– Gäbe es nicht die Übersetzungen, schrieb ich, und gäbe es nicht die wie Wunder hin und wieder auftauchenden Gegenbeweise, könnte man glauben, die deutsche Sprache wäre unfähig zu einer satten erzählenden Prosa. Sie wäre mit ihrer umständlichen Syntax, den kurios zusammengesetzten Substantiven und nachgestellten Verben nur für Behördenerlässe und theoretische Erörterungen geeignet. Wissen Sie, wie sich Mark Twain kugelte, als er zum ersten Mal eine deutsche Zeitung las?

Max – noch immer beim Chat. Nein, das wusste ich nicht, aber ich wurde ja auch nicht gefragt. Ganz ungefragt fand ich als Bestätigung für Twains Belustigung dieses Zitat aus „Unterwegs und daheim“, einer Sammlung humoristischer Schriften und Reiseberichte des Schriftstellers, der eigentlich Samuel Langhorne Clemens hieß und fast jedem durch die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn bekannt ist:

Von der Schwierigkeit dieser Sprache kann die nächste beste Zeitung überzeugen. Ein Normalsatz in einer deutschen Zeitung ist eine überraschende Merkwürdigkeit; er nimmt eine Viertelseite ein und enthält sämtliche Redeteile dieser Sprache, nicht in einer geregelten Ordnung, sondern durcheinander. Er besteht hauptsächlich aus zusammengesetzten Wörtern, von dem Verfasser eigens für seinen Zweck gebaut und nirgends im Wörterbuch zu finden; oft sechs bis sieben Worte an einem Stücke ohne Nähte und Einschnitte; der Satz handelt von 14 bis 15 verschiedenen Gegenständen, von denen jeder einen Zwischensatz bildet, bisweilen schließt ein Hauptzwischensatz mehrere kleinere ein und damit sie nicht auseinander fallen, werden sie zum Teil mit Klammern zusammengehalten; – nach alledem kommt endlich das Zeitwort, woraus man erst klug wird, was der Verfasser eigentlich sagen wollte; nach dem Zeitwort schließt der Verfasser – wie mir scheint, lediglich aus dekorativer Spielerei – mit den Wörtern ‚‚haben zu sein’‘, ‚’gewesen sein dürften‘‘, oder ähnlich.

Max (Bernd Wagner) hatte sich rückwärts durch die Literaturgeschichte gearbeitet bis hin zu Wolfram von Eschenbach und seinen Parzival. Und ich – hinlänglich eingeschüchtert und im Nachhinein nochmals beschämt, weil ich das Abitur geschmissen und nicht Germanistik studiert hatte, besorgte mir die entsprechende Klassiker-Lektüre von Michael Dallapiazza. Noch immer ungelesen steht sie in meinem Bücherregal. Mein abrupter Ausstieg aus der Schule war vielleicht doch nicht nur das Resultat einer Verkettung zufälliger Umstände, sondern unvermeidlich. Ich musste mir den Zutritt zum gemeinsamen „Freundeskreis“ aller gebildeten Menschen nach und nach und auf meine Weise verdienen und bin damit noch nicht fertig. Es hat auch etwas für sich, im vorgerückten Lebensalter noch neuen Freundschaften entgegenzusehen. Auch Parzival kommt noch an die Reihe. Jetzt erst mal habe ich mich davor gedrückt, was nicht allzu schwer war, da Max in seinem Chat gestört wird, bevor er ausführlich von der Suche nach dem Heiligen Gral und den Rittern der Tafelrunde erzählen kann. Den letzten nachdenklichen Satz vor dieser Unterbrechung möchte ich aber noch zitieren:

Dann fiel mir ein: Wie Wolfram uns die Lösung des Lebensrätsels nicht verweigert, so führt uns auch Grimmelshausen an ein Ziel. Es ist die Entsagung. Erfüllt das Schreiben seinen Sinn, wenn es einen Sinn im Leben gefunden hat, zu spät für jede Erfüllung? Kommt es zur blühendsten Entfaltung des Lebens als wundervolles Abenteuer erst, wenn dahinter die bitterste Askese, das Schweigen lauert?

Ich gebe zu, auf dieser Frage herumgekaut zu haben, unsicher, ob ich eine Antwort oder doch lieber die Frage selbst wieder ausspucken wollte. Und dann muss ich sie wohl geschluckt haben. Jedenfalls war ich für den unmittelbar folgenden Themenwechsel dankbar.

Die Störung wird verursacht durch eine Frau in weißen Lederstiefeln mit Fransen, die sich am Tresen zu Hermann und den Coronas gesellt hat. Recht lautstark erzählt sie, wie sie sich einst das Rauchen abgewöhnte. Ich habe allerdings meine Zweifel, dass die Methode dazu taugt, als todsicherer Geheimtipp weitergegeben zu werden, denn dazu müsste man erstens mit einem Hauselektriker der Charité bekannt sein, der – zweitens – kräftig genug ist, das „Aquarium“ mit dem Raucherbein, das sich – drittens – im Keller und nicht in der Dauerausstellung des Museums der Charité befinden müsste, aus dem eingangs erwähnten Keller in sein Auto zu schleppen, und dann müsste – viertens – dieser Coup auch noch unentdeckt gelingen.

Ich erinnere mich nicht, ob ich das Raucherbein damals gesehen habe und ob es überhaupt zu den Exponaten gehörte, die um die Jahreswende 2000/2001 in der Ausstellung „Theater der Natur und Kunst“ im Martin-Gropius-Bau gezeigt wurden. Mein Besuch im Museum der Charité steht noch aus, und wenn ich hingehe, dann nicht wegen des Raucherbeins. Das Rauchen habe ich mir schon auf andere Art abgewöhnt. Da genügte die Vorstellung, mich aufs Hochnotpeinlichste erniedrigen zu müssen, um im Krankenhaus oder in der Reha-Klinik zu rauchen. Im Restaurant vor die Tür zu gehen und da mit anderen Rauchern einen netten Plausch zu halten, ist eine Sache, in einer Klinik mit einer Handvoll anderer Geächteter morgens vor dem Frühstück darauf zu lauern, dass die Eingangstür aufgeschlossen wird und man, vor Kälte bibbernd, zum Raucher-Pavillon entwischen kann, eine andere.

Um das Thema aber nun doch irgendwie rund zu bekommen: Auch Raucherbein ist ein für die deutsche Sprache typisches zusammengesetztes Substantiv, und natürlich taucht es in einem Behördenerlass auf, soll es doch in hinlänglich abschreckender Größe auf Zigarettenschachteln prangen.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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