Nachdem im vergangenen Jahr der Lebensgefährte einer alten Dame gestorben war, welche im Stockwerk unter mir wohnte, hatten wir anderen Hausbewohner Gelegenheit, die Berliner Polizei wieder einmal in ihrer schönsten Rolle –– als Freund und Helfer –– zu erleben. Mit bewunderungswürdiger Geduld brachten Polizeistreifen die alte Dame immer wieder nach Hause und /oder verschafften ihr Zugang zu ihrer Wohnung wenn sie, was mit gewisser Regelmäßigkeit geschah, sich in der Nachbarschaft verlaufen und/oder ihre Schlüssel vergessen oder verloren hatte. Hätte ich nicht solch einen Horror davor, selbst eines Tages dement zu werden, hätte ich fast neidisch werden können. Wann kommt ein älteres Mädchen schon sonst in den Genuss, von gut gebauten jungen Männern begleitet zu werden? Inzwischen haben die Angehörigen besagter alter Dame diese in einem Seniorenheim untergebracht, und nun vermisse ich die Begegnungen mit solchen Beispielen der Ritterlichkeit in meinem Treppenhaus, auch wenn das polizeiliche Klingeln an der Haus- oder Wohnungstür nur als fordernd, wenn nicht gar als gebieterisch bezeichnet werden kann und einen ganz schön erschreckt.

Dass man weder Klingelterror noch beunruhigende Gemahnungen an das eigene Alter hinnehmen muss, um sich an der Hilfsbereitschaft der Polizei zu erfreuen, beweisen die Japaner. Ruft zum Beispiel jemand in Tokio den Notruf 110 an, …… Ist es nicht beruhigend, dass auch im Fernen Osten die vertraute Nummer gilt? Wählt also dort jemand die 110, so geschieht dies nicht unbedingt, weil nach reichlichem Genuss von Sake die Frage, wer beim Karaoke-Singen an der Reihe ist nur noch durch eine Schlägerei geklärt werden konnte, sondern weil die japanische Auffassung von „Freund und Helfer“ nicht schon an ihre Grenzen stößt, wenn es darum geht, ein altes Muttchen sicher über die Straße zu bringen, oder ein Kind, das sich verlaufen hat, aufs Revier zu schaffen, wo man Namen und Anschrift der Eltern ausfindig zu machen versucht. Nein, der Japaner versteht darunter eher einen Freund und Helfer in jeder misslichen Lebenslage. Fällt einem das eigene Handy-Passwort nicht mehr ein, so dass sich auf dem Mobilgerät nur der Notruf betätigen lässt, ist mit unschlagbarer Logik die Polizei für das Problem zuständig. Mit einem Insekt im Ohr muss man nicht unbedingt die Notaufnahme des Krankenhauses behelligen, denn vielleicht wird auch ein Polizist Abhilfe schaffen können. Verweigert ein Automat die Herausgabe von Wechselgeld, ist das ganz zweifellos ein Angriff auf das eigene Vermögen und somit Sache der Polizei. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass ein Tokioter Bürger den Notruf wählte, weil ihm das Toilettenpapier ausgegangen war, und wer sich je in dieser misslichen Lage befunden hat, wird ihn verstehen. Das bringt mich darauf, dass auch wir in Deutschland das Wort Polizei ganz neu denken sollten –– eher so im Sinne von „Freund und Helfer für alle Fälle“. Das sollte dem Steuerzahler doch bitte einiges wert sein. Wir könnten die Japaner sogar überflügeln. Immerhin gelten auch in Japan die von mir angeführten Beispiele als „“unpassende““ Nutzung des Notrufs. Unser Ehrgeiz sollte es sein, ein „“Passt scho!““ daraus zu machen.

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