Wer heute bei einem Schlagballspiel zuschauen oder gar mitmachen möchte, muss die Gelegenheit dazu schon suchen. An der Waterkant ist dies leichter als in anderen Teilen Deutschlands, denn in Kiel findet jedes Jahr ein Turnier statt, an dem sich alle Mannschaften beteiligen können. Auch die Jugendfeuerwehr in Bahrenborstel (Plattdeutsch: Boornbössel) fordert jährlich Gegenspieler heraus, am Spiekerooger Badestrand treten regelmäßig Schülermannschaften gegeneinander an, und auf dem Sportplatz Henstedt im Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein erhält die Freiwillige Feuerwehr den Geist dieses Spiels am Leben. Mitmachmöglichkeiten für jedermann bieten hauptsächlich ein Team in Hamburg, welches abwechselnd in Klein Flottbek und in Barmbek trainiert, und (Donnerlüttchen!) der Schlagball Berlin e.V., der jeden Sonntag von 17 bis 19 Uhr auf dem Tempelhofer Feld spielt. Diese Aufzählung erhebt zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber sehr viel länger dürfte die Liste der Schlagballvereine und –teams wahrscheinlich nicht sein.

Die älteste Veröffentlichung der Regeln für das Schlagballspiel (einschließlich einer Anleitung für die Anfertigung des Balles) findet sich wohl in der Schrift „Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes“ von Johann Christoph Friedrich GutsMuths aus dem Jahr 1796. Nachdem das Spiel von Auswanderern übers Meer nach Amerika gebracht wurde, wo es in etwas abgewandelter Form als Baseball große Beliebtheit erlangte, verschwand es auf unserer Seite des Atlantiks fast gänzlich. Das mag (auch) daran liegen, dass man sich daran erinnerte, dass Schlagball ursprünglich unter dem Namen „deutsches Ballspiel“ oder auch „Deutschball“ bekannt war, und das konvenierte nach 1945 nicht, hatte doch das ganze Land sich gerade schamhaft hinter den Kürzeln BRD und DDR versteckt. Außerhalb der oben genannten Reservate ist daher wohl den meisten bestenfalls der „Schlagballwurf“ noch ein Begriff, anzutreffen als Bestandteil des Sportabzeichens und als Disziplin bei den Bundesjugendspielen.

Mit einem Schlagballspiel beginn Günter Grass’‘ Novelle „Katz und Maus“. Deutschland führt den Zweiten Weltkrieg, ja, führt ihn noch. Wir befinden uns in Danzig, und es ist ein Bild des Friedens. Im Gras am Rand des Schlagballfeldes liegen einige Jungen. Spielpause, Sommerliche Trägheit. Einer poliert sein Schlagholz mit einem Wollstrumpf. Mahlke ist eingedöst, sein ausgeprägter Adamsapfel bewegt sich auch im Schlaf. Vom Krematorium an der Großen Allee steigt Rauch auf. Keine Sorge, es ist ein ganz normales Krematorium, errichtet 1913/1914, nachdem in Preußen 1911 die Feuerbestattung zugelassen worden war, und befindet sich gegenüber den Vereinigten Friedhöfen –– auch sie an jenem Sommertag noch nicht geschändet und verwüstet. Man muss die Polen verstehen, die später aus den Grabsteinen Treppenstufen machen würden. Sie waren lange genug von den Deutschen getreten worden. Die Stufengiebel der Technischen Hochschule zeichneten sich gegen den Sommerhimmel ab, so wie man sie heute noch sehen kann. Wie gesagt, ein Bild des Friedens. Der Unfrieden war noch unsichtbar. Die Zahnschmerzen des Ich-Erzählers Pilenz zum Beispiel.

Auch die Katze passte zunächst in das friedliche Bild. Aber da war eben Mahlkes Adamsapfel, und Pilenz konnte oder wollte sich später nicht erinnern, ob die Katze von sich aus darauf aufmerksam wurde, oder ob jemand ihr den hüpfenden Knorpel zeigte, oder ob gar er selbst, Pilenz, die Katze gegriffen und Mahlke an den Hals gesetzt hatte. – Auf der nächsten Seite wechselt der Ich-Erzähler zum Du, als schriebe er einen Brief an Mahlke. Aber so weit will ich hier gar nicht gehen. Nur so viel: Ich halte dies für einen perfekten Anfang, weil man als Leser in ein Bild hineingezogen wird und doch, ohne einen plumpen Vorgriff auf das Kommende, der ganze Konflikt schon angelegt ist.

Ich weiß nicht, wie viele Amerikaner wissen, dass „ihr Baseball“ vom „Deutschball“ herstammt, und wie viele von ihnen Cat and Mouse gelesen haben. Ich weiß aber, dass in Amerika Baseball oft als Spiel des Lebens bezeichnet wird.

Grass_Katz_und_Maus
Günter Grass
Katz und Maus
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-423-14347-9

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