Gerade erst vor zwei Tagen schrieb ich an dieser Stelle über meinen als Schnäppchen zu bezeichnenden Erwerb von 15 Audio-Reiseführern, die nun darauf warten, mich in die Ferne zu entführen, während ich doch ganz entspannt zuhause in meinem Bett liegen werde. Natürlich sind nicht nur Reiseführer geeignet, uns solche Dienste zu erweisen. Mit Sach- und Ortskunde geschriebenen Romanen gelingt dies ebenso, wenn nicht oft sogar besser. Zum Beispiel bin ich mit Dr. Siri Paiboun so manches Mal am Ende eines Arbeitstages im Leichenschauhaus von Vientiane in sein Haus zurückgekehrt, habe den kleinen, mit Gemüse vollgestopften Vorgarten durchquert, das Bellen der Hunde in der Nachbarschaft gehört … oder –– um eine andere Tageszeit zu wählen –– in der Mittagspause mit ihm und seinem Freund und Parteigenossen Civilai am Mekong gesessen, wo die beiden auf den Fluss schauten und Siri das von Tante Lah besonders liebevoll zubereitete Sandwich verzehrte.

Auch ohne dass Cotterill sich in langen Schilderungen ergeht, entsteht ein dichtes Bild, eine Welt von Geräuschen und (nicht immer angenehmen) Gerüchen. Man befindet sich im Laos der späten siebziger Jahre und findet sich vielleicht ein bisschen besser zurecht, wenn man sich irgendwann davor einmal die Mühe gemacht hat, sich einige Fakten über Laos, seine Geographie und Geschichte zu vergegenwärtigen.

Laos_2003_CIA_map
Laos
CREATED/PUBLISHED [Washington, D.C. : Central Intelligence Agency, 2003]

Zwei Umstände sind es, die dafür verantwortlich sind, dass viele Menschen außerhalb Südostasiens wenig über Laos wissen: Erstens war Laos „nur“ ein Nebenschauplatz des Vietnamkrieges. Obwohl die Vereinigten Staaten Laos nie offiziell den Krieg erklärt hatten, warfen die Amerikaner zwischen 1964 und 1973 über zwei Millionen Tonnen Bomben über dem Land ab, und die CIA führte mit einer geheimen von ihr selbst ausgehobenen Hmong-Armee von Long Cheng aus einen in der Öffentlichkeit unbeachteten Krieg gegen die Pathet Lao. Von den Blindgängern der Bombardements ist etwa die Hälfte der Landesfläche bis heute betroffen. Die Opfer –– besonders unter der Landbevölkerung – sorgen auch heute nicht für Schlagzeilen in der westlichen Presse, können also auch nicht der ausschlaggebende Grund für Laos‘ –– von Luang Prabang einmal abgesehen –– fast unangetastete touristische Jungfräulichkeit sein, womit– ein zweiter Grund für die relative Unbekanntheit des Landes benannt wäre. Eher liegt es wohl daran, dass Laos der einzige Binnenstaat Südostasiens ist. Will sagen: Es gibt dort keine Strände. Hinzukommt, dass es dem Land auch ansonsten weitgehend an der Infrastruktur fehlt, welche die Voraussetzung darstellt, dass Reiseveranstalter sich vom Bau von Hotels einen Gewinn versprechen.

Doch mit dieser Feststellung habe ich mich schon zu sehr der Gegenwart angenähert, und die Geschichte, um die es hier geht, spielt ja im Laos der späten 70er. Rekapitulieren wir, was wir vielleicht irgendwann einmal gelernt haben – und wenn nicht, dann lernen wir es eben jetzt:

Während des Zweiten Weltkriegs war Laos vorübergehend von den Japanern besetzt worden, die sich allerdings aus dem Land zurückziehen mussten, nachdem die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki sie endgültig in die Knie gezwungen hatten. Am 12. Oktober 1945 erklärte Laos seine Unabhängigkeit, gelangte aber am 19. Juli 1949 mit der Unterzeichnung des französisch-laotischen Vertrages wieder unter die Herrschaft der Franzosen, die schon im 19. Jahrhundert dort als Kolonialmacht aufgetreten waren. Mit besagtem Vertrag waren nicht alle Laoten einverstanden. Es entstand die Unabhängigkeitsbewegung Lao Issara (Freie Lao). Frankreich verlor nach und nach an Einfluss, unterlag in Vietnam und gab anlässlich der Genfer Konferenz (21. Juli 1954) alle Ansprüche in Indochina auf. Damit erlangte Laos seine vollständige Souveränität, derer es sich aber aus den oben geschilderten Gründen nicht lange erfreuen konnte.

Vor diesem historischen Hintergrund ist die für unser Verständnis sehr ungewöhnliche berufliche Karriere von Dr. Siri Paiboun zu betrachten. Während der Kolonialzeit hatte er in Paris Medizin studiert, nicht ahnend, dass er seinen Beruf im für laotische Verhältnisse methusalemischen Alter von 72 Jahren (die Lebenserwartung in Laos liegt auch heute nur bei 54 Jahren) noch immer ausüben würde –– praktizierend allerdings nicht am lebenden Patienten, sondern „zwangsrekrutiert“ als einziger Leichenbeschauer des Landes. Ohne die geringste Erfahrung in der Pathologie geht er ans Werk, alte französische Lehrbücher auf einem Notenständer neben dem Seziertisch. Sein Gehilfe, Herr Geung (ein leichter Fall von Down-Syndrom), blättert auf Befehl die Seiten um. Während mehrerer Monate stellen die eingelieferten Toten auch keine allzu große Herausforderung dar. Dann aber wird die Gattin eines hohen Parteifunktionärs eingeliefert –– scheinbar mitten während eines Galadiners tot vom Stuhl gekippt. Dr. Siri bemerkt einen Geruch von Tigerbalm, und Herr Geung, mit einer noch empfindlicheren Nase ausgestattet, riecht … Nüsse. Endlich ein interessanter Fall. Doch wie es oft im Leben geht: Erst passiert gar nichts und dann alles auf einmal. Warum die Herren Tran, Tran und Hok in recht unerfreulichem Zustand im Nan-Ngum-Stausee, unweit zweier als Umerziehungslager dienender Inseln landen, wird hier nicht verraten. Nur so viel noch: Bei seinen Ermittlungen hat Dr. Siri nicht nur gegen einen Untersuchungsrichter zu kämpfen, dem man zu früh ein zu hohes Amt anvertraut hat, sondern gerät auch selbst in Gefahr und trägt es, wie auch alles andere was ihm widerfährt, mit jener Art von Humor, für den eine Portion Weisheit die Voraussetzung ist.

Zum Autor:

Colin Cotterill, 1952 in London geboren, weiß, wovon er schreibt. Der Mann, der eigentlich ein berühmter Karikaturist werden wollte, und dann, relativ spät und nach einigen Anfangsschwierigkeiten, ein inzwischen recht berühmter Kriminalschriftsteller geworden ist, kennt das Land, in dem er seinen Dr. Siri angesiedelt hat, denn er selbst hat zwanzig Jahre lang in Asien –– meistens in Laos –– als Lehrer gearbeitet und Lehrer ausgebildet. Zu seinen großen Anliegen gehört der Kampf für Kinderschutz und gegen Kinderprostitution. Zurzeit lebt Cotterill mit seiner Frau Kyoto und sechs neurotischen Hunden in Chumphon am Golf von Siam. Er hört gerne Jazz, fährt die 20 Kilometer zum Postamt mit dem Fahrrad und hat –– lt. Selbstauskunft –– gegen ein Gläschen Rotwein nichts einzuwenden.

In einem Krimi-Couch-TV gegebenen Interview (Wo in Afrika liegt Laos?) entgegnete Coterill auf die Bemerkung, das kommunistische Regime in Laos zu jener Zeit erscheine dem Leser als gar nicht so schlimm: „“Alles, was nicht Krieg ist, ist eine Verbesserung.“

CD-Cover

Colin Cotterill
Dr. Siri und seine Toten
gelesen von Jan Josef Liefers
Random House Audio Editionen, gekürzte Lesung, 2009
ISBN-13: 978-3837100907

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