Rechtzeitig zu Ricarda Huchs 150. Geburtstag am 17. Juli 2014 hat der Insel Verlag ihren Kriminalroman „“Der Fall Deruga““ neu aufgelegt. Es handelt sich dabei nicht um ihr wichtigstes Buch. Eher ist es wohl dasjenige ihrer Werke, von dem sich ein Verleger ein wenig Hoffnung machen darf, dass es heute noch jemand kauft. Die große deutsche Dichterin und Schriftstellerin, nach der so viele Straßen und Schulen benannt sind, wird nicht mehr gelesen. Sehr zu Unrecht. Selbst wenn der Schreibstil des 19. Jahrhunderts dem Leser des 21. als „gewöhnungsbedürftig“ erscheinen mag, so hat doch gerade die oft gegen Konventionen verstoßende, dennoch als radikale Konservative bezeichnete, auf jeden Fall immer einen klaren Standpunkt vertretende Ricarda Huch uns auch heute noch etwas zu sagen, und wer sich „eingelesen“ hat, genießt ihren klaren Blick auf die Geschichte und die Widersprüchlichkeiten des menschlichen Charakters.

Nachdem ich in der Zeitung von der Neuauflage gelesen hatte, begab ich mich in eine Buchhandlung, und als ich „“Der Fall Deruga““ weder im Schaufenster noch bei den Neuerscheinungen entdeckte, dafür aber den unbeschäftigt wirkenden Angestellten am Informationsstand, fragte ich ihn, wo ich das doch sicher vorhandene Buch denn finden könnte. Er konsultierte seinen Computer, schritt mit mir zum Regal der Klassiker, suchte dort vergeblich bei „“Hu““, konsultierte abermals seinen Computer, und da er zusehends ratlos wirkte, schlug ich vor, man könnte ja mal bei den Krimis nachschauen. Das war nicht sehr nett von mir. Da hätte ich ja auch gleich selbst …… Wie auch immer, der Herr, der mir zunächst nicht glauben wollte, meinte, als er den Roman dann aus dem Regal zog, er habe nun etwas dazugelernt: Ricarda Huch, die Krimiautorin. Darauf wäre er nie gekommen.

Und ist es denn überhaupt ein Kriminalroman?
Man könnte ihn auch als Gerichtsroman bezeichnen.
Darüber hinaus handelt es sich um ein ziemlich realistisches Portrait der Münchner Gesellschaft kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Zum Inhalt:

Mingo Swieter, die seit ihrer Scheidung vor 17 Jahren in München lebt, wird von ihrer Haushälterin leblos aufgefunden. Es sieht nach Herzversagen aus, was in Anbetracht der schweren Erkrankung der fast Fünfzigjährigen auch niemand bezweifelt –- bis zur Testamentseröffnung. Als sich herausstellt, dass die Verstorbene ihr gesamtes Vermögen in Höhe von 400.000 Mark ihrem Ex-Mann Dr. Sigismondo Enea Deruga vermacht hat, besteht Baronin Truschkowitz, die nächste Verwandte, die schon mit der Erbschaft gerechnet hatte, auf einer Exhumierung der Leiche. Tatsächlich stellt sich heraus, dass Mingo Swieter mit Curare vergiftet wurde. Unweigerlich fällt der Verdacht auf Deruga, den Einzigen, der vom Tod Mingo Swieters profitiert, zumal der aus Italien gebürtige Hals-Nasen-Ohrenarzt, der seine Praxis recht nachlässig führt und im Umgang mit Geld als unbedacht gilt, in ständigen finanziellen Schwierigkeiten zu sein scheint.

Deruga, der in Prag lebt, erfährt nicht offiziell sondern gerüchtweise von dem Verdacht gegen ihn, reist nach München, um den Verleumder zu verklagen, muss dann aber selbst vor Gericht, da sich ein Zeuge gefunden hat, der aussagt, Deruga am Abend vor dem Tod seiner geschiedenen Frau zum Bahnhof begleitet zu haben, und dass dieser nach München habe reisen wollen.

Was wirklich geschah, erfährt der Leser nach und nach im Laufe der Gerichtsverhandlung, während der die verschiedenen Personen -– hauptsächlich der Angeklagte, aber auch alle anderen, die in den Fall verwickelt sind -– aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet werden.

Geradezu exemplarisch für die Gegensätze in ein und derselben Person, die einem hier im besten Sinne „zugemutet“ werden ist der Satz, den Deruga, zu einem Freund sagt: „“Und weißt du noch, wie er dich vor mir warnte und prophezeite, es würde ein Freimaurer und Atheist aus mir werden, wenn ich nicht etwa gar ein Heiliger würde.““

Frühere Einträge zu Ricarda Huch in diesem Blog:

In neun Jahren…

Einfach schön

für das erinnern

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Ricarda Huch
Der Fall Deruga
Insel Verlag Berlin 2014
ISBN 978-3-458-36013-1

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