Es gibt Sätze (oder Halbsätze), die muss man auf eine ganz bestimmte Weise sagen, sonst stimmen sie einfach nicht. Jemand, der zum Beispiel im Ton überschwänglicher Herzlichkeit ausriefe: „„Mein lieber Freund und Kupferstecher!““ würde beim derart Angeredeten und bei allen, die der Sache sonst noch anhörig werden, wohl einige Irritation auslösen. Diesem „“Mein lieber Freund und Kupferstecher!““ muss ein kleines nachdenkliches Zögern vorausgehen. Dann ist der Satz eher leise und keinesfalls zu schnell zu sprechen, und in der Stimme muss ein Vorbehalt, etwas wie ein unausgesprochener Misstrauensantrag mitschwingen, auch etwas Ermahnendes vielleicht. Keinesfalls aber darf es sich wie ein strenger Verweis anhören oder so, als sei der Sprecher ernsthaft oder gar unversöhnlich erzürnt. Vielmehr sollte ein prüfender aber nicht unfreundlicher Blick in die Augen des Gegenübers den Charakter der Ansprache noch unterstreichen, …

Der Witz allerdings ist: Das entspricht gar nicht dem eigentlichen Ursprung des Satzes, welcher mit größter Wahrscheinlichkeit auf den Dichter und Orientalisten Friedrich Rückert (1788-1866) zurückgeht. In Rückerts Sinn wäre die betonte Herzlichkeit die einzig richtige Form, denn so formulierte er die Anrede in den Briefen an seinen Freund, den Kupferstecher Carl Barth –– ohne jeglichen Vorbehalt. Rückert war mit Barth nicht nur befreundet, dieser war ihm auch überaus nützlich, fand Rückerts Werk doch durch die Handwerkskunst des Freundes Verbreitung, denn der Kupferstich war zu jener Zeit weniger eine eigenständige Kunst als eben die gegebene Technik der Vervielfältigung. Freilich barg das Kupferstechen auch Möglichkeiten des Betruges. Es konnte über den Auftrag hinaus abgekupfert werden. Und da auch Papiergeld mittels der Technik des Kupferstiches gedruckt wurde, war die Herstellung von Falschgeld für den Kupferstecher eine Kleinigkeit.

Es ist anzunehmen, dass die Ansprache „„Mein lieber Freund und Kupferstecher“…“ nicht unmittelbar durch Rückerts Briefe zum Gemeingut wurde, denn es ist eher unwahrscheinlich, dass diese einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis gelangten. Im Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten verweist Lutz Röhrich als wahrscheinliche Quelle für die Verbreitung des „Freundes und Kupferstechers“ auf das 8. Kapitel von Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel (1892):

Gegen halb acht war er draußen, und einen halbwachsenen Jungen mit nur einem Arm und dem entsprechend losen Ärmel (den er beständig in der Luft schwenkte) heranwinkend, stieg er jetzt ab und sagte, während er dem Einarmigen die Zügel gab: „Führ es unter die Linde, Fritz. Die Morgensonne sticht hier so.“ Der Junge that auch, wie ihm geheißen, und Leopold seinerseits ging nun an einem von Liguster überwachsenen Staketenzaun auf den Eingang des Treptower Etablissements zu. Gott sei Dank, hier war alles wie gewünscht, sämtliche Tische leer, die Stühle umgekippt und auch von Kellnern niemand da, als sein Freund Mützell, ein auf sich haltender Mann von Mitte der Vierzig, der schon in den Vormittagsstunden einen beinahe fleckenlosen Frack trug und die Trinkgelderfrage mit einer erstaunlichen, übrigens von Leopold (der immer sehr splendid war) nie herausgeforderten Gentilezza behandelte. „Sehen Sie, Herr Treibel“, so waren, als das Gespräch einmal in diese Richtung lief, seine Worte gewesen, „die meisten wollen nicht recht und streiten einem auch noch was ab, besonders die Damens, aber viele sind auch wieder gut und manche sogar sehr gut und wissen, daß man von einer Cigarre nicht leben kann und die Frau zu Hause mit ihren drei Kindern erst recht nicht. Und sehen Sie, Herr Treibel, die geben und besonders die kleinen Leute. Da war erst gestern wieder einer hier, der schob mir aus Versehen ein Fünfzig-Pfennigstück zu, weil er’s für einen Zehner hielt, und als ich’s ihm sagte, nahm er’s nicht wieder und sagte blos: „Das hat so sein sollen., Freund und Kupferstecher; mitunter fällt Ostern und Pfingsten auf einen Dag.“

Der Umstand, dass Fontanes Roman recht erfolgreich war, und dass man Fontane selbst durchaus zutrauen kann, den Briefwechsel zwischen dem Dichter Rückert und seinem Kupferstecher gekannt zu haben, lässt diesen Werdegang zur allgemeinen Redensart plausibel erscheinen. Und siehe da! Schon bei Fontane sind die Worte in Richtung des Jovialen, Augenzwinkernden gerückt, von wo es bis zur wohlwollenden Mutmaßung einer kleinen Unregelmäßigkeit oder Vorteilnahme nur ein Schritt ist. Heute verwendet man die Redensart im Sinne von: „„Mein lieber Freund, glaub nur nicht, ich wüsste nicht, was du im Schilde führst““, oder „pass bloß auf, dass ich Dir nicht auf die Schliche komme!““

Ganz ohne Schliche kommt ein wahrhaftiger Kupferstecher*) unserer Zeit aus. John Franzen wurde 1981 in Aachen geboren, wuchs in Belgien auf, absolvierte die Kunstakademie in Maastricht und begann schon vor Jahren mit seinem Zyklus „“Each Line One Breath““ (Jede Linie ein Atemzug). Ursprünglich handelte es sich um Bleistiftzeichnungen, inzwischen ist Franzen dazu übergegangen, die Linien freihändig in schwarz beschichtete Kupferplatten zu ritzen. Dabei folgt er dem Prinzip jede Linie parallel zur vorhergehenden zu ziehen, was zwangsläufig misslingt (selbst wenn man den Atem anhält, bis man absetzen kann). Man bekommt Lust, es selbst einmal zu versuchen – freilich die Bleistiftvariante. Die bei John Franzen so entstehenden Bilder wirken jedenfalls beschwingt und beruhigend zugleich. Sie scheinen zu atmen, und das ist einfach schön. Hier ein kurzes Video.

*) Dass es sich bei John Franzens Technik nicht um einen Kupferstich handelt, hat Trithemius im Kommentar wunderbar erklärt.

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