Stolperstein für Dr. Georg Johannes Friedrich Epstein

Georg Johannes von Epstein (gebräuchlich ist auch die Schreibweise Eppstein) wurde am 20. März 1874 in Breslau geboren. Über seine Kindheit und Jugend ist nur bekannt, dass er einem jüdischen Elternhaus entstammte. Nach dem Abitur studierte er Philosophie und Literatur und war daneben als Hilfsredakteur, Feuilletonist und Theaterkritiker für Breslauer Zeitungen tätig. Mit dem Schreiben war es ihm ernst, und so erschienen – ebenfalls noch während seiner Studienzeit – mehrere Gedicht- und Erzählbände: Erste Wanderfahrten, Gedichte und Skizzen (1896); Arys’er Soldatenleben, Humoreske in Versen (1897); die Novelle Fallendes Laub (1898); dann, im Jahr 1899 Else, ein Liederreigen. Im selben Jahr promovierte er zum Dr. phil.

Offenbar zog Epstein um die Jahrhundertwende nach Berlin um, denn wie der „Fremdstämmigenkartei“ des NS-Pfarrers Dr. Karl Themel (Evangelisches Landeskirchliches Archiv, Berlin) zu entnehmen ist. ließ er sich 1901 in der Kreuzberger Jerusalemgemeinde christlich taufen. Ein Anhaltspunkt, was ihn zu diesem Schritt bewogen hatte, fehlt. Möglich, dass er seine spätere Ehefrau, eine Christin, bereits kannte und ihrem Wunsch nachkam. Auch möglich, dass eine Affinität zum deutschen Adel, die bald deutlich zutage treten sollte, ein Motiv lieferte. Vielleicht deutet sich eine Antwort an in zwei Publikationen, die im Jahr seiner Taufe erschienen: Vorübergehen, neue Gedichte und Skizzen und Studien zur Geschichte und Kritik der Sokratik.

Als Publizist beschäftigte sich Epstein mit staatsrechtlichen und historischen Themen, wobei er hauptsächlich Pressestimmen und Archivquellen kompilierte, edierte und kommentierte. 1903 gab er gemeinsam mit Paul von Roëll Bismarcks Staatsrecht: die Stellungnahme des Fürsten Otto von Bismarck zu den wichtigsten Fragen des Deutschen und Preussischen Staatsrechts heraus. Im Oktober 1904 folgte – wieder mit Paul von Roëll und den Ordenskundlern Karl Schiller und Otto v. Trotha der Deutsche Ordens-Almanach: Handbuch der Ordensritter und Ordens-Damen deutscher Staatsangehörigkeit. Diese Publikation war vorgesehen, in zweijähriger Folge jeweils im Oktober in Leipzig und Berlin zu erscheinen und tat dies auch 1906 und 1908, wurde nach der dritten Ausgabe aber eingestellt.

In der Schlussphase des Lippischen Erbfolgestreits befasste sich Johannes Georg Epstein mit den Rechtsangelegenheiten des damaligen Regenten Leopold zur Lippe aus der Linie Lippe-Biesterfeld. So kam es, dass er ab 1906, nach der Thronbesteigung durch Leopold zur Lippe, zunehmend als Rechts- und Finanzberater des Fürstenhauses herangezogen wurde und in das Zivilkabinett des Fürsten Leopold IV. eintrat, dessen Leitung er später sogar übernahm. Zu dieser Zeit lebte Georg Epstein mit seiner Familie – er hatte inzwischen die 1876 geborene Herta Reymann geheiratet – in Berlin-Wilmersdorf, später teilweise auch in Detmold, wo Epstein als Kabinettsrat eine Dienstwohnung zur Verfügung stand. 1909 brachte Herta eine Tochter zur Welt: Ingeborg. Im Jahr der Geburt seines ersten und wohl einzigen Kindes veröffentlichte Epstein an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau die juristische Dissertation Beiträge zum Kündigungsrecht der Militärpersonen, Beamten, Geistlichen und Lehrer an öffentlichen Unterrichtsanstalten nach Paragraph 570 BGB.

Für seine Verdienste wurde Georg Epstein am 30. Januar 1912 von Fürst Leopold IV. mit dem Lippischen Leopold-Orden ausgezeichnet. Während des ersten Weltkrieges war er einige Zeit bei übergeordneten Stäben in der Umgebung des in Belgien und Frankreich eingesetzten Kontingentverbands des Fürstentums Lippe tätig, wurde zeitweise als Ordonnanzoffizier im Stab des Generals Hermann von François verwendet und 1915 vom Fürsten geadelt. Von nun an nannte er sich Dr. Georg Johannes Friedrich von Epstein.

Neben seinen anderen Verpflichtungen trat von Epstein auch immer wieder mit Veröffentlichungen in Erscheinung, so 1916 mit der Publikation Deutschland und Ungarn: ein Beitrag zu den politischen und oekonomischen Beziehungen der beiden Länder in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und 1917 mit Der Einfluss des Ungarischen Staatsrechts auf die Rechtstellung der Doppelmonarchie. Im selben Jahr wurde er als Wirklicher Geheimer Rat berufen – mit dem Titel Excellenz – und ein Jahr später vom Fürsten in den Stand eines Freiherrn erhoben. Er lehrte nun an der von ihm selbst mitbegründeten Fürst-Leopold-Verwaltungsakademie in Detmold, an welcher kriegsversehrte Offiziere zu Kommunalbeamten umgeschult wurden. Die Akademie verlieh ihm die Ehrendoktorwürde.

Doch durch die extremen Belastungen des Krieges änderten sich die politischen Verhältnisse in Deutschland. Nach der Novemberrevolution von 1918/19 und der Abdankung des Fürsten zog Georg von Epstein mit seiner Familie nach Berlin-Lichterfelde um, wo er 1921 eine Villa in der Potsdamer Straße 32 erwarb. Er, der nun keine Stellung bei Hofe mehr hatte, widmete sich ganz dem Schreiben und seinen publizistischen Aktivitäten, verbrachte viel Zeit mit dem Akten- und Quellenstudium und sammelte die Aussagen von Zeitzeugen. Epsteins besonderes Interesse und seine Verehrung galten dem früheren Reichskanzler Otto von Bismarck und dem ehemaligen deutschen Kronprinzen Wilhelm von Hohenzollern. Doch nach dem Zerfall seiner monarchistischen Ideale traf Georg von Epstein 1923 ein weiterer Schlag – diesmal im persönlichen, familiären Bereich. Im Alter von knapp 14 Jahren starb seine Tochter Ingeborg. Bis dahin war der Kontakt zum ehemaligen Fürstenhaus Lippe noch nicht ganz abgerissen. Verbrieft ist, dass Epstein noch 1923 oder 1924 in Lichterfelde den Besuch des Erbprinzen Ernst Leopold empfing.

Potsdamer Straße 32, Berlin-Lichterfelde
Die Epstein-Villa in Lichterfeld existiert nicht mehr.
Auf dem Grundstück befindet sich heute ein Mehrfamilienhaus.

1926 wurde die von Georg von Epstein verfasste Biographie Der Deutsche Kronprinz: Der Mensch / der Staatsmann / der Geschichtsschreiber vom Max Koch Verlag in Leipzig herausgebracht. Der Band war Bestandteil eines zweibändigen Gesamtwerkes zusammen mit dem von Hermann von François verfassten kriegsgeschichtlichen Band Der Deutsche Kronprinz: Der Soldat und Heerführer. In seiner Publikation hatte Epstein den ehemaligen deutschen Kronprinzen Wilhelm von Hohenzollern aus tiefster Überzeugung gegen alle Kritik verteidigt. Seiner monarchistischen Überzeugung folgend, stand er der Weimarer Republik distanziert gegenüber und hoffte noch immer auf eine Restauration der bis 1918 regierenden Adelshäuser. Auch ein Weiteres findet sich schon früh im Werk des Schriftstellers dokumentiert: der Antisemitismus, der gerade in den rechtsnationalen Kreisen, denen Epstein in seinen politischen Anschauungen nahestand, unverhohlen artikuliert wurde. Zwar bemühte sich Epstein, solchen Äußerungen mit sachlicher Argumentation entgegenzutreten, aber die weit reichende Bedeutung unterschätzte er offenbar, und mögliche Auswirkungen auf sein persönliches Schicksal schien er, der getaufte Christ, überhaupt nicht in Betracht zu ziehen. Schon bald sollte sich dies als großer Irrtum erweisen.

1928 trat Ernst Leopold als erster Erbprinz eines ehemals regierenden deutschen Adelshauses der NSDAP bei. Mit dem in den Detmolder Kreisen als „Hofjuden“ bezeichneten Epstein in Verbindung gebracht zu werden, wurde ihm peinlich. Und nicht nur er, sondern die gesamte jüngere Generation der Fürstenfamilie verschrieb sich bald dem Nationalsozialismus. Epstein, dem nachgesagt wurde, er habe den Fürsten kurz vor dem Ende von dessen Herrschaft durch lukrative Verkäufe von Titeln und Orden finanziell saniert, wurde zum Ziel von Gespött und Angriffen sowohl in der nationalsozialistischen Propaganda als auch in der linken Presse, denn das Gerücht passte gleichermaßen gut in das judenfeindliche Zerrbild vom ‚Geschäftemacher‘, wie zur Verächtlichmachung des Adels durch die Kommunisten.

Der Verlust seines politischen und gesellschaftlichen Ansehens mag mit dazu beigetragen haben, dass Epstein sich wieder dem Schreiben im Sinne Schöner Literatur zuwandte. Zwei Publikation erschienen im Eigenbrödler-Verlag (Berlin und Zürich): Von Draußen und Daheim. Deutsche Gedichte (1928) und Du! Eine stille Geschichte aus einer Jugend (1930). Zum Eklat kam es anlässlich der Hochzeit der Fürstentochter Karoline (Prinzessin Lilli) im Jahre 1932, als Fürst Leopold dem Drängen der Brautleute und anderer Familienmitglieder nachgab und den bereits zum Fest geladenen Freiherrn von Epstein wieder auslud. Schließlich würden bei den Hochzeitsfeierlichkeiten SA-Musikzüge aufspielen und NS-Parteivertreter anwesend sein. Die Familie fürchtete um ihren guten Ruf im rechten Milieu. Unterstützung seitens adliger Kreise erhielt Georg von Epstein kaum noch und hätte sie doch nötiger gebraucht als je zuvor, denn er geriet nun auch noch in finanzielle Schwierigkeiten. Das führte dazu, dass er seine Lebensversicherung an einen jüdischen Rechtsanwalt verpfändete, der 1933 in die Schweiz emigrierte. Dass er außerdem einen Kredit von einer Stiftung der evangelischen Landeskirche in Potsdam aufnahm, wurde bekannt, als nach von Epsteins Deportation die Kirche Hypothekenzinsen beim Oberfinanzpräsidenten geltend machte. Als 1933 der ehemalige preußische General und militärgeschichtliche Buchautor Hermann von François starb, verlor Epstein einen seiner letzten Freunde. Nur ein Mal gelang es ihm noch, aus seinen früheren Beziehungen zum lippischen Fürstenhaus einen kleinen Vorteil zu ziehen, als er 1936 im Vorfeld der Heirat Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfelds mit der Thronfolgerin der Niederlande und zukünftigen Königin Juliana für den niederländischen Markt zusammen mit Max Staercke Prins Bernhard: het vorstelijk Huis Zur Lippe-Biesterfeld veröffentlichte.

1938 starb Epsteins nichtjüdische Frau Herta. Sie wurde auf dem Parkfriedhof am Thuner Platz neben dem Grab der gemeinsamen Tochter Ingeborg beigesetzt. Nun hatte Epstein auch den begrenzten Schutz durch die „Mischehe“ mit einer „deutschblütigen“ Partnerin verloren. Am 1. Juni 1942 erfolgte die Verfügung über die Einziehung des Vermögens von Georg von Epstein. Am 26. Juni wurde er verhaftet und wenige Tage später, am 2. Juli, mit dem 13. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Georg Johannes von Epstein am 29. September 1942.

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