Manchmal muss man sich ja fragen, ob es wirklich der Sinn von Literatur-Preisen ist, einen Autor oder ein Werk auszuzeichnen und damit zu empfehlen, oder ob diese Preise nicht viel eher sich selbst empfehlen und sich der Autoren und Werke nur als Vorwand bedienen: Seht her, unsere Jury hat getagt, hat unter xxx Einsendungen eine Auswahl getroffen, und dann folgt eine kurze, mir meistens wenig bis nichts sagende Begründung, warum die Juroren sich für dieses oder jenes Buch entschieden haben. Darüber könnte man hinwegsehen, könnte dem Autor sein Preisgeld von Herzen gönnen, zumal die Tantiemen dann oft viel weniger üppig fließen als erhofft. Bücher, die keine Buchpreise gewinnen, sind für den Autor ein dickes Verlustgeschäft, bedenkt man die Monate (und noch öfter Jahre) die mit dem Schreiben draufgegangen sind. Was die Sache aber wirklich ärgerlich macht, ist, dass diese dürftige und aus den gerade gängigen Klischees zusammengeschusterte Begründung dann wieder und wieder abgeschrieben wird, wortgetreu übernommen überall da, wo ein Buch doch eigentlich „besprochen“ werden sollte. Im Fall von Sofie Koffas Roman „Störung der Totenruhe“ fallen immer wieder die Begriffe „komplex“ und „vielschichtig“ zur Beschreibung der Erzählweise, und bei der Inhaltsangabe beschränkt man sich auf „unangepasste Jugend in der späten DDR und Nachwendezeit“. „Unangepasst“, das klingt im Kontext DDR ja schon mal gut und weckt ein gewisses Interesse, denn waren die da nicht alle eher angepasst?

Nun hatte ich meine Gründe, mich von den lahmen Sätzen nicht abschrecken zu lassen. Ich kenne Sofie Koffa … – Nein, ich kenne Sofie Koffa nicht, denn die Frau, die sich als Jugendbuchautorin Sofie Koffa nennt, lässt sich nicht kennen. Ich kenne nur (und auch nicht wirklich) die ebenfalls unter Pseudonym ihre Cartoons bloggende Person, die mit jener Sofie Koffa identisch ist. Folglich erwartete ich Humorvolles, vielleicht sogar Zynisches, wobei ich Letzteres in einem designierten Jugendbuch kritisch gesehen hätte. Mit ihrem Zynismus sollten die Erwachsenen unter sich bleiben und die Kinder verschonen. Zu solcher Kritik fand ich dann jedoch gar keinen Anlass. Koffas Roman ist ein Buch, bei dem man eher „zuhört“ als dem Kopfkino allzu freien Lauf zu lassen, und das liegt an der Ernsthaftigkeit, mit der sie erzählt. Einem ernsthaften, ernsthaft um Ehrlichkeit bemühten Menschen muss man einfach zuhören, und an der Intensität, mit der man das tut, kann man feststellen, wie selten einem Ernsthaftigkeit begegnet, wie oft einem etwas vorgemacht wird.

In der Nacht vor ihrer Hochzeit lässt Sina ihre Jugend noch einmal Revue passieren. Da das Happyend bereits feststeht, beunruhigt das Gesagte nicht mehr – nicht der ein Trauma hinterlassende Tod des kleinen Bruders und Selbstmord des Vaters, nicht die teils handgreiflichen Auseinandersetzungen mit der Mutter, nicht die Aufsässigkeiten, die einen Verweis von der Schule zur Folge haben könnten, nicht das Kiffen, nicht der Alkohol, nicht die Teufelsanbetung auf dem nächtlichen Friedhof, nicht einmal, dass Sina jemanden – wenn auch eher versehentlich – umbringt, … Sina wird den dicken Adrian heiraten, an den man sich von Kapitel zu Kapitel mehr gewöhnt, weil er mehr zu Sina gehört, als irgendjemand sonst. Oder doch nicht?

Ziemlich am Ende des Romans schreibt Sina einen Brief an ihre unheilbar kranke polnische Freundin Gosia:

„Liebe Gosia. Ich bin in letzter Zeit viel umgezogen und so hat der Brief Deiner Mutter mich jetzt erst erreicht. Ich bin sofort nach Torun gefahren und stand lange vor der Tür, bis mir klar wurde, dass ich mit der Ungewissheit leben kann. Aber melde Dich bitte, falls es Dich noch gibt.
Liebe Aga! Bitte schreiben Sie mir nicht zurück, falls Gosia inzwischen verstorben sein sollte.“

Das Leben (und das Lesen) ist immer ein Leben mit der Ungewissheit und vielleicht nur so zu ertragen. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, habe ich in mich hinein gespürt. Sina, die Protagonistin, hat von sich immer behauptet, nichts zu fühlen. Ich fragte mich, was ich am Ende dieser Lektüre fühlte. Versöhnung? Ist das ein Gefühl? Aber es war das erste Wort, das mir einfiel. Mit irgendetwas tief in mir hatte das Buch mich versöhnt. Vielleicht mit der Unversöhnlichkeit. Mit der schlichten Tatsache, dass es Dinge gibt, die nicht wieder gut werden, und dass man sich damit abfinden und weiter leben muss.

Nun will auch ich nicht versäumen, noch zu erwähnen, dass das Manuskript des Romans 2005 mit dem „Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis“ ausgezeichnet wurde.

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Sofie Koffa
Störung der Totenruhe
Golub Books (25. Februar 2014)
Roman, 168 S.
ISBN: 978-3-942732-11-6

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