Matthias Zimmermann: Die geknickte und verbogene Stadt, 2007

Matthias Zimmermann: Die geknickte und verbogene Stadt, 2007

Allzu gerne wüsste ich über das „“Bauklötzer Staunen““ ähnlich Interessantes zu berichten wie über den „“Freund und Kupferstecher““, doch leider ergab in diesem Fall auch beharrliches Recherchieren nicht mehr, als dass die Redewendung offenbar in Berlin erfunden wurde, in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, und dass ihr kein tieferer Sinn nachzuweisen ist als die Freude an lustigen Redewendungen. Alles, was über diese Erklärung hinausgeht, sind Mutmaßungen. Da meint einer, die Bauklötzer stünden für die vor Überraschung weit aufgerissenen Augen, ein anderer sieht darin den vor Staunen sperrangelweit offen stehenden Mund. Ich tendiere eher zu letzterer Annahme, denn als ich ein kleines Kind war, stellte ich mir vor, dass, wenn man nur erstaunt genug war, einem Bauklötzer aus dem Mund entschweben würden. Sprachlos stünde man da, bekäme den Mund gar nicht mehr zu, und die bunt lackierten Klötzchen schwebten eines nach dem anderen durch die Luft –– Würfel, Pyramiden, Zylinder, Brückenbögen – und arrangierten sich zu phantasievollen Gebäuden. Sage noch einer, dass dies kein schönes Bild des Staunens wäre. Leider gelang es mir nie. Scheinbar war ich nicht so leicht zu überraschen. Ich musste mich mit den Bauklötzen aus meiner Holzkiste mit dem Schiebedeckel begnügen. Das tat meiner Freude am Bauen allerdings keinen Abbruch. Zumindest auf diesem Gebiet war es meiner Mutter gelungen, mich vor frühkindlichen Frustrationen zu bewahren. Es mag Einbildung sein, aber fast glaube ich, mich noch deutlich daran zu erinnern, wie ich auf dem Teppich saß (deutscher Perser) und meine Mutter Bauklötze aufeinander türmte, mir schließlich auch einen in die Hand gab, den ich versuchte oben auf den Turm zu setzen. Und jedes Mal passierte dasselbe: Der Turm fiel um, Meine Mutter rief: „“Bautz! Jetzt ist er umgekippt.““ Sie klatschte in die Hände, lachte, und lange glaubte ich fest, dass der eigentliche Sinn des Spiels darin bestand, den Turm zum Umkippen zu bringen.

Die Jahre gingen ins Land, ich lernte Türme zu bauen, die nicht umkippten, aber mein Verhältnis zu kippenden Türmen muss ein recht ungebrochenes geblieben sein. Jedenfalls als der Pfarrer in der Sonntagspredigt vom „Turm Bautzebabel“ erzählte, sah ich die Sache regelrecht vor mir: Ein herrliches Durcheinander von Klötzen und Stimmen und Worten, von denen manche ganz unverständlich und dennoch schön waren.

Oft denke ich, das Leben könnte viel schöner sein, würde unsere Vorstellungen nicht früher oder später zurechtgerückt (!), und wie in so vielen anderen Fällen, wiederfuhr meiner Vorstellung von diesem Turm eine solche Korrektur in der Schule. Die Lehrerin erzählte vom Bau eines Turmes, der höher werden sollte als alle jemals gebauten Türme, davon dass er umstürzte, von der Verwirrung der Sprachen, … Dann fragte sie, ob denn jemand von uns Schülern wisse, wo dieser Turm gestanden hätte. Ich hob den Finger –– vielleicht schneller als irgendein anderer. Selten war ich meiner Sache so sicher. Sie nickte mir aufmunternd zu. „“In Bautzebabel““, sagte ich.

Nun soll niemand glauben, ich hätte höhnisches Gelächter geerntet. Die anderen in der Kasse hatten nämlich noch viel weniger Ahnung als ich. Die Lehrerin stutzte. „“Wo, sagtest du?““ –– „„In Bautzebabel““, wiederholte ich. Sie zögerte nur kurz. Dann sagte sie, jede Silbe deutlich artikulierend: „“Richtig, es war der Turmbau zu Babel.““ Sie war eine gute Lehrerin. Sie stellte mich nicht bloß. Niemand merkte etwas. Nur in meinem Kopf waren die Rädchen inzwischen gut genug geölt, um den Groschen fallen zu lassen. Babel. Die bunten Trümmer meines schönen Turmes Bautzebabel zerbröselten zu lehmfarbenem Staub.

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