Dass der ehemalige Zentralflughafen Tempelhof inzwischen den Namen Tempelhofer Freiheit trägt, sollte mich wohl freuen, denn Freiheit ist ein Sehnsuchtswort, -– so frei, wie wir es gerne wären, sind wir nie –- und der alte Flughafen war für mich ein Sehnsuchtsort, solange ich zurückdenken kann. Dass ich fast vier Jahre lang (1970 –- 1974) auf diesem Flughafen arbeiten durfte, empfinde ich bis heute als Glücksfall, auch wenn die Umstände, die dazu führten, alles andere als glückliche waren. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, und ich erwähne sie nur, um anzudeuten, warum ich so sehr dagegen war, als dieser Sehnsuchts- und Schicksalsort seiner Bestimmung (Flughafen) beraubt wurde.

Nun verhält es sich tatsächlich aber so, dass jene 386 Hektar Land mit den Koordinaten 52° 28′ 24.91″ N, 13° 24′ 5.7″ E seit Erschaffung der Erde keineswegs jene von mir empfundene Bestimmung hatten. Gott hat nicht am achten Tag den Flughafen Tempelhof erschaffen und dann gesagt: „Und das ist gut so.“ Die Geschichte des Ortes aber -– vom Tempelhofer Feld, das ursprünglich der Landwirtschaft diente, über den Exerzierplatz, auf dem jährlich die Militärparade zu Kaisers Geburtstag stattfand, und die Luftbrücke bis zur heutigen Tempelhofer Freiheit ist unglaublich spannend. Inzwischen finde ich die Freiheit im neuen Namen sehr passend, und mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Ort ein Schicksals- und Sehnsuchtsort bleiben wird, weil das sozusagen in seiner Natur liegt. Immerhin wurde im Laufe der langen Geschichte dort sogar Cricket gespielt –- Douglas Adams-Fans wissen, worauf ich hinaus will. Übrigens ist am kommenden Sonntag nicht nur Europawahl, sondern Volksentscheid für oder gegen eine Randbebauung des ehemaligen Flughafengeländes und Towel Day (!!!). Ich werde also mit einem Handtuch unterm Arm zur Wahl schreiten.

Am letzten Wochenende hat Villa mich besucht, und obwohl der eigentliche Anlass für diesen Besuch die Hochzeit meiner Tochter war, haben wir Villas Anreisetag für ein bisschen Tour de Berlin und ein bisschen Kultur genutzt, und haben an einer Führung durch das alte Flughafengebäude teilgenommen, das Villa noch nie von innen gesehen hatte. An dieser Stelle muss ich meiner Verärgerung über die Tempelhof Projekt GmbH nun doch nochmals Luft machen. Dass am letzten Freitag die große Halle wegen der Vorbereitungen für eine Veranstaltung nicht in der Tour enthalten war, sagte man uns, als wir das Vorfeld bereits besichtigt hatten und in einem Frachthof standen. Es gäbe ja auch sonst viel Interessantes zu sehen, hieß es begütigend. Wie bitte? Aber die große Halle ist sozusagen das Filetstück! Genau das sagte ich auch, denn ich fühlte mich, wie jemand der Kotelett mit Blumenkohl und Kartoffeln bestellt hat und nur die Beilagen (zum selben Preis, dafür reichlich) bekommt, weil Kotelett „leider aus“ ist. Will sagen: Ich möchte niemandem davon abraten, an den Führungen im Flughafengebäude teilzunehmen, denn interessant war es wirklich. Nur scheint es ratsam, sich im Voraus oder spätestens beim Ticketkauf zu vergewissern, dass Sehenswürdigkeiten, auf die man besonderen Wert legt, auch wirklich gezeigt werden und nicht gerade für die Tour gesperrt sind.

So viel zum Pragmatismus der deutschen Veranstalter auf dem ehemals amerikanisch besetzten Flughafen. Dabei ist Pragmatismus ja geradezu eine amerikanische Erfindung, und eine wunderhübsches (fand ich jedenfalls) Beispiel für diesen amerikanischen Pragmatismus erzählte uns der Tour Guide denn auch ganz zum Schluss, als wir im Ehrenhof -– auch Eagle Square genannt –- standen. Die Adler-Reliefs an der Fassade sind noch vorhanden, der Adler auf dem Dach über dem Eingang zur Haupthalle aber fehlt schon seit 1962, als er einem Radargerät weichen musste. Damals konnte man die über vier Meter hohe Metallskulptur nicht anders vom Dach bringen, als sie in Einzelteile zu zerlegen. Und während der Adlerkörper wohl zu Altmetall wurde, verpackte man den Kopf in eine Kiste und verschiffte ihn (als Siegestrophäe?) in die Vereinigten Staaten, wo er Jahre unausgepackt im Keller eines Museums verbrachte. Inzwischen steht der Kopf wieder an der offenen Seite des Eagle Square. Dass der Adler aber überhaupt überlebt hat und nicht schon 1945 zerstört wurde, ist dem Umstand zu danken, dass er statt auf einem Hakenkreuz auf einer Weltkugel thronte, und dass -– hier muss ich mich auf die Behauptung des Tour Guides verlassen, denn ich habe nirgends eine Bestätigung dafür finden können -– die Amerikaner ihn mittels etwas weißer Farbe in ihr eigenes Symbol, einen Weißkopfseeadler verwandelten. Dummerweise ist das einzige von mir entdeckte Foto, auf dem der Adler einen weißen Kopf zu haben scheint, jenes, auf dem sowjetische Soldaten sieghaft mit dem Vogel posieren -– aufgenommen also vor der Übergabe des Flughafens an die Amerikaner. Aber auch wenn nicht verbrieft, so ist die Geschichte doch durchaus glaubhaft und gefällt mir.

Villa und ich vor dem "Eagle Square"

Womit ich nun drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hätte, nämlich von Villas und meiner Tour durch den ehemaligen Flughafen Tempelhof berichtet, auf die bevorstehende Wahl nebst Volksentscheid hingewiesen und daran erinnert, dass am Sonntag Towel Day ist. Ich bin nämlich auch Pragmatikerin.

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