Bei dem Hörbuch „„Der Gotteswahn““ von Richard Dawkins handelt es sich um eine gekürzte Version des 2007 erstmals auf Deutsch erschienenen Buches (Titel des englischen Originals: „The God Delusion“) – gelesen von Ulrich Pleitgen. Ich mag gekürzte Versionen, wo es mehr um Inhalte geht als um Sprachkunst, und auch Hörbücher sparen mir eine Menge Zeit, kann ich sie doch rezipieren, wenn die Augen schon genügend strapaziert wurden und es auch den Körper nach entspanntem Liegen im Bett verlangt – also nicht unter Überbeanspruchung der linken Schulter, auf die Seite gedreht, oder krampfhaft ein Buch auf der Brust balancierend. Aber die Rede sollte ja von Dawkins sein und nicht von meinen Lesegewohnheiten.

Das Kapitel 8 „“Was ist denn so schlimm an der Religion? Warum diese Feindseligkeit?““ führt Wikipedia inhaltlich so aus:

Hier betont Dawkins, dass schon ein „gemäßigter“ Glaube dem Fanatismus zugutekomme. Er führt aus, dass die Anschläge am 11. September 2001 auf das World Trade Center in dieser Form nur möglich gewesen seien (ebenso wie religiös motivierte Anschläge überall sonst auf der Welt), weil die Attentäter wirklich geglaubt hätten, nach ihrem Tod als Märtyrer in ein Paradies zu kommen. Dieser Glaube habe sich aber nur deshalb festigen können, weil die Gesellschaft, in der die Täter aufgewachsen sind, den scheinbar harmlosen Glauben an Gott und an ein Paradies für selbstverständlich hält. Als Beispiel führt er die Haltung einiger Religionen gegenüber Homosexuellen und deren Verfolgung an oder die Tatsache, dass der Respekt vor dem Leben (Ungeborenes, Soldat, Ehebrecher, Andersgläubiger, ethnische Gruppen) sehr variabel den entsprechenden Glaubensrichtungen angepasst wurde und noch wird.

Dieses Kapitel enthält zwar nicht die mir am interessantesten erscheinenden Passagen, dafür aber jene, die zu den Nachrichten und Diskussionen zu passen scheinen, die gerade die Medien beherrschen.

Ich zähle mich schon seit geraumer Zeit zu den Agnostikern: „Man weiß es halt nicht, und wird es vielleicht auch nie wissen, obwohl es schon interessant wäre, irgendwann mal die Wahrheit zu erfahren.“ Kurz: Glaubenstechnisch ein Weichei. Die jüngsten Ereignisse bewirkten allerdings, dass mir ketzerisch die Idee kam, man sollte „den ganzen Quatsch“ (jede Form religiösen Glaubens) wirklich verbieten. Dieser Idee folgte sehr schnell der Gedanke, dass das mit dem Verbieten ja nun wirklich auch nicht neu wäre. Es gibt ausreichend Beispiele für totalitäre Regime, die den unter ihnen Leidenden den Glauben auszutreiben versucht haben, indem sie zumindest dessen erkennbare Ausübung verboten und unter Strafe stellten bzw. dies sogar bis heute tun.

Dawkins hat übrigens eine interessante Theorie dazu, warum der Mensch (jeder Mensch und zu jeder Zeit der Menschheitsgeschichte) Religionen entwickelte. Wenn es zum Beispiel um die germanischen oder griechischen Götter geht, bezweifelt heute niemand, dass sie der menschlichen Phantasie entsprangen. Dawkins meint deshalb, er sei einfach schon einen Gott weiter. In der gegenwärtigen Lage, neige ich also dazu, mir zu wünschen, auch der Rest der Menschheit wäre schon einen Gott weiter. Auch wenn ich nicht glaube, dass damit das Böse aus der Welt verschwände. Mit dem Glauben verhält es sich ja so, dass nicht alles Böse nur vom Glauben kommt, und dass der Glaube durchaus Gutes bewirken kann. Und damit komme ich zu der Frage nach dem Ursprung des Glaubens. Und jetzt bitte keine Hypothesen über Offenbarungen, Erleuchtungen, Eingebungen, ……! Nein, rein naturwissenschaftlich muss auch das Bedürfnis nach Glauben einen praktischen Zweck haben. Dawkins vermutet (stark), dass es mit der Notwendigkeit zu tun hat, unsere Kinder vor Schaden zu bewahren, indem wir ihnen lebensgefährliches Tun verbieten, bevor sie die geistige Reife zur Einsicht in den Sinn dieser Verbote besitzen (und natürlich auch bevor sie die bestätigende Erfahrung selbst machen können, welche u.U. die letzte Erfahrung ihres noch so jungen Lebens wäre). Zum Einen machen wir sie damit überhaupt bereit, die für das Funktionieren einer Gesellschaft nötigen Verbote und Gebote zu akzeptieren, wenn diese nur mit gehöriger Autorität vorgetragen werden, und zum Anderen wächst im erziehenden Elternteil aber sicher auch im Beobachter der kindlichen (lebensnotwendigen) Gefügigkeit, der Gedanke, dass man dies ja nicht auf die Kindheit und auf absolute Notwendigkeiten beschränken muss, sondern dass sich hier auch ein prima Mittel zeigt, mit dem man ohne große Kraftanstrengungen anderen seinen Willen aufzwingen kann. Und reicht die eigene Autorität nicht aus, erfindet man sich eben noch eine höhere Macht dazu, in deren Namen man spricht und die jedes Zuwiderhandeln aufs Fürchterlichste bestrafen wird.

Was also tun?
Wir werden auch in Zukunft unsere Kinder durch Verbote vor Schaden bewahren müssen. Vielleicht hilft es ja dem globalen Verständnis ein wenig, dass – wenn wir schon unterschiedlichen Glaubens oder auch Unglaubens sind – doch zumindest alle in derselben Falle sitzen und unseren Verstand gebrauchen müssen, damit sie nicht zuschnappt, bevor uns ein Ausweg eingefallen ist.

CD-Cover: "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins

Richard Dawkins
Der Gotteswahn
gelesen von Ulrich Pleitgen
Hörbuch Hamburg (4 CDs – Gekürzte Ausgabe), 2008
ISBN-10: 389903497X

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