Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die seit dem Jahr 2000 im dreijährlichen Turnus die alltags- und berufsrelevanten Kenntnisse 15-jähriger Schüler in den Mitgliedstaaten der OECD untersucht -– kurz PISA-Studie genannt, ist nur eine der Instanzen, die sich um die Leistungen unserer Kinder Sorgen machen. In einer Leistungsgesellschaft muss man dies vermutlich hinnehmen. Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will. Und diese Krümmung sollte einer Norm entsprechen, auch das muss man heute vielleicht hinnehmen. Hierzulande lassen sich das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz diese Sorge angelegentlich sein. Im Moment dreht sich die Diskussion vorrangig um pro oder contra Inklusion. Für diejenigen, an denen das Thema vorbeigerauscht sein sollte im allgemeinen Themengetöse: Es geht um die Frage, ob es besser ist, lernbehinderte Kinder an sonderpädagogischen Schulen zu unterrichten oder mit entsprechender zusätzlicher Betreuung an regulären Schulen.

Was mich dabei schon mal überrascht: Die Frage ist keineswegs so neu, wie man sie erscheinen lässt, um zu verhindern, dass jeder, aber wirklich jeder sich darüber wundert, warum noch keine wirklich erhellenden Erkenntnisse vorliegen. Als meine jüngste Tochter vor einem knappen Vierteljahrhundert eingeschult wurde, wurden gerade sogenannte Integrationsklassen eingerichtet. Auch darüber gab es Diskussionen. Der einzige Unterschied, wie ich das sehe: Es ging nicht nur um lernbehinderte Kinder, also solche, die man früher auf sog. Sonderschulen schickte, sondern um Kinder mit Behinderungen unterschiedlicher Art, darunter auch Lernbehinderte. Und die Integration sollte auch nicht nur den behinderten Schülern Vorteile bringen, sondern ebenso die sozialen Kompetenzen der nicht behinderten Schüler fördern. Während meiner später zwischen 2009 und 2012 gemachten Erfahrung mit Kunstprojekten an einer Gesamtschule, die das Integrationsmodell (vorwiegend mit Lernbehinderten Schülern) praktizierte, gewann ich den Eindruck, dass die öffentliche Debatte eine Sache, die Realität an den Schulen eine ganz andere ist. Ob der gemeinsame Unterricht den lernbehinderten Schülern Vorteile brachte, wage ich zu bezweifeln. Für die anderen litt die Qualität des Unterrichts unbestreitbar. Und wenn ich nun lese, dass zurzeit zwei große Untersuchungen laufen, die repräsentativer, methodischer und anspruchsvoller sein sollen, als alle bisherigen Untersuchungen, und dass man nach Abschluss dieser Untersuchungen endgültig wird sagen können, ob Inklusion oder Sonderbeschulung die besseren Lernergebnisse erzielt, dann überzeugt mich das deshalb nicht, weil wieder einmal die Leistungen der Schüler verglichen werden. Getreu dem Motto „“An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ geht man davon aus, auf diese Weise die bessere Methode bestimmen zu können. Tatsächlich halte ich die Methode (Integration, Inklusion, keines von beidem) für sekundär. Was es auf jeden Fall gibt, sind gute und nicht so gute Schulen, gute und nicht so gute Lehrer, und dies gilt für jeden Schultyp gleichermaßen. Um hier fündig zu werden, muss man nicht jahrelang Schüler unter Beobachtung halten. Wer in die Schulen hineingeht, sich während einer Unterrichtsstunde in eine Klasse setzt, bekommt erstaunlich schnell mit, ob hier Bedingungen herrschen, unter denen erfolgreiches Lernen möglich ist oder nicht. Mit einer Entscheidung für oder gegen die Inklusion ist wenig bis nichts gewonnen. Die Schulen müssen besser werden, dann werden die Schüler es auch.

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