Nietzsches erster Entwurf zur „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“

Nietzsches erster Entwurf zur „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“

Auf der ersten Seite seines Romans Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins befasst sich Milan Kundera mit einem zentralen Gedanke in der Philosophie Friedrich Nietzsches, der „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“.

Die Grundconception des Werks [Also sprach Zarathustra], der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann …, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: ‚6000 Fuss jenseits von Mensch und Zeit.‘ Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke.

Ecce homo, Also sprach Zarathustra, 1. Abschnitt (Kritischen Studienausgabe 6, S. 335)

Für Nietzsche war dieser Mythos also „höchste Formel der Bejahung“, und Kundera scheint ihm zunächst recht zu geben, als er den Umkehrschluss zieht, „dass das ein für allemal entschwindende und niemals wiederkehrende Leben einem Schatten gleicht, dass es ohne Gewicht ist und tot von vornherein; wie grauenvoll, schön oder herrlich es auch immer gewesen sein mag – dieses Grauen, diese Schönheit, diese Herrlichkeit bedeuten nichts.“

Im unmittelbaren Anschluss bemüht Milan Kundera einen Vergleich, der wenig Zusammenhang aufzuweisen scheint mit dem eigentlichen Inhalt des Romans, in welchem die „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ anhand einer Liebesbeziehung vor dem Hintergrund des Prager Frühlings thematisiert wird. Kundera vollführt einen Gedankensprung auf den „dunklen Kontinent“ und schreibt:

Wir brauchen sie ebenso wenig zur Kenntnis zu nehmen wie einen Krieg zwischen zwei afrikanischen Staaten im vierzehnten Jahrhundert, der am Zustand der Welt nichts verändert hat, auch wenn in diesem Krieg dreihunderttausend Schwarze unter unsagbaren Qualen umgekommen sind.

Wird es an diesem Krieg der beiden afrikanischen Staaten etwas ändern, wenn er sich in der Ewigen Wiederkehr unzählige Male wiederholt?

Gewiss: er wird zu einem Block, der emporragt und überdauert, und seine Dummheit wird nie wiedergutzumachen sein.

Und es ist dieser Gedankensprung, der sich mir tiefer ins Gedächtnis gegraben hat als der ganze Rest des Romans. Unsere Welt ist ja erst seit Neustem ein Ort, an dem sich Nachrichten aus den entlegensten Winkeln schneller als ein Lauffeuer verbreiten. Wir wissen also nur Bruchstückhaftes, nur willkürlich irgendwann für überlieferungswürdig Befundenes, und nur unser Verständnis von Kultur lässt uns glauben, dass es sich dabei um das Wesentliche handelt.

Wer nun fürchtet, dasselbe immer wieder erleben zu müssen, tröste sich damit, dass er sich schließlich auch nicht daran erinnert, es schon einmal erlebt zu haben, oder er halte sich an William Faulkner, der behauptete, es würde sich zwar nichts Neues ereignen, es wären aber immer neue Menschen, die dieselben alten Geschichten erlebten.

Cover_Die_unertraegliche_Leichtigkeit

Milan Kundera
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Süddeutsche Zeitung – Bibliothek 1
ISBN 3-937793-00-3

buch