem Winter 1934/35 zu den Kreisen um Jakob Kaiser und Wilhelm Leuschner, mit denen er eine Einheitsgewerkschaft plante, die nach dem Sturz des NS-Regimes verwirklicht werden sollte.

Das Haus Ostpreußendamm 51

Das Haus Ostpreußendamm 51 (früher Berliner Str. 51), wie es heute aussieht

Ab dem Jahr 1938 hatte Habermann auch Verbindungen zur Opposition in der Wehrmacht, was dazu führen sollte, dass er schließlich zum engeren Kreis des deutschen Widerstandes vom 20. Juli 1944 gehörte. Doch bis es dazu kam, geschahen noch andere Dinge. Habermanns Vermieter, Arnold Cohn wurde im Januar 1942 nach Riga deportiert. Und als die Luftangriffe der Alliierten auf die deutsche Hauptstadt zunahmen, ließ sich Habermanns Frau Anni mit den Kindern nach Müden a. d. Aller evakuieren.

Nachdem das Attentat auf Adolf Hitler und damit der Umsturzversuch gescheitert war, versteckte sich Max Habermann zunächst bei Freunden in Bielefeld. Doch auch Bielefeld wurde bombardiert und ausgerechnet jenes Haus durch Bomben zerstört. Als Habermann daraufhin versuchte, im Quartier seiner Familie in Müden unterzukommen, lauerte man dem Flüchtigen hier offenbar schon auf. Er wurde von der Gestapo verhaftet und in das Gerichtsgefängnis Gifhorn verschleppt, wo er am 30. Oktober 1944, in der Nacht nach seiner Festnahme, seinem Leben ein Ende setzte, um nicht unter Folter die Namen der bis dahin noch lebenden Beteiligten des Attentats vom 20. Juli zu verraten.

Zurück blieb Anni, die Max Habermann sieben Kinder geboren hatte, zwei Töchter und fünf Söhne, von denen drei zur Wehrmacht eingezogen worden und im Krieg gefallen waren.

Quellen:
Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Wikipedia: Max Habermann
Krebs, Albert, „Habermann, Hans Max“ in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 397 f. [Onlinefassung]

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