Papa wie ein Pfeil sprang hinauf auf die Seil
Eh la hopp, eh la hopp, eh la hopp
Er spreizte die Beine ganz weit auseinand‘
Sprang hoch in die Luft und stand auf die Hand
Eh la hopp, eh la hopp, eh la hopp
Er lachte ha, ha – ha, ha
Und machte ha, ha – ha, ha
Ganze sachte ha, ha – ha, ha
Und rief: eh la hopp, eh la hopp, eh la hopp
Eh la hopp, eh la hopp, eh la hopp, eh la hopp, eh la hopp !

Es wird wohl die Lys Assia-Version von „O mein Papa gewesen“ sein, die ich als Kind so gern im Radio hörte, und die Bewunderung für den Papa, der ein Clown gewesen war, berührte mein kindliches Herz, obwohl –– oder vielleicht auch gerade weil –– ich Clowns nicht mochte. Sie machten mir Angst mit ihrem ach so breiten und roten Mund. Auch wollte es mir nicht in den Kopf, dass sie es darauf anlegten, ausgelacht zu werden. Ich traute ihnen nicht, und gleichzeitig verursachte mir meine Abneigung ein schlechtes Gewissen. Das Lied, das ich noch heute nicht ohne eine Spur von Wehmut hören kann, bewirkte eine Auseinandersetzung mit diesen zwiespältigen Gefühlen. – Aber wann hört man es heute noch? Das ist alles lange her, und auch wenn ich immer noch nicht behaupten kann, mich für Clowns zu begeistern, so lastet mir das Warum doch nicht auf der Seele. Oder besser, es lastete nicht – bis gestern.

Ich war mit Tochter #1 durch die Spandauer Altstadt gebummelt. In der Konditorei Fester hatten wir Kaffee getrunken und, wie es sich am Rosenmontag gehört, einen Pfannkuchen dazu verzehrt, dann schlenderten wir in Richtung Bahnhof, wo meine Tochter noch ein paar Einkäufe in den Arkaden machen und von wo ich wieder nach Hause fahren wollte, als plötzlich jemand mit roter Nase auf uns zugehüpft kam. So kalt, wie der Wind wehte, hätte er auch für die rote Nase verantwortlich sein können, aber es handelte sich um eine Filznase. Eine Clownsnase, um es genau zu sagen. Der Eine oder Andere mag die Leute kennen, die auf Einkaufsstraßen bemüht sind, Gelder für eine gute Sache einzuwerben. Der Verein besucht Kinder im Krankenhaus oder alte Menschen im Seniorenheim, um sie mit Clownerien aufzuheitern. Nur gibt es erstens so viele „gute Sachen,“ für die man sich (auch materiell) einsetzen sollte, und womöglich dringlichere als das Bespaßen kranker Kinder in gut ausgestatteten Berliner Krankenhäusern, wenn doch anderen kranken Kindern, die nötigten Medikamente, ja oft sogar die Nahrung und ein sauberes Bett fehlen. Und dann –– wie erwähnt –– löst eine Clownsnase bei mir einen Fluchtreflex aus, der mich sofort an meine alte Abneigung erinnert. Ich wäre also auch in diesem Fall mit einer gemurmelten Ablehnung weiter geeilt, hätte ich nicht meine Tochter im Schlepptau gehabt, die interessiert stehen blieb, um sich anzuhören, worum es den ging. Ich litt. Ich litt mindestens fünf Minuten lang, während die fröhliche junge Clownesse sich sogar erbot, mit uns in die Bahn zu steigen, falls wir es eilig hätten. Schließlich hatte ich mein großes Kind mit genervten Blicken so weit gebracht, dass sie sagte, sie werde sich das Projekt zu Hause im Internet ansehen, und nein, begleiten sollte uns niemand.

Wir gingen weiter, aber nachdem wir bis zu der clownesken Unterbrechung lebhaft geplaudert hatten, waren wir nun recht schweigsam. Mit ein paar rationalen Bemerkungen versuchte ich, darüber hinwegzutäuschen, dass ich gerade etwas ausgesprochen Schäbiges getan hatte. Selber nichts zu spenden –– aus welchen Gründen und Erwägungen auch immer –– ist eine Sache. Einen anderen, der gerade in Spenderlaune ist, an einer guten Tat zu hindern, eine andere. Und nun glaube niemand, meine Tochter hätte mir das vorgeworfen. Die Sache blieb unausgesprochen, und das machte es umso schlimmer.

Als kleinen Akt der Buße habe ich den Verein „Rote Nasen“ nun wirklich gegoogelt. Was mich ein wenig stört, ist, dass man scheinbar nicht anonym einen Spendenbetrag überweisen kann. Außerdem würde ich eine Spende gerne an eine Bedingung knüpfen:

Sollte ich jemals in einem Seniorenheim landen, so bitte ich inständig, von Clown-Besuchen abzusehen.

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