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„Die Komik entfaltet erst ihre ganze Würze, wenn ihr genügend Schmerz beigemengt ist“, schreibt Bernd Wagner in seinem Roman „Club Oblomow“. „Hochgerüstet müssen sich die Parteien, der Einzelne und die ihm feindlich gesonnene Welt, gegenüberstehen. Das ist kein Kinderspiel, obwohl der exemplarisch Andere neben dem Fremdling und dem Irren besonders häufig ein Kind ist.“

Wir wissen es alle. Oder wir könnten es wissen, wenn wir uns nur genau genug erinnerten an die Jahre unseres Lebens, bevor wir in die Schule kamen, an das große Staunen, wie wir es zu keinem späteren Zeitpunkt erlebten, egal in welches ferne Land wir reisten oder welchen ungewöhnlichen Menschen wir begegneten. Das Kind – jedes Kind – ist der Fremdling schlechthin. Bevor es sich selbst (er-)findet, ist es darauf angewiesen nachzuahmen, um zurechtzukommen in dieser ihm völlig unbekannten Welt: unsere Sprache, unsere Essgewohnheiten, unsere Regeln im Umgang miteinander. Am schwersten ist vielleicht, unsere Spiele von unseren Nicht-Spielen zu unterscheiden.

Und dann führt Wagner bzw. führt sein Protagonist Max den „armen Simplicissimus Teutsch“ als Beispiel an, und getreu meinem Vorsatz habe ich mir Grimmelshausens (1626 – 1676) bedeutendsten Roman besorgt und gelesen. Da alles in eine Schublade passen muss, wird er den Schelmenromanen zugeordnet, tatsächlich aber wechselt eine recht derbe Komik, mit Beschreibungen grotesker Situationen und Passagen, die frommer Erbauungsliteratur gleichen. In jedem Fall aber bekommt man es mit einem Stück Prosa zu tun, das ein sehr detailliertes Bild des Dreißigjährigen Krieges liefert.

Die Geschichte beginnt damit, dass ein kleiner Knabe, der als vermeintliches Kind einfacher Bauern aufwächst und so ungebildet ist, dass er nicht einmal seinen eigenen Namen kennt, durch sein Sackpfeifenspiel beim Schafehüten die Aufmerksamkeit im Wald verirrter Soldaten auf sich lenkt. Arglos weist er ihnen den Weg zum Hof seiner Eltern, doch die Soldaten danken es ihm schlecht. Sie plündern die Scheune, schlachten das Vieh ab, foltern den Vater, … Der Junge versteht nicht, was da vor sich geht, denn der Vater lacht ja, als ihm die Ziege die mit Salz bestrichenen Fußsohlen leckt. Der geschändeten Magd gelingt es, das Kind zum Weglaufen zu bewegen. Mehrere Tage irrt der Junge durch den Wald, bis er zur Hütte eines Einsiedlers gelangt, der ihn aufnimmt und ihm wegen seiner Einfalt den Namen Simplicius gibt.

Nichts an dem Roman hat mich so sehr berührt wie eben dieser Anfang einer langen und verworrenen Geschichte, so lang und verworren wie der Krieg, in dem sie spielt. Ich glaube, was einen besonderen Effekt auf mich hatte, war der Umstand, dass der Roman, wenn auch nicht ganz in Grimmelshausens Originalversion, so doch immer noch in einer Sprache gehalten ist, in die ich mich erst einlesen musste. Das heißt, ich blieb immer wieder an Ausdrücken und Redewendungen hängen, musste mir deren Bedeutung klarmachen, fühlte mich ein bisschen wie ein Kind das gerade lesen gelernt hat, oder wie jemand, der im Begriff ist, eine Fremdsprache zu erlernen. Und umso besser konnte ich mich in dieses Kind hineindenken, das dem Einsiedler mit kindlichen Worten schilderte, was da passiert war, ohne es recht begriffen zu haben.

Als nach zwei Jahren des kargen Lebens und der geistigen Belehrung der Einsiedler stirbt, will Simplicius in das Dorf ziehen, dessen Pfarrer ihn und den alten Mann, den er inzwischen wie einen Vater geliebt hatte, mit Salz versorgt hat. Doch der Junge findet das Dorf nach der Schlacht bei Nördlingen geplündert und verwüstet. Vor den Gräueln der Welt flieht er abermals in den Wald. Als er aber zur Hütte zurückkehrt, muss er feststellen, dass inzwischen auch die bescheidenen Vorräte für den bevorstehenden Winter geraubt wurden. Damit ist ein Überleben in der Einsamkeit der Wildnis unmöglich geworden.

Über das verwüstete Gelnhausen kommt Simplicius nach Hanau. Hier wird er als Spion verdächtigt, soll eingekerkert werden und begegnet dabei dem befreundeten Pfarrer, der fliehen konnte, nun aber seinerseits in ähnlichen Schwierigkeiten steckt. Nachdem es ihnen gelungen ist, für einander ein gutes Zeugnis abzulegen, wird klar, dass der Einsiedler, bei dem Simplicius gelebt hat, der verwitwete Schwager des Gouverneurs der Festung war. Der Gouverneur nimmt den Jungen auf wie ein Schwesterkind und beschäftigt ihn fortan als Pagen. Doch Simplicius´ Ungewandtheit in der Welt sorgt für allerlei Peinlichkeiten. Als der Gouverneur dessen überdrüssig wird, lässt er ihn betrunken machen und ihm vorgaukeln, er sei zur Hölle gefahren und dort in ein Kalb verwandelt worden, um ihn fortan als Narren zu halten. Doch weder der Rausch, noch der Schrecken oder das Kalbsfell, in das man ihn gekleidet hat, können Simplicius´ klarem Verstand etwas anhaben. Mit der ihm nun zugestandenen Narrenfreiheit, sagt er seinem Herrn erst recht so manche Wahrheit.

„Du Bärnhäuter“, sagte mein Herr, „wer lehret´ dich so predigen?“ Ich antwortet: „Liebster Herr, sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern dergestalt verderbet seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen; hingegen sehen andere Leut deine Laster gar bald, und urteilen dich nicht allein in hohen und wichtigen Sachen, sondern finden auch genug in geringen Dingen, daran wenig gelegen, an dir zu tadlen: Hast du nicht Exempel genug an hohen Personen, so vor der Zeit gelebt? Die Athenienser murmelten wider ihren Simonidem, nur darum daß er zu laut redete; die Thebaner klagten über ihren Paniculum, dieweil er auswarf; die Lakedämonier schalten an ihrem Lycurgo, daß er allezeit mit niedergeneigtem Haupt daherging; die Römer vermeinten, es stünde dem Scipione gar übel an, daß er im Schlaf so laut schnarchte; es dünkte sie häßlich zu sein, daß sich Pompeius nur mit einem Finger kratzte; des Julii Caesaris spotteten sie, weil er seinen Gürtel nicht artig und lustig antrug; die Uticenser verleumdeten ihren guten Catonem, weil er, wie sie bedünkte, allzu geizig auf beiden Backen aß; und die Karthaginenser redeten dem Hannibali übel nach, weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Wie dünkt dich nun, mein lieber Herr? vermeinest du wohl noch, daß ich mit einem tauschen sollte, der vielleicht neben zwölf oder dreizehen Tischfreunden, Fuchsschwänzern und Schmarotzern mehr als hundert oder vermutlicher mehr als zehntausend so heimliche als öffentliche Feind, Verleumder und mißgünstige Neider hat?“

Es war nicht nur die „aufgedeckten Brust des Hanninal“, die mich Max (Bernd Wagner) darin zustimmen ließ, dass dieser große deutsche Roman „wie die Faust aufs Auge gerade unseres Jahrhunderts“ passt. Ich werde hier nicht in der Inhaltsangabe fortfahren, denn sie findet sich bei Wikipedia, und liest sich – dies ist unvermeidlich – wie die atemlose Zusammenfassung eines der Realität entbehrenden Abenteuerromans. Tatsächlich aber wurde mir beim Lesen in Erinnerung gerufen, wie die Männer in meiner eigenen Familie von ihren Kriegserlebnissen erzählten – allesamt Männer, die zu normalen Zeiten, da man als Berliner schon froh war, es mal an die Nordsee geschafft zu haben, nie und nimmer nach Frankreich, Russland oder gar Amerika gekommen wären. Und mit einem Schaudern wurde mir klar: Der Krieg ist (auch) ein großes Abenteuer, und es wird immer wieder solche geben, die nicht davor zurückschrecken.

Worin Max sich irrt und seinem anonymen Chat-Partner daher falsch Auskunft gibt, ist, dass es keine Verfilmung von Grimmelshausens Roman gäbe. Bereits 1975 entstand ein 4-teiliger Fernsehfilm im Auftrag des ZDF, Titel: „Des Christoffel von Grimmelshausen abenteuerlicher Simplizissimus“. In Leopold Ahlsens Nacherzählung des Romans spielten Matthias Habich den Simplex und Christian Quadflieg den Herzbruder Ulrich.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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