Da mir „Wäldernacht“ so gut gefallen hatte, musste ich mir keinen Ruck geben, um den auch in Bernd Wagners „Club Oblomow“ erwähnten ersten Roman von Ralf Rothmann, „Stier“ (1991), zu lesen.

Der 1953 geborene und im Ruhrgebiet aufgewachsene Ralf Rothmann ist Lyriker. Das zeigt sich in seiner vom SPIEGEL als sensibel und wagemutig bezeichneten Sprache. In diesem frühen Roman geraten die von ihm gebrauchten Metaphern manchmal hart an die Grenze meines inneren Widerstrebens – etwa wenn er die kompositorischen Experimente eines Nachbarn im Berliner Hinterhaus mit „als hielte sich jemand Pazifikwellen im Keller“ beschreibt. Aber hier erschöpft sich meine Kritik auch schon – beschämt von der Toleranz jenes Schriftstellers Kai Carlsen, der seine Bleistifte spitzt, weil er die Nähe des ans Licht drängenden Gedankenflusses fühlt, und dem ein anderer Nachbar just in diesem Moment die Wohnungstür eintritt. Er hat sich eben im Stockwerk geirrt. Das alles ist Biederkeit, verglichen mit den Jahren in Essen, als Carlsen seine Arbeit als Maurer schmiss, um in einer Diskothek von fragwürdigstem Ruf zu jobben und schließlich zu deren Inhaber sogar in eine schräge WG zu ziehen, die früher noch viel schräger gewesen sein muss. Aber auch Eckhart Eberwein, Ecki genannt, ehemals Bauingenieur und nun Betreiber des „Blow up“, unterliegt dem Prozess der Veränderung. Was war das mal für ein feiner, freier Kerl! sagt Meier – auch einer aus der WG. Wehe dem, der ihm vor zwei Jahren gesagt hätte: Du wirst die verrückten, phantastischen Leute, die hier leben, demnächst auf die Straße setzen und aus dem funkensprühenden Narrenhaus einen Appartementkomplex für Besserverdienende machen! Und er beendet seine düstere Prognose mit den Worten: Der stolzeste Stier bleibt wesentlich Rind. – Es wird nichts aus dem Bauprojekt und nichts aus Eckis Liebe zur Tochter der Hauseigentümerin. Aus dem Milieu von Drogen und Schutzgelderpressung kann Kai Carlsen sich im letzten Moment wie von einem sinkenden Schiff in die mit einer Unterkunft verbundene Stellung eines Pflegehelfers in einem Krankenhaus retten. Hier klären ein Wiedersehen mit Ecki seine Sicht auf die Vergangenheit und die Bekanntschaft mit einem belesenen kolumbianischen Arzt seinen Blick in die Zukunft.

Voller menschlicher Wärme und mit leiser Melancholie erinnert sich Kai Carlson an die wilden Jahre und bedauert nichts.

Cover_Rothmann_Stier
Ralf Rothmann
Stier
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1991
ISBN: 3-518-38755-3; 978-3-518-38755-9

Diesem Eintrag liegt auch der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

buch