Witold Gombrowicz hat mich hinlänglich beeindruckt. Und so schnell kommt auch Max nicht von ihm los, nachdem er das Thema einmal aufgegriffen hat. Besonders der Aufenthalt des Polen im West-Berlin des Jahres 1963/64 interessiert ihn. Gombrowicz im Literarischen Colloquium, in der Akademie der Künste, im Café Zuntz. Bernd Wagner geht so weit, zu schreiben:  „Ohne diesen Besucher, habe ich das Gefühl, wäre die Stadt in jenen Jahren unbeschrieben geblieben. Berlin erscheint im Tagebuch als der von der Geschichte am ärgsten befleckte Punkt, ihr schmerzlichster Ort.“ – Die „Berliner Notizen“ habe ich mir vorgenommen, noch zu lesen – aber nicht mehr im Rahmen des Club-Oblomow-Projektes. Berlin als literarischer Ort und Ort der Literatur hat mehr zu bieten. Noch aber halte ich aus in der abgestandenen Kneipenluft.

Nachdem Max sich ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank geholt hat, kommt er auf Edgar Hilsenrath zu sprechen, der etwa zehn Jahre nach Gombrowicz nach Berlin kam. Doch während der Letztere nur für ein Jahr blieb und dann nach Frankreich ging, lebt der stets deutsch schreibende Hilsenrath, dessen Grund für die Rückkehr die Sprache war, bis heute hier. Das will ich jedenfalls hoffen, denn inzwischen ist er achtundachtzig.

Hilsenrath, Hilsenrath …  Den hatte sie doch schon beim Wickel, mag der eine oder andere Leser denken und irrt hierin keineswegs. Aber da ging es um seinen Roman „Der Nazi & der Friseur“, und diesmal …

Diesmal sollte es um „Bronskys Geständnis“ (1980) gehen – später, in der Ausgabe des Gesamtwerkes mit dem Titel „Fuck America!“ versehen. Diese Umbenennung lässt ahnen, dass Hilsenrath sich sprachlich (im Vergleich zu „Der Nazi & der Friseur“ keineswegs zurückgenommen hat. Warum sollte er auch? Er hat viel durchgemacht. Verprügelt von den Nazis, geflohen nach Rumänien, deportiert in ein Ghetto in der Ukraine, entkommen nach Palästina, wo er ihm wirtschaftlich so schlecht ging, dass er auf Parkbänken und im Obdachlosenasyl nächtigte, dann ausgewandert nach New York. Und auch hier brachte er sich mit Gelegenheitsjobs durch, lebte am Rand der Gesellschaft, während er weiter schrieb, und bis er von der amerikanischen Literaturkritik entdeckt und mit Kafka, Celine, Gorki und Steinbeck verglichen wurde. Zu spät. „Ich kenne kein Land, in dem der Mensch so verachtet wird wie in Amerika“, so Hilsenraths Worte. „Dieses erfolgsbesessene Land wurde für mich zum kafkaesken Alptraum.“ Nochmal: Hilsenrath hatte in meinen Augen alles Recht der Welt, eine verlogene Gesellschaft anzuklagen und ein bitterböses Resümee aus seinen Erfahrungen zu ziehen. Dennoch halte ich es mit Thomas Rietzschel, der anlässlich der Herausgabe der „Gesammelten Werke“ Hilsenraths (2003) die Ansicht vertrat, diese seien – zumindest was diesen Roman angeht – dem literarischen Ruf des Autors eher abträglich. Die derb-vulgäre Sprache verleidete dem Rezensenten die neuerliche Lektüre von „Bronskys Geständnis“. Was 1980 noch als aufrüttelnde Provokation gelten konnte, schien ein Vierteljahrhundert später nur noch „mangelnde Souveränität des Erzählers“ zu bezeugen.

Noch 1999 schrieb dagegen Bernd Wagner:

Dieses Buch [Bronskys Geständnis] schielte eines Tages aus der offenen Reisetasche, die ein Freund in meinem Korridor abgestellt hatte. Besuch ist etwas Schönes, doch wenn man gerade um Worte ringt, kann eine im Korridor rumlungernde Reisetasche zu einer Belastung werden. Noch dazu, wenn aus ihr ein senfgelbes Taschenbuch guckt, auf dem die Freiheitsstatue einen Judenstern hält. Er spielte also in Amerika, der Roman, und nachdem ich die erste Seite gelesen hatte, konnte ich nicht aufhören, bis ich das schmale Buch durch hatte.

Cover_Hilsenrath_Bronskys_Gestaendnis

Nun, nachdem ich die erste Seite lesen hatte, … Nein, ganz so schnell fallen meine Entscheidungen nicht. Also, nachdem ich die ersten zehn Seiten gelesen hatte, blätterte ich zehn Seiten weiter und las:

In Donald´s Pinte am Times Square ist Hochbetrieb. Besonders auf der Herrentoilette.
Neben mir steht ein riesiger Neger – rotes Halstuch, weißer Schlapphut – und uriniert im hohen Bogen gegen die Kachelwand über dem Pißbecken.
„Sag mal, Junge, warum guckst du eigentlich auf meinen schwarzen Schwanz?“
„Doch, du guckst hin.“
„Ich gucke nicht hin!“
„Doch, du guckst hin.“

„Willst du mal lutschen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Darum.“

Ich blätterte zur Seite 33.

„Ein Martini wird bei uns mit `ner Olive serviert“, sagt der Boß, „und nicht mit `ner Kirsche. Nur gesüßte Getränke werden mit Kirschen serviert.“
„Jawohl, Sir.“
„Warum haben Sie den Martini mit `ner Kirsche serviert?“
„Weil ich kurzsichtig bin. Sir.“
„Okay, Bronsky.“
Seine Frau lächelt wieder süßlich. „Man kratzt sich auch nicht am Hintern in Gegenwart der Gäste.“
„Es hat aber gejuckt, Ma`am.“
„Dann gehen Sie nächstens auf die Toilette.“
„Jawohl, Ma`am.“

Oh nein, nicht schon wieder auf die Toilette! – Hierüber kann man streiten. Es erhebt sich in diesem Zusammenhang aber eine andere, viel grundsätzlichere Frage, nämlich ob es einen Kanon der Gegenwartsliteratur (einigen wir uns für diesmal darauf, dass damit Literatur nach 1945 gemeint ist) überhaupt geben kann. Und meine persönliche Antwort ist: Nein.

Mit dieser Frage hat sich übrigens auch Dietrich Schwanitz, der Autor des so umstrittenen wie populären Buches „Bildung. Alles was man wissen muss“ (1999) befasste. Auf der Suche nach unterschiedlichen Rezensionen hierzu stieß ich auf das Blog „Biblioversum“, dessen Autor im Januar 2011 – also mit einigem Abstand zu den Turbulenzen in den Feuilletons – schrieb: „… ich bin stolz darauf, dass ich mit Wolfgang Hohlbein, J.R.R. Tolkien und Douglas Adams aufwuchs und mich nicht durch den humanistischen Bildungsbürgertums-Katalog lesen musste, damit mein direktes Umfeld mich als Mensch (und nicht als Neandertaler) akzeptierte.“ Amen.

Diesem Eintrag liegt auch der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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