Am Dienstag stand ich an der Bushaltestelle, um nach einem Bummel durch die Schloßstraße bei strahlendem Sonnenschien wieder nach Hause zu fahren, als ich etwas vermisste. Nein, ich hatte keine meiner Einkaufstüten irgendwo stehen oder gar mein Portemonnaie irgendwo liegen lassen. Was ich vermisste, war die strahlende Frühlingslaune, die zu einem solchen Vormittag gehört hätte. Ich versuchte, mich zu erinnern, ob ich sie bei mir gehabt hatte, als ich von zu Hause losging, um dann festzustellen, an welchem Punkt sie auf der Strecke geblieben war, aber ich hätte nicht einmal den ersten Teil der Frage mit Sicherheit beantworten können. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass ich wohl doch alt würde, trug auch nicht dazu bei, meine Laune zu heben. Der Bus war mir vor der Nase weggefahren, was ebenfalls als Erklärung für die schlappe Stimmung nicht taugte, mir aber Zeit gab für weiteres Nachdenken. Nach fünf Minuten hatte ich den Fall so weit geklärt, dass sich sagen ließ: Mir ist das Wetter ziemlich wurscht. Ich hasse extreme Kälte, ich hasse extreme Hitze, und ich hasse Glatteis. Alles andere finde ich mehr oder weniger okay. Das bedeutet, dass ich die meiste Zeit des Jahres mit dem Wetter einigermaßen zufrieden bin. Wer kann das schon von sich behaupten? Was für das Wetter gilt, gilt jedoch nicht ebenso für die Witterungsbegleiterscheinungen, als da zum Beispiel wäre die Wahrscheinlichkeit, sich mit Insekten konfrontiert zu sehen.

Von Berlinern wird behauptet, dass sie bei den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings nach draußen rennen und sich auf dem nächsten Stückchen Wiese ausstrecken, kaum dass sie sich vergewissert haben, dass zwei Quadratmeter frei von Hundehaufen sind. Zwar bin ich gebürtige Berlinerin, aber wer mich ausgestreckt auf einem Stück Wiese fände, müsste damit rechnen, es mit meiner Leiche zu tun zu haben. Und selbst in diesem Zustand wäre meine Anwesenheit auf einer Wiese eher ungewöhnlich. Als ich letztes Jahr dem Invalidenfriedhof einen Besuch abstattete, stand ich –- ganz versunken in die Betrachtung alter Grabsteine -– unversehens in kniehohem Gras und Unkraut und erstarrte plötzlich zur Salzsäule. Dann stakste ich wie ein Schreitvogel auf kürzester Strecke dem sicheren, gras- und unkrautfreien Weg zu. Am nächsten Tag erstand ich in einer Apotheke für 7,95 Euro€ ein Zeckenschutz-Spray. Dass die Flasche noch fast voll ist, beweist, dass ich weitere Gelegenheiten, auf Zecken zu treffen, seither kaum gesucht habe. Zum Glück ist das Spray bis Mai 2017 haltbar, und ich vermute, ich werde bis dahin auch damit auskommen.

Ach, was waren das doch für herrliche Zeiten, als ich mit einem Stapel Mickymaus-Hefte bäuchlings auf einer Decke unter märkischen Kiefern lag und ganze Sonntage meiner Kindheit in schönster Koexistenz mit Insekten verbrachte -– hin und wieder eine Ameise von meinem Arm pustend oder einen Käfer mit Hilfe eines trockenes Blattes von der Decke entfernend. Was hat mein Verhältnis zu dem, was da kreucht und fleucht, so empfindlich gestört? Es können doch nur all die Berichte sein über die Krankheiten, die von Zecken und Mücken übertragen werden, die Allergien bis hin zu Schockzuständen die der Eichen-Prozessionsspinner auslöst, und dergleichen mehr. Und obwohl ich in den letzten Jahren zwei Mal von Wespen gestochen wurde, also die Erfahrung machen durfte, dass ein Wespenstich bei mir keine schlimmere Reaktion auslöst als einen kurzen Schmerz und eine relativ schnell wieder abschwellende Beule, gelingt es mir nicht, mich wie andere Menschen unter freiem Himmel an einem Stück Obstkuchen (oder anderer beliebter Wespennahrung) zu erfreuen. Ich spüre die ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne und denke: Jetzt geht es wieder los. Da ist es für mich ein Glück im Unglück, dass ich keinen Garten besitze.

Ab August vergangenen Jahres wurden 60 Gärten im Großraum Stuttgart zweimal im Monat nach Zecken abgesucht, ihre Arten bestimmt und die Krankheitserreger, die sie übertragen, analysiert. Bei der Aktion legten die unerschrockenen Gartenbesitzer teilweise selbst Hand an. Und man kennt die schwäbische Hausfrau. Sowohl bei der Pflege des Gartens als auch bei der Begutachtung der dort gefundenen Zecken hat sie sich mit Sicherheit keine Schlamperei zuschulden kommen lassen. Mit den Ergebnissen befasst sich Prof. Dr. Ute Mackenstedt, Parasitologin an der Universität Hohenheim, die seit 2012 alle zwei Jahre den Süddeutschen Zeckenkongress organisiert. Ich hoffe, es schaut auch etwas für die Haltbarkeit von Zeckenschutzmitteln dabei heraus. Ich habe jedenfalls nicht vor, mir öfter als alle drei bis vier Jahre ein Fläschchen zu kaufen. Vielleicht aber bemühe ich mich auch um eine Akkreditierung für den Zeckenkongress –- als eine Art Hyposensibilisierung sozusagen.

Der letzte Absatz verwendet Informationen einer Pressemitteilung.

Advertisements