Der Roman von Ralf Rothmann, den Max in der von Mohammed angeschleppten Bücherkiste findet, trägt den Titel „Wäldernacht“. Auf so einen Titel muss man erst einmal kommen. Und wenn man es dann auch noch schafft zu diesem Begriff mehrmals zurückzukehren, ihn wie ein Leitmotiv in Moll zu variieren und immer wieder sinnstiftend einzubinden, dann spricht dies für erzählerisches Können.

Rothmann hat den lyrischen Begriff der Wäldernacht Hölderlins Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ entlehnt, und er tat dies nicht aus einer bloßen Wortverliebtheit heraus. Auch Jan Marrée erinnert sich an seine Jugend. Der inzwischen vierzigjährige Maler, ausgezeichnet mit dem Kunstpreis „Kulturgabe Irrlich“, hält sich für ein Jahr als Stipendiat in seinem gleichnamigen Heimatort auf, einer winzigen Gemeinde, die heute ein Außenbezirk von Oberhausen ist. Im obersten Stockwerk einer alten Villa, in der auch die Meldestelle, das Standesamt und die Volkshochschule untergebracht sind, hat man ihm ein Atelier zur Verfügung gestellt. Nun hofft der Kulturverein, demnächst die Bilder ausstellen zu können, welche der Sohn der Stadt hier zustande gebracht hat. Das Problem: Jan Marrée hat schon seit Jahren nichts mehr gemalt. Als er diese Schaffenskrise seinem Freund Hiller endlich gesteht, tut er es mit den Worten: Um Kunst zu machen, mußt du vor allem zwei Eigenschaften haben, Glauben und Leidenschaft. Ich aber glaube an nichts, weder an mich noch an die lächerliche Kunst. Aber das ist später, viel später, nach einer ganzen Reihe von Wechseln zwischen den beiden Erzählebenen, von denen eine sich auf die Geschehnisse während der gerade stattfindenden Fronleichnamskirmes beschränkt, während die andere die Erinnerungen an Kindheit und Jugend umfasst.

Von der Terrasse seines Ateliers hält Jan Marrée Ausschau nach dem Fronleichnamszug, dessen Gesänge man bereits hören kann. Er erinnert sich an die Zeit, als er selbst Ministrant war und das klobige, über und über mit Halbedelsteinen besetzte Kruzifix schleppen musste, das stets aus dem Gleichgewicht zu geraten drohte, während er viel lieber den Kessel mit Weihrauch geschwenkt hätte. Und mit seinen Erinnerungen taucht im Roman auch das Wort Wäldernacht zum ersten Mal auf.

Ein Hauch von Weihrauch wehte über die Ziegeldächer, viele Fenster waren zum Durchlüften der Kissen geöffnet, und aus meiner Mansarde konnte ich hier und da einen „Röhrenden Hirschen“ in den Schlafzimmern erkennen. Die Augen waren immer noch das Beste an mir.
Auch über dem Ehebett meiner Eltern hatte viele Jahre so ein achteckiger, graugrüner Schinken gehangen und sich verschwommen im Schleiflack des Schranks gespiegelt. Mit Kohle und Wasserfarben in der Kindheit oft kopiert, hatte ich ihn als Jugendlicher zum Inbild der Barbarei erklärt, die zwei vergeblich zu Drucken von van Gogh bekehren wollen und ihn schließlich, wie einen unaustilgbaren Schimmelfleck an der Tapete, gar nicht mehr wahrgenommen. Bis zu ihrer Silberhochzeit.
[…] Während ich trank, fiel er mir wieder ins Auge, dieser Hirsch. Er schwankte etwas im hohen Gras, und seine Kühe, den Schlafzimmerregeln der Natur gemäß etwas im Hintergrund mit ihren Kindern, ließen sich nur widerstrebend zählen; erst als ich ein Lid zukniff, ging´s.
Über allem, im All, blinkte der Morgenstern, das Käuzchen schrie, und die nebelumwaberte Tannenwand deutete auf unseren wilden, dunklen Ursprung hin, auf die Wäldernacht, aus der wir alle kamen.

An anderer Stelle wird deutlich, dass der Titel auf die versunkenen Wälder der Urzeit verweist. Jan Marrés Vater, der bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung als Hauer unter Tage gearbeitet hatte, brachte seinem Sohn einst die Versteinerung eines Farns mit, mit welcher der Junge dorthin gelaufen war, wo Farne wuchsen.

… und sah, daß auch jeder Strauch, angefangen von den weit sich spreizenden Bodentrieben bis hin zur oftmals noch eingerollten, zartgrün-flaumigen Spitze, dieselbe Form hatte, die schon im kleinsten seiner Blätter, ja in Teilen der Winzigblätter seit Millionen Jahren genau so enthalten war.

Im Fronleichnamsgottesdienst trifft Jan Marrée auf Sarah und ihren siebzehnjährigen behinderten Sohn. Sarah engagiert sich in allen möglichen Ehrenämtern und in der Nachbarschaftshilfe. Sie hat Hiller geheiratet, den Jan seit dem ersten Schultag kennt und seiner Treuherzigkeit wegen, nicht umhin kann als Freund zu betrachten, den er aber nie wirklich hat leiden können, weil ihm der Gutmensch, der stets auch die linke Wange hinhielt, gehörig auf die Nerven geht. Niemand denkt mehr daran – oder zumindest wird nicht mehr davon gesprochen, dass Sarah nach jenem Sommer mit Racko und seinen Freunden, als sie Tiger-Lilly genannt wurde und Jan ihr den Flügel einer Fledermaus auf die Schulter tätowierte, jahrelang im Ruf eines Flittchens gestanden hatte. Sarah erinnert Jan daran, dass sie und ihr Mann ihn zum Abendessen erwarten. Es ist ihr Geburtstag und Hiller, der in seiner Freizeit selbst malt, will Jan einige neue Arbeiten zeigen. Doch zunächst steht das Mittagsessen bei Jans Eltern auf dem Programm und danach eine Einladung zum Tee bei Rutenkolk, einem der Honoratioren des Ortes, der mit Jan über die Ausstellung sprechen will. Es hat den Anschein, als würde es ein typischer Feiertag werden, mit all den lästigen Verpflichtungen, die solche Tage mit sich bringen können, denn auch der Gedanke an den Abend mit Sarah und Hiller, die ihre Ehe „Partnerschaft“ nennen und zumindest befremdet wären, wüssten sie, dass sich Jan „schon beim Wortklang – die Herzhaare sträuben“, ist für ihn „wie ein Kater vor dem Rausch“.

Nicht zuletzt sind es die von Ralf Rothmann verwendeten Metaphern, die mir beim Lesen Vergnügen bereiteten, wenn er zum Beispiel Gladiolen als „Trompetenstöße der Natur“ bezeichnet oder davon spricht, dass die „Sehnsucht Fett ansetzt“. Aber Rothmann erweist sich auch als Autor, der sich darauf versteht, die Komik einer Situation herauszuarbeiten, und am Ende lässt er die Handlung seines Romans zu einem Krimi gedeihen, denn bei Hiller und Sarah taucht Racko auf – die personifizierte Unberechenbarkeit, die immer wieder in das Leben der Anderen einbricht, eine ständige Bedrohung doch letztendlich der Verletzbarste von allen. Er verdient sein Geld im Zuhälter- und Drogenmilieu und befindet sich auch jetzt in höchst zweifelhafter Begleitung. Zu früh meint man, die Gefahr habe sich verzogen, als Racko und sein Gefolge verschwinden. Jan und Hiller fahren zum Haus von Jans Eltern, um im Keller nach Jans alten Bildern zu suchen, die sich womöglich als neue Werke ausgeben lassen. Dabei entdeckt Hiller, dass Jan ein Bild, das Hiller ihm einst geschenkt hatte, übermalt hat. Hiller erkennt es an dem Titel, der auf der Rückseite des Malgrundes noch zu lesen ist: „Wäldernacht“. Tief gekränkt läuft er weg. Doch damit nicht genug des Dramas. Ralf Rothmann verleiht der Geschichte ein furioses Finale, nicht ohne dann doch wieder zu leisen Tönen zu finden.

Rothmann hat keinen autobiographischen Roman geschrieben, doch ebenso wenig hat er je geleugnet, dass der Handlung so manches Autobiographische zugrunde liegt. Das zeigt sich unter anderem in den häufig erwähnten Musiktiteln der Sechziger. Seine literarische Laufbahn begann mit dem Schreiben von Songtexten. Er sagte darüber: „Die Rock- und Pop-Musik war damals für mich schon so etwas wie eine ästhetische Schule.“ Was mir an der Erzählweise aber am meisten gefallen hat, ist, dass sie vollkommen kitschfrei warmherzig, ja, liebevoll ist.

Cover_Waeldernacht

Ralf Rothmann
Wäldernacht
Suhrkamp Verlag, 1996
ISBN 978-3518390825

Diesem Eintrag liegt auch der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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