Man kann Tilman Westphalen wohl als Erich-Maria-Remarque-Spezialisten bezeichnen. Er ist Gründer des Osnabrücker Erich Maria Remarque-Friedenszentrums, wo ab dem 27. April 2014 eine Ausstellung den Entstehungsprozess der Graphic Novel „Im Westen nichts Neues“ zeigen wird. Er ist auch Gründer der Erich Maria Remarque Gesellschaft, welche sich seit Mai 2011 zur Aufgabe macht, die Remarque-Villa „Casa Monte Tabor“ vor dem Abriss zu bewahren. Zusammen mit Thomas F. Schneider gab er 1998 „Das unbekannte Werk. Frühe Prosa, Werke aus dem Nachlaß, Briefe und Tagebücher“ des Schriftstellers heraus. Und er schrieb auch das Nachwort in der von mir erworbenen Ausgabe des Romans „Im Westen nichts Neues“. – Ist es ein Zufall, dass Westphalen dieses Nachwort mit der Überschrift „Ein Simplicissimus des 20. Jahrhunderts“ versah, und dass Bernd Wagner in dem Teil seines Romans „Club Oblomow“, der eine Kurzfassung der deutschen Literaturgeschichte vorstellen soll, – nach einem schnellen Rückgriff auf Wolfram von Eschenbach und einem Schlenker zu Rudolf Virchows Pathologischer Sammlung – von Grimmelshausen so ziemlich gleich auf Erich Maria Remarque kommt? Nein, es ist natürlich kein Zufall, denn dem literaturwissenschaftlich Vorbelasteten ist durchaus bewusst, dass beide Werke Meilensteine an derselben Chaussee der Literaturgeschichte sind. Da ich in solchen Kategorien nur denke, wenn ich mir Mühe gebe, fiel mir ganz einfach auf, dass beide vom Krieg handeln, und dass beide den Krieg nicht glorifizieren, wie es die ihnen jeweils vorausgegangene Literatur tat, sondern ihn in seiner Monstrosität und erbärmlichen Menschenunwürdigkeit zeigen als etwas, gegen dessen bloße Existenz der gesunde Verstand rebelliert.

„Im Westen nichts Neues“ hatte Remarque 1928 als Fortsetzungsroman für die Vossische Zeitung geschrieben und darin eigene Erfahrungen, mehr aber noch Erzählungen verwundeter Soldaten, die er im Lazarett kennengelernt hatte, verarbeitet. 1929 erschien der Roman als Buch, wurde in über 50 Sprachen übersetzt, und die weltweite Verkaufsauflage beläuft sich bis heute auf geschätzte 20 Millionen Exemplare. Bereits ein Jahr nach Erscheinen der Erstausgabe, wurde das Buch in Hollywood verfilmt – ebenfalls mit weltweitem Erfolg. Ich vermute also, die geneigte Leserschaft kennt entweder den Roman oder den Film oder beides, so dass ich mich bei der Inhaltsangabe auf eine kurze Zusammenfassung beschränken kann.

Angestiftet vom Hurra-Patriotismus der Lehrer kommen der 19-jährige Paul Bäumer und eine Handvoll seiner Klassenkameraden als Freiwillige an die Front. Der Roman beschreibt die Erlebnisse der jungen Männer im Ersten Weltkrieg, ihren Überlebenskampf, ihre scheinbare Verrohung, ihre Verzweiflung, und welches Ende es mit jedem Einzelnen nimmt, bis kurz vor Kriegsende nur noch das Buch bleibt, um davon zu berichten.

Im entsprechenden Wikipedia-Eintrag störte mich ein Satz, brachte dabei aber mein Nachdenken vielleicht ein kleines Stück voran. Der Satz lautet: „Das Werk wird als Antikriegsroman aufgefasst, obwohl Remarque selbst es als unpolitisch bezeichnet hat.“ – Warum „obwohl“? Das ist kein Widerspruch. Das Buch ist ein Antikriegsroman, und es ist unpolitisch, denn wo es zum Krieg kommt, hat die Politik auf ganzer Linie versagt. Krieg ist kein politisches Instrument wie z.B. Wahlen. Krieg ist die Kapitulation der Staatskunst vor der Herrschaft der Gewalt. Sich dies vollkommen klar zu mache ist heute wieder so wichtig wie vor 100 Jahren. Und so ist es auch keine Zeitverschwendung, den Roman zu lesen, selbst wenn man ihn schon mehr als einmal gelesen hat.

„Die Osnabrücker Jungen aus Im Westen nichts Neues scheinen direkt der Romantik entsprungen zu sein, so bereitwillig folgen sie den Aufrufen ihrer Lehrer, die Heimat zu verteidigen“, schreibt Bernd Wagner und beschreibt damit auch, was ich oben mit einem „Meilenstein der Literaturgeschichte“ meinte. Das sind Jungen wie Hermann Hesses Sinclair und Demian.

Dass Rezensenten (womöglich bis hin zum eingangs erwähnten Tilman Westphalen) der Meinung waren (und womöglich noch sind), Remarque hätte nach diesem Erfolg „am besten nichts Neues“ mehr schreiben sollen, und dass die Ursache für diese Einschätzung auch darin zu suchen ist, dass Rezensenten es nie mögen, wenn ein Erfolg so groß ist, dass es sinnlos wäre, dagegen an zu schreiben, ist wohl wahr. Rezensieren muss er, der Rezensent, und auch wenn er mit seiner Meinung nicht gerne allein dasteht, will er doch noch überzeugen dürfen. Das versteht man. Und so ist es denn auch der Neid, den Max/Bernd Wagner anprangert als hauptsächlichen Grund für die Anfeindungen und Geringschätzung, die Remarque zuteil wurden. In Deutschland schickten sie wieder Abiturienten an die Front, während Remarque im amerikanischen Exil an weiteren Erfolgen arbeitete. Und auch nach Kriegsende kam kein Versöhnungsangebot aus Deutschland. Man grollte ihm wohl, wie man Marlene Dietrich grollte, mit der der Schriftsteller dazu noch zwischenzeitig eine Affäre hatte, bevor er Paulette Goddard, die frühere Ehefrau Charlie Chaplins heiratete. Wenn man als deutscher Junge und Feingeist den Krieg überlebte, hatte man wenigstens schwermütig zu werden und daran zugrunde zu gehen. Aber auch das hatten die patriotischen Lehrer ihren Schülern natürlich nicht gesagt.

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Erich Maria Remarque
Im Westen nichts Neues
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1998
ISBN 3-462-02731-X

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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