Ein Alleinflug ist per definitionem ein Flug, bei dem sich − außer dem Piloten − keine weitere Person an Bord eines Luftfahrzeuges befindet. Dass Elly Beinhorn diesen Begriff zum Titel ihrer Autobiographie gemacht hat, soll aber nicht nur darauf verweisen, dass die großen Flüge, auf die sich ihr Ruhm als Pilotin begründet, Alleinflüge waren, sondern deutet an, dass ihr ganzes Leben auf weiten Strecken ein „Alleinflug“ war.

Nun ist ein ganzes Leben – besonders wenn es sich durch so viele weite und oft abenteuerliche Reisen, verbunden mit herausragenden sportlichen Leistungen auszeichnet – nur schwer auf 429 Seiten zwischen zwei Buchdeckel zu bannen, ohne dass passagenweise die Gefahr besteht, dass eine Aufzählung der Ereignisse dabei herauskommt. Und im konkreten Fall wurde diese Gefahr nicht dadurch geringer, dass die Autorin, auch wenn sie wegen mehrerer Publikationen immer wieder als Schriftstellerin bezeichnet wird, nun mal keine Literatin ersten Ranges war.

Ich will mich trotzdem an einer Inhaltsangabe versuchen, und dass diese kaum etwas anderes als eine Kurzbiografie werden kann, liegt auf der Hand.

Elly Beinhorn wurde am 30. Mai 1907 in Hannover geboren. Den Umstand, dass sie als behütetes Einzelkind in der Großstadt aufwuchs, machte sie selbst dafür verantwortlich, dass es sie stets in die freie Natur und früh in die weite Welt hinaus zog. Angeregt durch einen Vortrag von Hermann Köhl im Frühherbst 1928 über seinen Flug mit der „Bremen“ über den Atlantik, begann sie noch im folgenden Winter gegen den Willen ihrer Eltern eine Pilotenausbildung in Berlin-Staaken. Ein halbes Jahr später hatte sie ihren A-Schein und sich auch mit den Eltern soweit wieder ausgesöhnt, dass diese zwar nach wie vor über die Berufswahl der Tochter nicht glücklich waren, aber sie hinnahmen wie eine Naturgewalt.

Elly Beinhorn kaufte sich eine Messerschmitt M23b auf Raten und begann ihre berufliche Laufbahn mit Kunstflügen auf Flugschauen. Etwas anderes blieb ihr auch kaum übrig, da weibliche Piloten zu jener Zeit keine Aussichten auf eine Anstellung als Flugzeugführer hatten. Bald schon verdiente sie pro Auftritt bis zu 2000 Mark. Das war viel, reichte aber dennoch kaum, um sich und ihr Flugzeug durch den Winter zu bringen. Außerdem war sie mit der „Herumturnerei in der Luft“ vor Publikum und mit Reklameflügen für Bier und Zigaretten längst nicht am Ziel ihrer Wünsche, und auch der Eiltransport des Fracks eines Großindustriellen nach Rom (ihr erster Auslandsflug) war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sie eigentlich wollte: mit dem Flugzeug die ganze Welt erkunden.

Im Sommer 1930 hörte Elly Beinhorn davon, dass der österreichischen Forscher Hugo Bernatzik mit seiner Frau und Professor Struck vom Dresdner Museums für Völkerkunde im kommenden Winter eine Expedition zu den Bissagos-Inseln vor der westafrikanischen Küste plante und einen Piloten für Luftaufnahmen suchte. Und obwohl Beinhorn in der daraufhin mit Bernatzik geführten Korrespondenz zunächst ihr Geschlecht verheimlichte und der Forscher mit der Tatsache hinter dem Berg hielt, dass der gesuchte Pilot seine Teilnahme an der Expedition selbst würde finanzieren müssen, wurde man schließlich handelseinig. Elly Beinhorn verpfändete ihr eigenes Flugzeug gegen eine 40-PS-Klemm mit Schwimmern, überredete die B.Z. am Mittag, ihr einen Vorschuss zu zahlen, und während sie sich mit dem kleinen Flugzeug noch durch Europa kämpfte, sprach man von ihr bereits nur noch als von der „Afrika-Fliegerin“. Am 4. Januar 1931 war sie gestartet, am 1. Februar in Bissao angekommen, und als sie am 29. April 1931 wieder in Berlin landete, wurde sie triumphal von einem Flugzeuggeschwader begrüßt. Das zeigt den Stellenwert solcher Pioniertaten in einer Zeit, als Namen wie Casablanca und Timbuktu noch die Phantasie zu den wildesten Träumen anregten.

Im August 1931 nahm Elly Beinhorn am Deutschlandflug teil. Gleichzeitig liefen schon die Vorbereitungen für ihr nächstes Projekt: Eine Weltumrundung im Alleinflug. Das heißt, ursprünglich wollte sie nur nach Indien. Aber ähnlich wie Columbus, der den Seeweg dorthin gesucht hatte und in Amerika gelandet war, so führte auch Beinhorn ihre Reise schließlich nach Australien. Der Grund dafür war allerdings kein Navigationsfehler. Einen solchen konnten sich die Piloten kleiner Sportmaschinen gar nicht leisten, denn selbst die Ausrüstung mit Zusatztanks ergab nur einen recht begrenzten Aktionsradius bzw. eine bescheidene Zahl von Stunden, die ein Flugzeug in der Luft bleiben konnte. Ohne sorgfältige Streckenplanung in Zusammenarbeit mit der Shell Company, die zu vielen Stationen das Benzin extra anliefern musste, ging gar nichts. Was Elly Beinhorns Reispläne en route änderte, waren dieselben und/oder ähnliche Gründe, die Marga von Etzdorf daran gehindert hatten, von ihrem Tokio-Flug auf derselben Strecke zurückzukehren, auf der die hingeflogen war. Die Welt zwischen den Weltkriegen war eine unruhige Welt, und daran hat sich bis heute eigentlich nicht viel geändert. Außerdem stelle ich mir vor, dass ein dem großen Abenteuer nicht abgeneigter Mensch, hatte er erst einmal ein fernes Ziel erreicht, sich dachte: Von hier aus könnte man doch auch… … Und auch daran hat sich wohl nicht viel geändert, nur dass das Durch-die-Gegend-Jetten in der heutigen Zeit –- bei allem technischen und organisatorischen Komfort –- nicht mehr jenen Geschmack von wilder Freiheit hat. Andererseits -– so wild diese Freiheit auch damals erschien, so schien die Welt doch manchmal ein Dorf zu sein. Das lag sicher daran, dass das fliegende Volk zahlenmäßig noch so überschaubar war. Wer flog, begegnete an den entlegensten Orten doch immer wieder Bekannten. So kam es auch, dass Elly Beinhorn auf ihrem Weltflug mehrmals auf den Reiseschriftsteller Richard (Dick) Halliburton, seinen Piloten Moye Stephens und deren Flugzeug „„The Flying Carpet““ traf. Seinem Vater hatte Halliburton einmal in einem Brief geschrieben, er wolle alle Erfahrungen machen, die ein Mensch nur machen könne, und auf keinen Fall einen gewöhnlichen Tod zu Hause in seinem Bett sterben. Letzteres ist ihm geglückt, denn am 23. März 1939 verschwand er im Japanischen Meer und wurde einige Monate später für tot erklärt. Es darf angenommen werden, dass auch sein Wunsch „alle Erfahrungen“ zu machen zumindest zu einem beachtlichen Teil in Erfüllung gegangen ist, denn als Elly Beinhorn später -– während ihrer Amerikareise 1934 -– Moye Stephen in Los Angeles traf, erzählte er ihr, dass Halliburton einen Elefanten gekauft hatte, mit dem er gerade auf den Spuren Hannibals die Alpen überquerte.

Zu Elly Beinhorns größten Erfolgen zählen auch ihre Rekordflüge in den Jahren 1935 und 1936, die sie innerhalb von 24 Stunden über zwei bzw. drei Kontinente führten. Während ihres Aufenthalts in den USA hatte sie keine Gelegenheit ausgelassen, dort Flugzeugwerke zu besichtigen und war vom Stand der Technik sehr beeindruckt. Besser gesagt: Es wurmte sie, dass die Amerikaner in der Flugzeugfertigung die Nase vorn zu haben schienen. Als sie sich nach ihrer Rückkehr in Deutschland darüber ausließ, forderte man sie auf, sich die neueste Konstruktion von Messerschmitt anzuschauen, ein Modell mit der wenig werbewirksamen Bezeichnung Bf 108, das bald dank Elly Beinhorn nicht nur den Namen „Taifun“, sondern auch öffentliche Beachtung erhielt. Von nun an flog Beinhorn stets das neueste Modell dieser Serie. Mit der „Taifun“ stellte sie ihre Rekorde auf, und die „Taifun“ blieb für den Rest ihres Lebens ihr erklärtes Lieblingsflugzeug.

Als Elly Beinhorn zu ihrem zweiten Rekordflug startete, der sie von Damaskus über Kairo und Athen nach Berlin führen sollte, hatte sie am Tag vor ihrem Abflug gerade Bernd Rosemeyer geheiratet. Die berühmte Fliegerin und der sagenhaft erfolgreiche Rennfahrer –- ein Traumpaar das gut in die Propaganda des Dritten Reiches passte, ja, dringend gebraucht wurde, denn viele Stars hatten Deutschland bereits den Rücken gekehrt oder fielen unter die „Nürnberger Gesetze“ und waren nicht mehr vorzeigbar wenn nicht gar interniert. Leider sucht man in Beinhorns Biographie vergeblich nach einer Reflektion über die Nazizeit und die eigene Rolle in jenem Abschnitt der deutschen Geschichte. Allenfalls ist Mitleid mit Deutschland und den Deutschen herauszulesen. In ihrem Nationalstolz, der sich schon auf ihrer ersten Afrika-Reise in ihrer fast kindlichen Freude zeigte, ……

Von den Inseln ist nur eine von Europäern besiedelt, und zwar fast ausschließlich von Deutschen. Eine deutsche Gesellschaft hatte die Verarbeitung von der Ölpalmprodukte übernommen. Zufällig lag an unserem Besuchstage vor Bubac – das ist der Name dieser Insel – ein deutscher Hapagdampfer und wir erlebten eine Insel im Atlantik, von Deutschen verwaltet, im Hafen ein deutscher Dampfer und darüber ein deutsches Flugzeug kreisend. Auf den Häusern wehte uns zu Ehren die deutsche Flagge – es war herrlich.

… … ist Elly Beinhorn sich wohl bis zum Schluss selbst treu geblieben

Der Ehe Beinhorn-Rosemeyer war ein großes aber sehr kurzes Glück beschieden. Am 12. November 1937 kam in Berlin Bernd Rosemeyer jun. zur Welt. Am 28. Januar 1938 starb Elly Beinhorns Ehemann bei einem Rekordversuch auf der Autobahn nahe Mörfelden bei Walldorf in Hessen.

Im darauf folgenden halben Jahr schrieb Elly Beinhorn „“Mein Mann, der Rennfahrer. Der Lebensweg Bernd Rosemeyers““. In dem Buch, das sich über 200.000-mal verkaufte, sind Kondolenzschreiben von Hitler und anderen NS-Größen abgedruckt.

Nachdem sie die Arbeit an Rosemyers Biographie beendet hatte, begann Elly Beinhorn wieder zu fliegen. Sie übernahm Aufträge der Messerschmitt AG, wenn es galt, Privatkunden im Ausland neue Modelle vorzuführen oder sie auf einem gekauften Flugzeug zu schulen. Bei solchen Gelegenheiten lernte sie zum Beispiel Magda Lupescu kennen, die dritte, morganatische Ehefrau des rumänischen Königs Carol II, und den Maharadscha von Baripada. Dann aber war es mit der Freude an der Fliegerei vorerst vorbei.

Im Herbst 1939 begann der Zweite Weltkrieg und Sportfliegen war nicht mehr möglich. Beinhorns Taifun wurde beschlagnahmt und als Kuriermaschine bei der Luftwaffe eingesetzt. Sie selbst gehörte zu den „fliegenden Mädchen“, die reparierte Maschinen von den Werken zu den Einsatzplätzen überführten.

Am 26. September 1941 heiratete sie den Industriekaufmann Karl Wittmann, den sie schon Jahre zuvor bei Freunden kennengelernt hatte. Das Ehepaar bezog eine Atelierwohnung in Berlin-Westend. Im selben Haus wohnte auch der Maler Emil Nolde mit seiner Frau Ada. Am ersten Hochzeitstag kam die Tochter Stefanie Elly Barbara zur Welt.

Als die Bombenangriffe auf Berlin zunahmen, zog Elly Beinhorn mit den Kindern zunächst nach Garmisch-Partenkirchen und dann, im Sommer 1943, auf ein Gut in Ostpreußen, das einem befreundeten Ehepaar gehörte und zunehmend mehr Flüchtlinge aufnahm. Und als die Ostfront immer näher rückte, riet Karl Wittmann seiner Frau, mit den Kindern „so weit wie möglich nach Westen zu ziehen. Die Russen kommen!“ Sie flüchteten nach Trossingen im Schwarzwald, noch nicht ahnend, dass sie die nächsten zehn Jahre dort bleiben würden. Die Wohnung in Westend war ausgebombt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es deutschen Staatsbürgern vorerst verboten zu fliegen, aber im Frühjahr 1951 bekam Elly Beinhorn aus der Schweiz ein Angebot zur Charterung einer „Piper-Club“-Maschine und die Zusicherung, in Bern ihren Pilotenschein erneuern zu dürfen. Im Shell-Haus in Hamburg erhielt sie das erste nach dem Krieg ausgestellte Shell-Carnet (Tankgutsteine), das es ihr ermöglichen würde, weltweit zu tanken, wenn sie wieder unterwegs war. Im Auftrag einer großen illustrierten Wochenzeitschrift brachte sie einen Reporter nach Rovigo in Italien, wo er die Überschwemmungskatastrophe in der Po-Ebene fotografieren sollte, und flog nach Bengasi, wo in einem Zivilarbeitslager der erste deutsche Auslandssender nach dem Krieg errichtet worden war. Weitere Aufträge folgten, und 1954 zog sie mit den Kindern nach Freiburg in das Haus, das sie -– so ganz nebenher -– hatte bauen lassen. Thematisch wurde dieser Hausbau dann zu einer weiteren Einnahmequelle, denn sie schrieb darüber das Buch „„Fünf Zimmer höchstens!““, das später die Vorlage für eine Fernseh-Dokumentationsreihe mit Elly Beinhorn als Moderatorin bildete.

Und natürlich war sie noch weit davon entfernt, das Fliegen aufzugeben, zumal es inzwischen den Deutschen wieder erlaubt war. 1958 begleitete sie den Vater einer Freundin auf eine Safari nach Afrika und begegnete dort Charlie Chaplin mit seiner Familie und Michael Grzimek. Im Jahr darauf nahm sie am legendären Powder Puff Derby in den USA teil. 1966 folgte sie der Einladung von Willy Messerschmitt auf sein Anwesen in Andalusien und bekam für die Reise eine restaurierte Messerschmitt „Taifun“ gestellt. 1967 flog sie noch einmal nach Australien und von dort zu den Fidschi-Inseln, nach Honolulu und Kalifornien -– allerdings nicht mehr im Alleinflug. Aber erst 1979 gab die inzwischen 72-jährige Elly Beinhorn ihren Pilotenschein freiwillig ab.

1991 wurde Elly Beinhorn mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem Seniorenheim bei München. Hier feierte sie auch am 30. Mai 2007 im kleinen Familienkreis ihren 100. Geburtstag. Die Vereinigung Deutscher Pilotinnen (VDP), zu deren Gründungsmitgliedern sie 1968 gezählt hatte, ermöglichte der Jubilarin einen halbstündigen Rundflug über das Alpenvorland.

Elly Beinhorn starb am 28. November 2007 in Ottobrunn und wurde in Berlin auf dem Waldfriedhof Dahlem neben Bernd Rosemeyer bestattet.

Cover_Beinhorn_Alleinflug
Elly Beinhorn
Alleinflug
Malik National Geographic, 2. Auflage Januar 2011
ISBN: 978-3-492-40329-0

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