Grabstein Marga von Etzdorf

Wahrscheinlich ist es nicht leicht, zwei einander wirklich ähnliche Findlinge zu finden. In diesem Fall sieht man sofort, dass der Stein auf dem Foto, das ich vor einer Woche gemacht habe, nicht derselbe ist wie der um 1933 fotografierte. Aber die Worte auf dem Stein sind dieselben: DER FLUG IST DAS LEBEN WERT / Marga Wolff von Etzdorf / geb. 1. Aug. 1907 gest. 28. Mai 1933

Als der Schriftsteller Uwe Timm kurz nach dem Fall der Berliner Mauer zum ersten Mal den Invalidenfriedhof besuchte, war da gar kein Stein auf dem Grab. Überhaupt war wenig übrig von dem 1748 auf Geheiß Friedrichs II. angelegten Friedhof, an dem sich in den folgenden 200 Jahren ein beachtlicher Teil der deutschen Geschichte kristallisierte -– von den Napoleonischen Befreiungskriegen bis zum Zweiten Weltkrieg. Was am Ende dieses Krieges nicht zerstört war, fiel dem Bau der Mauer zum Opfer, von der ein Teil durch den Friedhof verlief. 230 Gräber sind noch übrig. Seit 1992 bemüht sich ein Förderverein um die Restaurierung. Und so hat auch Marga von Etzdorf seit 2003 wieder einen Grabstein.

Nach seinem Besuch auf dem völlig verwahrlosten Friedhof, besorgte sich Uwe Timm ein Buch, das Auskunft darüber gab, wer hier einmal bestattet worden war. Dabei weckte sein besonderes Interesse der Name eben jener jung gestorbenen Fliegerin, die ganz fehl am Platze schien zwischen all den Generälen, Majoren, Kriegsministern und Widerstandskämpfern. Später sagte er, diese Frau sei „der Treibsatz“ für die Entwicklung seines Romans gewesen, bis zu dessen Veröffentlichung noch über 15 Jahre vergehen sollten.

Gleich nach seinem Erscheinen, fand das Buch viel Resonanz bei den Rezensenten, die sich in geradezu rührender Weise bemühten, sich zu der ungewöhnlichen Erzählform etwas anderes einfallen zu lasse, als jene treffenden Formulierungen, die der Klappentext anbot. Immerhin war es Uwe Timm selbst, der in einem Interview mit Gerrit Bartels vom TAGESSPIEGEL auf die Musikalität seines Buches hinwies und darauf, dass er es als Oratorium angelegt hatte. Also bemühte man das „Sprechorchester“, das „Requiem“ und die „literarische Totenbeschwörung“. Schön und gut, solange man nur nicht behauptete, Uwe Timm habe Gräber oder gar Sargdeckel geöffnet. Der Mann ist doch kein Grabschänder! Sein Ich-Erzähler lässt sich von einem Stadtführer, dem „Grauen“, über den Friedhof lotsen. Was für eine Doppeldeutigkeit liegt in dieser Deklination! Es herrscht Abenddämmerung. Und da sind diese Stimmen, manchmal ein Stöhnen oder ein auffälliges Schweigen, das der Stadtführer erklären muss: der Held der Befreiungskriege Scharnhorst, der Organisator der Judenvernichtung Heydrich, dessen Grab nicht mehr auffindbar ist, Liebermann von Sonneburg, der Erfinder des Wortes „Endlösung der Judenfrage“, Maikowski, der „Saufaus“ mit 33 Morden an Oppositionellen auf dem Kerbholz, Fliegerasse wie Werner Mölders und Ernst Udet aber auch Mitglieder des Widerstands vom 20. Juli 1944 und namenlose Opfer aus dem Mai ’45. -– Ein sich zu Gehör bringendes Schattenreich aus zwei Jahrhunderten, in denen mehr Krieg als Frieden herrschte. Doch wer nun glaubt, so erkläre sich der Buchtitel, der irrt. Zumindest erklärt er sich so nicht ausschließlich. Und damit komme ich zu Marga von Etzdorf – dem oben erwähnten „Treibsatz“.

Früh verwaist, hatten sie und ihre Schwester dennoch eine glückliche Kindheit im Haus der Großeltern. Und was für ein Haus! Ein zu einer Art Burg ausgebautes Gut in der Lausitz, dazu eine Stadtwohnung in Berlin. Im Alter von 19 Jahren lernte Marga fliegen und besaß Durchsetzungsvermögen genug, um der erste weibliche Copilot bei der Luft Hansa zu werden. Wegen der schlechten Berufschancen verlegte sie sich auf die Sportfliegerei, flog nach Istanbul, nach Gran Canaria, dann als erste Frau mutterseelenallein nach Tokio. Nur leider war immer ein bisschen Pech dabei. Stets erreichte sie das gesetzte Ziel, doch auf dem Heimweg passierte irgendein Malheur. Als es für sie immer schwieriger wurde, Geld für ihre Projekte aufzutreiben, ließ sie sich auf die nach dem Vertrag von Versailles verbotene Vermittlung von Waffengeschäften ein. Mit einem illegalen Maschinengewehr und Preislisten an Bord brach sie auf nach Australien, machte dann aber schon in der Nähe von Aleppo (Syrien) eine Bruchlandung. Das Flugzeug war nicht sehr schwer beschädigt, sie selbst war unverletzt. Und dennoch erschoss sie sich keine halbe Stunde nach der missglückten Landung auf dem französischen Militärstützpunkt. Sie war 25 Jahre alt.

Aber ich wollte ja die andere Hälfte des Halbschattens erklären – so wie ich den Titel des Romans und wie ich Uwe Timms Ansatz bei der Betrachtung der Geschichte verstehe. Timm hat der wahren Geschichte der Marga von Etzdorf etwas hinzugefügt, das es – so –fürchte ich -– nie gegeben hat, auch nicht im diskretesten Geheimen: eine Romanze. Eine platonisch-romantische Nacht in Gesellschaft des deutschen Konsuls Christian Dahlem lässt Timm seine Heldin erleben, und im Laufe dieser Nacht erklärt Dahlem der jungen Fliegerin auch die Bedeutung des Schattens in traditionellen japanischen Räumen -– des Schattens, der Dinge sichtbar macht, die im vollen Licht verborgen bleiben. Als kluger Autor weiß Uwe Timm, dass man es mit der Romantik nicht übertreiben darf, und so lässt er diese erfundene Episode im Leben der Pilotin mit einer menschlichen Enttäuschung enden, mit einer kleinen und dennoch theatralischen Geste –- dem Geschenk eines Zigarettenetuis, das seinem ursprünglichen Besitzer einmal das Leben gerettet hat. Marga von Etzdorfs Leben rettete es nicht -– hätte es auch nicht gerettet, wenn es die Romanze gegeben und das Etui sich tatsächlich in ihrem Besitz gefunden hätte. Marga von Etzdorf war anders als die gleichaltrige Pilotin Elly Beinhorn, die auch ein Flugzeug verloren hatte (noch dazu ein geliehenes), deren Karriere das aber scheinbar keinen Abbruch tat, und die locker mit der Vermarktung ihrer Reisen und ihres Lebens Geld verdiente. Vielleicht wäre Marga von Etzdorf gerne wie sie gewesen. Vielleicht, das habe ich mir kürzlich erst überlegt, hatte sie die Kamera gar nicht bei sich, weil man sie zur Spionage überredet hatte, sondern weil sie –- wie die Beinhorn –- ihre Reiseerlebnisse filmen wollte, um bessere Honorare für ihre Vorträge zu erzielen. Elly Beinhorn liegt übrigens nicht auf dem Invalidenfriedhof. Sie wurde 100 Jahre alt und hatte reichlich Zeit, sich zu überlegen, wohin sie gehörte. Ihr Grab ist neben dem ihres ersten Mannes Bernd Rosemeyer auf dem Waldfriedhof Dahlem (Berlin).

Einer Sache bin ich mir nicht sicher, ob es nämlich von Vorteil oder von Nachteil war, dass ich mich schon vor dem Lesen des Romans recht umfassend mit dem Leben und mit dem Tod von Marga von Etzdorf beschäftigt hatte. Sie war der Grund, warum ich mir das Buch kaufte, und sie war der Grund für meinen Besuch auf dem Invalidenfriedhof. Auf jeden Fall hat das Lesen der Biografie der Pilotin das Lesen des Romans nicht überflüssig gemacht. Uwe Timms Interesse an der deutschen Vergangenheit ist ansteckend. „Man hatte mir seine Telefonnummer gegeben, ich hatte ihn angerufen, und er hatte, nach einem kurzen Zögern, zugesagt.“ So knapp beschreibt er, wie es zum Kontakt zwischen seinem Ich-Erzähler und dem grauen Stadtführer gekommen war. Übrigens hängt im Glaskasten am Eingang des Invalidenfriedhofs tatsächlich eine Telefonnummer, unter der man sich melden kann, wenn man eine Führung über den Friedhof wünscht. Kurz war ich versucht, mir die Nummer zu notieren, ließ es dann jedoch. Den Roman „“Halbschatten““, als eine Art vorbereitender Lektüre, kann ich jedoch nur empfehlen.

Rezensionen:

Stimmen über den Gräbern
von Karen Andresen im SPIEGEL SPECIAL 6/2008

Ein Spaziergang über den Friedhof
von Hajo Steinert im Deutschlandfunk, Büchermarkt am 24.08.2008

Die Fliegerin und der Tod – Wenn Engel abstürzen
von Laura Potting in der Kritischen Ausgabe, 27.07.2010

Urdeutsches Schattenreich
von Ulrich Rüdenauer in der Badischen Zeitung, 06.09.2008

Der Graue
von Thomas Rothschild (Die Presse), 29.08.2008

Uwe Timm: Halbschatten
von Marina Neubert, 26.09.2008

Ein deutsches Requiem
von Ulrich Greiner in Text und Zeit

Erlösung über den Wolken
von Gerrit Bartels im TAGESSPIEGEL, 04.09.2008

Cover_Uwe_Timm_Halbschatten
Uwe Timm
Halbschatten
Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv), München 2010
ISBN 978-3-423-13848-2

Advertisements