Eine Königin, ein Wald, ein Ball. Mehr braucht es nicht um in jedem, der in seiner Kindheit Märchen gelesen oder gehört hat, eine Geschichte beginnen zu lassen. Wir wissen es bereits. Der Ball wird irgendwohin rollen, die Königin wird ihm nachlaufen, …… Und genauso lässt auch Thomas Hettche seinen Roman „“Pfaueninsel““ beginnen und weckt damit im Leser die Erwartung eines Märchens. Dass es sich vielleicht doch um kein Märchen handelt, vielleicht sogar um eine Entzauberung, beginnt man jedoch bald zu ahnen –– so schon auf der übernächsten Seite:

Eine Königin? Was ist das? Eine Märchengestalt, denken wir, und doch: dieser hier pulste das Leben am Hals und flackerte über die Wangen, hier, in der schwülen Enge der Bäume, eng um die junge Frau herumgelegt wie jenes Wort sie zu bezeichnen. Spricht man es aus, ist es, als zerginge die Person in ihm ebenso wie ihre Gestalt in den dunklen Schatten dieses Hains. Dabei sind wir es, die sie mit allem, was uns jenes Wort durch den Kopf jagt, anhauchen, während wir sie betrachten, und das Wort dabei tonlos vor uns hin murmeln. Eine Königin, eine Königin.

Auch Christian möchte wissen, was eine Königin ist, wie sie aussieht, wie sie sich bewegt, was für ein Kleid sie trägt. Und plötzlich stehen sie einander gegenüber in der oben beschriebene „schwülen Enge der Bäume“. Es ist davon auszugehen, dass man auch der Königin Märchen vorgelesen hat, als sie ein Kind war, und dass sie selbst das Gleiche mit ihren Kindern tut. Doch denkt sie bei Christians Anblick keineswegs: Ein Zwerg. Auch fügt sie in Gedanken nicht hinzu: Wie klein, wie possierlich! Stattdessen erschrickt sie so sehr, dass sie jede königliche Würde vergisst. Ihr Entsetzen ist so unmissverständlich, dass Christian heulend wie ein Tier davonläuft. Seiner ebenfalls kleinwüchsigen Schwester Marie hatte er von der Königin berichten wollen –– was und wie sie war. Nun bringt er ein einziges Wort mit, das Wort, das sie ihm entgegengeschleudert hat: „Ein Monster!“ Und dieses Wort wird Marie ihr Leben lang begleiten.

Zwei Dinge stören mich an diesem Buch. Das Eine ist, dass es einem in jeder Buchhandlung sofort in die Augen springt. Der blaue Leineneinband mit der weißen Pfauenfeder hebt es deutlich hervor zwischen den anderen Buchdeckeln, so farbenfroh und titelwirksam sie auch daherkommen. Man verstehe mich bitte nicht falsch. Ich bin durchaus der Meinung, dass dieser Roman Aufmerksamkeit und Erfolg verdient und somit auch einen populären Platz in jedem Laden. Dummerweise hätte ich ihn gerne ganz für mich, ist mir Marie sehr nahe gekommen und auf der Pfaueninsel, auf der ich schon bei früheren Besuchen am liebsten allein gewesen wäre, werde ich in Zukunft mir noch sehnlicher wünschen, die Insel ganz für mich zu haben. Will sagen: Hettches Roman hat meinen Egoismus in überraschender Weise mobilisiert. Fast wundert es mich, dass ich jetzt hier über das Buch etwas schreibe, aber, nachdem es nun sowieso schon niemandem mehr zu geben scheint, der noch nicht darauf aufmerksam wurde ……

Die zweite Bemängelung meinerseits: Thomas Hettche hat für seinen Roman die Geschichte der Pfaueninsel aufs Sorgfältigste recherchiert. Das bedeutet nicht, dass er sich nicht die für eine gute Geschichte nötigen dichterischen Freiheiten genommen hätte, doch erfährt man beim Lesen tatsächlich viele historische Tatsachen und dies auf eben jene lebendige Weise, welche Geschichtsbücher leider, wenn auch aus verständlichen Gründen (weil die lebenspendenden Details nicht sicher überliefert sind) vermissen lassen. Gerade zum Ende des Buches hin aber scheint es mir, als habe den Autor sich ein bisschen zu sehr bemüht, sein fleißig gesammeltes historisches Wissen zur Anwendung zu bringen, nichts davon ungenutzt zu lassen. Da hätte weniger Gründlichkeit dem Roman vielleicht gut getan. Verdorben aber ist nichts, und von dem üblichen Gewäsch – „… eine zauberhafte Erzählung, in der die Antipoden des Seins eine Symbiose eingehen“ (Main-Post Würzburg) oder, alternativ, „… es ist eine zauberhafte und einzigartige Erzählung, in der die Gegensätze des Seins sich verbinden“ (Echo), sollte man sich nicht abschrecken lassen. Der Sinn von Hettches „Pfaueninsel“ teilt sich dem Gemüt auch ohne literaturwissenschaftliche Anleitung mit.

Hettche_Pfaueninsel
Thomas Hettche
Pfaueninsel
Kiepenheuer & Witsch 2014
ISBN: 978-3-462-04599-4

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