Ich weiß nicht, warum das Taschenbuch nur den Kurztitel „“Deine Juliet““ trägt. Sicher ist, dass ich es – mit diesem Titel – nicht gekauft hätte, denn der Name der Autorin sagte mir nichts. Noch nie gehört! Mary Ann Shaffer, wer ist das?

Bei Wikipedia erfährt man über die Autorin, dass sie 1934 in West Virginia geboren wurde, 2008 in Kalifornien starb, und dass sie einen Großteil ihres Lebens als Buchhändlerin und Bibliothekarin verbracht hat. Ein einziges Buch hat sie geschrieben –– eben diesen Roman. Vielleicht muss man es ja wenigstens ein Mal selbst versucht haben, wenn man sein Leben lang mit Büchern zu tun hatte. All das hätte mir als Empfehlung wohl nicht genügt. Da sind noch so unendlich viele und wichtige Bücher, wie ich selbst finde, oder wie behauptet wird, die ich lesen möchte. Doch erstens war das, worauf mein Blick zufällig fiel, nicht das Taschenbuch mit dem wenig sagenden Titel, sondern das Hörbuch, dem der Verlag den vollen Titel gegönnt hatte: „“Deine Juliet – Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf““, und dann stand es –– mich provozierend –– auch noch im recht übersichtlichen CD-Regal eines Drogeriemarktes. Ein „Mitnahmeartikel“ sozusagen. Etwas, das Leute kaufen, die doch eigentlich nur Waschpulver oder Babynahrung wollten. Jemand, der –regelmäßig in Buchhandlungen stöbert, kauf keine Bücher oder Hörbücher, die neben Klopapier und Flüssigseife angeboten werden. Aber da war eben dieser komische Titel. Guernsey = Kanalinsel. Ich habe noch nie etwas gelesen, dessen Handlung auf Guernsey spielt –– schon gar keine Dichtung. Und was, bitte, soll ich mir unter Kartoffelschalenauflauf vorstellen?

Durchaus darauf gefasst, mich über meinen Spontan-Einkauf zu ärgern, legte ich abends die erste CD in das Abspielgerät und war –– noch bevor ich sie zur Hälfte gehört hatte –– vollkommen bezaubert.

„“Deine Juliet““ ist –– ganz konsequent und ohne dass einem das jemals auf die Nerven fällt –– ein Briefroman, bestehend aus der Korrespondenz der jungen Londoner Journalistin Juliet Ashton mit einer Reihe von Personen. Die Briefe stammen aus dem Jahr 1946, ihr Inhalt aber erzählt eine weiter in die Vergangenheit reichende Geschichte.

Juliet hat gerade ihre Kolumne „“Spectator““, welche sich während des Krieges großer Beliebtheit erfreut hatte, als Buch veröffentlich, als sie den Brief eines gewisser Dawsey Adams erhält, der auf Guernsey lebt und sie bittet, ihm eine Buchhandlung in London zu empfehlen, in der er „ weitere Werke“ von Charles Lamb bestellen könnte. Dass er sich mit dieser Bitte ausgerechnet an Juliet wendet, liegt daran, dass er ihren Namen und ihre Adresse in einer antiquarisch erworbenen Ausgabe von Lambs „„Ausgewählten Essays““ gefunden hat. Dawsey erklärt, dass er Mitglied des Clubs der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf sei und ihn dieses Buch während des Krieges und der deutschen Besatzung der Kanalinsel oft aufgeheitert habe. Juliet kommt seiner Bitte nach, und es bleibt nicht der letzte Brief. Bald schreiben ihr auch andere Mitglieder des Clubs. Brief um Brief entfaltet sich die Geschichte zu einer seltsam schönen und fast sehnsüchtig machenden Blüte.

Im Zentrum der Handlung stehen neben Juliet, ihr bester Freund, der gleichzeitig ihr Verleger ist, und ein Mann, der Juliet mit seinen Heiratsabsichten verfolgt. Dann wären da aber auch noch Elizabeth und deren große Liebe, ein deutscher Offizier, die wir nie kennen lernen werden, weil Elizabeth, nachdem sie einen kriegsgefangenen Zwangsarbeiter versteckt und gesund gepflegt hatte, in ein KZ verschleppt wurde. Und während alle auf ihre Heimkehr hoffen und bis dahin sich rührend um Elizabeths uneheliche Tochter kümmern, entsteht das Bild eines Dorfes, um nicht zu sagen, der ganzen Insel und einer Facette der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die nicht eben oft Erwähnung findet –- verglichen z.B. mit der Normandie.
Wenig überraschend, fährt Juliet bald selbst nach Guernsey, und stilistisch ist es schon bewundernswert, wie Mary Ann Shaffer auch jetzt den Briefroman durchhält, ohne dass es angestrengt wirkt. Einfühlsam gelesen von Luise Helm, Uve Teschner, Johannes Steck u.a., ist es ein solches Hörvergnügen, dass man der Autorin das romantische Happyend, welches den Roman am Ende etwas verflachen lässt, leicht verzeihen kann.

Cover: "Deine Juliet" von Mary Ann Shaffer

Mary Ann Shaffer
Deine Juliet – Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf
Argon-Hörbuch (6 CDs, 7 Stunden und 29 Minuten)
ISBN-10: 3839892007

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