Es gibt Worte, die – kaum dass sie vom Trommelfell den elastischen Sprung ins Gehirn geschafft haben, dort eine Wirkung erzeugen, wie das Licht am Ende des Tunnels sie auf den Sehnerv haben könnte. Mit handwarmem Interesse folgte ich dem Bericht von der Wiedereröffnung des Hoffmann-von-Fallersleben-Museums in Wolfsburg. Der vom Anwurf des Nationalsozialismus rehabilitierte Dichter hat immerhin unsere Nationalhymne geschrieben, und deren Entstehungsgeschichte ist im Museum ein eigener Raum gewidmet. Sollte ich je das Bedürfnis haben, die Hymne nicht nur recht oder schlecht mitzusingen, sondern ihr explizit meine Aufwartung zu machen, wüsste ich nun, wo ich dies tun könnte. Das aber war nicht die Information, die mich regelrecht elektrisierte, sondern mein innerer Tempelgong ertönte, als Dr. Gabriele Henkel, eine der Kuratorinnen, sagte, man habe bei der Konzeption der Dauerausstellung das Überwältigungsverbot beachtet.

Ein Überwältigungsverbot? So was gibt es? Und ich, die sich ständig darüber beklagt, von allem Möglichen überwältigt zu werden, wusste nichts von einem Verbot! Ich kann ja kaum noch ins Kino gehen, weil diese wahnsinnig breite Leinwand und dieser aus allen Richtungen auf mich einstürzende Sound mich überwältigen. Ich schaffe es manchmal mit letzter Kraft (Schweißperlen auf der Stirn), das Radio auszuschalten, weil die Nachrichten aus aller Welt mich überwältigen. Shopping-Meilen lege ich nur noch gesenkten Hauptes zurück. Kein Schwein hält sich an dieses Überwältigungsverbot. Selten bin ich so hurtig zu meinem Computer gesprungen, um dieses sagenhafte Verbot zu ergooglen, denn nur was uns das Internet bestätigt, existiert heutzutage wirklich.

Mit einem Seufzer der Erleichterung nahm ich zur Kenntniss, dass ich gerade mal „“überwältigungsv…““ eingetippt hatte, als mir Google auch schon das Überwältigungsverbot vorschlug. Larry Page und Sergey Brin sein Dank! – Dann allerdings folgte eine Ernüchterung. Das Überwältigungsverbot (auch Indoktrinationsverbot) ist eines von drei Prinzipien, nach denen der Politikunterricht an Schulen zu erfolgen hat – festgelegt im Beutelsbacher Konsens.

Im Wortlaut:

Es ist nicht erlaubt, den Schüler – mit welchen Mitteln auch immer – im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der „Gewinnung eines selbständigen Urteils“ zu hindern. Hier genau verläuft nämlich die Grenze zwischen Politischer Bildung und Indoktrination. Indoktrination aber ist unvereinbar mit der Rolle des Lehrers in einer demokratischen Gesellschaft und der – rundum akzeptierten – Zielvorstellung von der Mündigkeit des Schülers.

Schön für die Schüler, dass sie wenigstens im Politikunterricht nicht überwältigt werden dürfen. Lobenswert auch, dass die Wolfsburger Kuratorinnen sich in diesem Sinne als Lehrende in der Verantwortung und an Gesetze gebunden sehen.

Aber wer schützt uns alle nun vor den restlichen Überwältigungen?

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