Schlüssellektüre für Gombrowicz-Einsteiger: Wer einen schnellen Einstieg in das Leben und Denken des polnischen Exilanten sucht, für den sind Gombrowiczs Aufzeichnungen als Ford-Stipendiat im geteilten Berlin eine wahre Fundgrube. Die edition.fotoTAPETA macht die „Berliner Notizen“ 50 Jahre nach Witold Gombrowicz Aufenthalt in der heutigen Hauptstadt neu zugänglich.

So stand es am 8. Dezember des vergangenen Jahres im Börsenblatt. Ach, hätte ich es doch gelesen und geglaubt! Stattdessen aber hatte ich Ferdydurke, den wichtigsten Roman eines der wichtigsten polnischen Autoren des 20. Jahrhunderts bereits gekauft und war entschlossen, ihn zu lesen, wenn er an die Reihe käme, in meiner inzwischen gar nicht mehr spielerischen, sondern mir beschwerlich erscheinenden Beschäftigung mit Bernd Wagners persönlicher Literaturgeschichte in „„Club Oblomow““. Der Leser sei gewarnt vor Romanen über Romane. Einziger Trost: Wagner verrät durch seinen Protagonisten Max weniger, als es Rezensenten üblicherweise tun, die einem die schönsten Überraschungen verderben können, vom Erfolgserlebnis, etwas selbst bemerkt zu haben, ganz zu schweigen. Wer also hier meine Einträge über Bücher liest, tut dies auf eigenes Risiko. Der Lektüresuchende sollte sich auf Klappentexte beschränken, die immer positiv gehalten sind und so das eigene Misstrauen wachhalten und nie entscheidende Aussagen treffen.

Auf „grün“ zum Beispiel hatte Wagner mich nicht vorbereitet, sondern es mir überlassen, mich über den Satz zu wundern: „Auf der Hälfte meines Lebensweges fand ich mich inmitten eines finsteren Waldes. Und dieser Wald war –- was noch schlimmer ist -– grün.““ Was hier den Traum zum Alptraum macht, obwohl grün doch die Farbe ist, die jeder am ehesten mit Wald assoziiert und als ganz normal, wenn nicht gar als den Augen und dem Gemüt wohltuend empfindet, erklärt sich nach und nach auf den folgenden Seiten des Romans Ferdydurke.

In Wirklichkeit ist es eine Sache von allergrößtem Gewicht und für die weitere Entwicklung entscheidend, gegenüber wem der Mensch Stellung nimmt und sich organisiert –- ob er zum Beispiel handelnd, redend, schwätzend, schreibend einzig erwachsene, fertige Menschen und eine Welt klarer, kristallisierter Begriffe im Sinne hat und in Betracht zieht, oder ob ihn unaufhörlich die Vision des Pöbels verfolgt, der Unreife, der Schüler, der Oberschülerinnen, der Stadt- und Landbürger, der Kulturtanten, der Publizisten und Feuilletonisten, die Vision der verdächtigen, trüben Halbwelt, die dort irgendwo auf dich lauert und dich allmählich mit Grün umwuchert wie die Schlingpflanzen, die Lianen und andere Gewächse in Afrika. Nicht einen Augenblick konnte ich die kleine Nichtganzwelt der nichtganzmenschlichen Menschen vergessen – und mit panischer Angst, mich entsetzlich ekelnd, schon bei der bloßen Vorstellung eines sumpfigen Grüns zurückschaudernd, konnte ich mich dennoch nicht davon losreißen und war wie ein Vöglein von der Schlange fasziniert. Als ob mich irgendein Dämon zur Unreife verführte!

Wir ahnen spätestens jetzt, was mit Wald und was mit grün gemeint ist.

Die Handlung setzt ein in einem Landhaus in der Nähe von Warschau zu Beginn der 30er Jahre. Dienstags [Ich habe leider nur eine Neuübersetzung, in der es unzutreffend heißt „“Am Dienstag……““, aber das System zuverlässige Zeitangaben versagt hier kläglich.] erwacht der dreißigjährige Jozio als jugendlicher Schüler. Zunächst hält er das für eine Einbildung, ein dummes Gefühl, doch dann trifft er auf der Straße den Schulinspektor Pimko, der ihn an die Hand nimmt und, keinen Widerstand duldend, in eine Schule bringt. Man erwarte nun nichts, was im Entferntesten an die „Feuerzangenbowle“ erinnert. In dieser grotesken Schule ist es das oberste Ziel der Lehrer, den Schülern ihre Unreife klarzumachen und sie darin zu erhalten: Knaben statt Jungen, Mägdelein statt Mädchen. Während die Jugendlichen provozierend vom A…. reden, werden sie von den Lehrern „„popoisiert““.

Diese Lektüre kann völlig unverdaulich werden für Menschen, die sich und ihren Überlegungen und ihrem Besitzstand ein gewisses Gewicht beimessen, für einen „„gläubigen““ Maler, einen „„gläubigen““ Wissenschaftler oder einen „“gläubigen““ Ideologen. Die westlichen Leser von Ferdydurke lassen sich einteilen in: a) leichtfertige, die sich sorglos mit ihm amüsieren, b) ernsthafte, c) ernsthafte-beleidigte.

… heißt es in Eine Art Testament. Gespräche und Aufsätze (1969).

Dies lesend fragte ich mich natürlich, zu welcher Gruppe ich gehöre. Ich habe mich beim Lesen amüsiert, wenn auch nicht „sorglos“. Keinesfalls war ich beleidigt. Was also sträubt sich in mir, mich den „Ernsthaften“ zuzurechnen? Es ging ja doch um ernsthafte Themen, um Unschuld und das Nicht-unschuldig-sein-Wollen. Und schon beschleicht mich der Verdacht, einst „popoisiert“ worden und noch immer „popoisiert“ zu sein.

Ferdydurke (1937) war Gombrowiczs Abrechnung mit der Ignoranz der Kritiker (der „Kulturtanten“, wie Gombrowicz sie nennt), nachdem sein 1933 veröffentlichter Erzählband Memoiren aus der Epoche des Reifens von der polnischen Kritik völlig missverstanden worden war. Bald darauf, zwei Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, emigrierte Gombrowicz nach Argentinien. Nach Polen kehrte er nie mehr zurück, schrieb aber weiter in seiner Muttersprache. 1947 übersetzte er Ferdydurke ins Spanische –- ohne polnisch-spanisches Wörterbuch, dafür mit Hilfe seiner Schachpartner im Café Rex in Buenos Aires und der kubanischen Schriftsteller Virgilio Piñera und Humberto Rodriguez Tomeu. Es muss herrlich gewesen sein. Und überhaupt hatte ich an der Beschäftigung mit Witold Gombrowiczs Biographie noch mehr Freude als am Lesen des Romans. Wenn ich hier nicht ausführlicher darauf eingehe, dann weil es eine wirklich gute, sehr ausführliche, sehr übersichtliche Webseite gibt: http://www.gombrowicz.net/

Diesem Eintrag liegt auch der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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