Mit der Zunahme der Industrialisierung gerieten die Zünfte und Innungen und mit ihnen ihre Symbole und Wahrzeichen mehr und mehr in Vergessenheit. Eines der Zeichen, das als Nasen- oder Aushängeschild auch im Berliner Straßenbild am längsten angetroffen wurde, war der Barbierteller der Friseure. Inzwischen haben sich einige kleine Städte wie Angermünde auf die Tradition besonnen und lassen, dort wo der Altstadtkern gut erhalten ist bzw. restauriert wurde, auch die Zunft- und Innungsschilder nicht missen. Allerdings ist der Erklärungsbedarf vor allem aber nicht nur bei den jüngeren Generationen erheblich; das zeigt auch eine Frage, die ich bei www.wer-weiss-was.de fand. Ich hoffe, die Beteiligten haben nichts dagegen, wenn ich den Dialog im Wesentlichen hier wiedergebe, bietet er doch ein sehr sympathisches Beispiel für Citizen Science.

Im November 2009 stellte ein Frank eine Frage, die ihm nach eigenen Angaben seit gut 40 Jahren niemand hatte beantworten können: Früher (50er / 60er Jahre) hatten viele Frisöre einen silbernen Teller an einem schmiedeeisernen „Galgen“ über der Tür hängen. Warum gerade einen ’silbernen Teller‘?

Die erste Antwort bekam er von einem Ralf: Das stammt aus einer Zeit, als Frisöre ihr Geld hauptsächlich mit Rasieren verdienten und deswegen ‚Barbiere‘ hießen. In der silbernen Schale wurde der Seifenschaum geschlagen. Natürlich nicht in der, die über der Ladentür hing, aber in einer ähnlich aussehenden.

Dann meldete sich ein Eckard zu Wort: Der Barbierteller ist eigentlich auch nur im deutschen Sprachgebiet üblich. In England und dessen Kolonien ist der Friseurladen viel eher am sogenannten „barber pole“, einem meist rot-weiß spiralig geringelten Pfahl vor dem Geschäft, zu erkennen. Dazu lieferte Eckart auch noch einen Link zu einer Webseite, auf der man die klassischen Marvy-Barber’s Poles käuflich erwerben kann: http://www.barberpolesdirect.com/

Daraufhin meldete sich wieder Frank, um sich zu bedanken und mitzuteilen, was er dank der Antworten von Ralf und Eckart zusätzlich herausgefunden hatte. Er zitierte: „Wohl bekanntestes Friseurzeichen ist das Becken, welches 1938 vom Reichsinnungsverband zum Zeichen des Friseurhandwerks erhoben wurde. Aus der spätmittelalterlichen Geschichte ist bekannt, dass meist der Lehrjunge mit dem Becken die Badekundschaft ‚zusammentrommelte‘. Es war nämlich so, daß man nur zu bestimmten Zeiten baden konnte. Nach Rückkehr des Lehrjungen wurde das Becken am Eingang des ‚Salons‘ solange aufgehängt, wie die Badezeit andauerte. Da es mit der Zeit üblich wurde, sich nach dem Baden zu rasieren, erlernte der Bader auch das Rasieren und so wurde aus dem Bader der Barbier. Das Becken behielten die Friseure auch dann als ihr Berufszeichen bei, als sich ihre Tätigkeit auf all die handwerklichen Künste des heutigen Friseurhandwerks ausdehnte.“ Daraus folgerte Frank: Die Tatsache, dass es sich wohl mehr oder minder um ein Relikt aus der NS-Zeit handelt, erklärt meines Erachtens auch das Vorhandensein des Becken in den 50ern und 60ern, dass es heute aber so gut wie ausgestorben ist.

Hier nun mischte sich eine Elke in die Diskussion, um Frank in seinen Vermutungen hinsichtlich eines nach den 60ern geschmähten Reliktes aus der NS-Zeit zu widersprechen: Meiner Meinung liegt es eher daran, dass kaum jemand weiß, was es bedeutet und warum oder eben nur das Rasieren damit assoziiert, und somit ist das ganze obsolet. Eine Schere als Bild sagt es viel deutlicher. Der „barber pole“, den Eckard erwähnt, ist hingegen älter und fester im Bewusstsein der Angloamerikaner verwurzelt.

[Anm.d.Red.: Das hatten wir schon, aber es gehört hierher, um die Komplexität dieses netten Wissensaustauschs darzustellen. Im Folgenden wurde es dann auch für mich richtig interessant.]

In aller Bescheidenheit schrieb eine Helena, sie wisse nicht, ob das Frank weiterhelfe, aber … : Du hast bestimmt mehrere Zeichnungen von „Don Quijote“ gesehen, unserer weltbekannten Romangestalt. Meistens sieht man ihn auf einem „Pferd“ und neben ihm läuft „Sancho Panza“, sein „Diener“. – Wie auch immer, der Hut den Don Quijote immer auf Zeichnungen trägt, ist kein Hut, sondern eben eine solche „Frisörschüssel“. Wenn man genau hinschaut, sieht man, in guten Zeichnungen einen kleinen Halbkreis am Nacken. Das ist dort wo die Frisörkunden immer den Hals/Nacken stützten.

Donnerlüttchen! Wie hatte ich das vergessen können. Natürlich! Don Quijote, der seine Rüstung aus allem Möglichen zusammengestellt hatte, trug ein Barbierbecken als Helm! Und ich, die ich mich so oft dafür interessiere, welche literarische Verwendung Gegenstände, Bräuche usw. gefunden haben, hatte das komplett vergessen. Danke Helena –- auch noch nach vier Jahren.

Übrigens hatte Helena ihrem Post auch noch einige Links zu Bildern beigefügt. Da ich aber meine Bilder, sofern nicht selbstgemacht, am liebsten aus den Wikimedia Commons beziehe, hier eine dort gefundene anschauliche Zeichnung des Ritters von der Traurigen Gestalt. Die Aussparung für den Hals trägt er hier zwar nicht im Nacken, dafür aber ist sie umso besser zu sehen.

Don Quijote

Voilá. Ich habe es geschafft, von Zuckerwatte auf Don Quijote zu kommen. Aber schließlich ist das nicht selten in diesem Blog – von A…backen auf Kuchen backen. Und mehr von Don Quijote gibt es jetzt auch nicht, denn das ist ein viel zu großes und viel zu interessantes Thema, um es mal eben in einem letzten Absatz abzuhandeln.

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