Du liebe Güte! Fast vier Jahre ist es her, dass ich die Rosenbach-Episode mit den geblümten Gardinen geschrieben habe. Und überhaupt habe ich Rosenbach sträflich vernachlässigt, auch wenn das nicht bedeutet, dass er mir jemals ganz aus dem Sinn ginge. Erst kürzlich wurde mir so richtig bewusst, wie ich damals auf „geblümte Gardinen“ gekommen war. Nicht nur gab es in meiner Kindheit geblümte Vorhänge in unserem Schlafzimmer, es gibt auch heute in meinem Leben (sprich: in meiner Wohnung) einen geblümten Vorhang. Noch letztes Jahr wäre es mir unangenehm gewesen, dessen Vorhandensein überhaupt zu thematisieren. Die geblümte Gardine haben die Vormieter in dieser Wohnung zurückgelassen, und ich hatte sie –- als ein Provisorium –- erst einmal behalten. Doch auch hier erwies sich wieder einmal, dass nichts so lange hält wie ein Provisorium. Die geblümte Gardine ist weiß Gott nicht das einzige Dauerprovisorium in meinem Haushalt. Was mich nur wundert ist, dass Tochter #2, in deren ehemaligem Zimmer sie hängt, dagegen nicht irgendwann sturmgelaufen ist. Ich selbst bin –- was das Wohnen betrifft – Französin. Ich habe mir sagen lassen, nur die Deutschen seien so wählerisch mit der Einrichtung ihrer Wohnung, während es Franzosen üblicherweise genügt, wenn sie nichts stört. Ich möchte das ungeprüft glauben, denn genauso ist es mit mir. Um etwas zu verändern, müsste der Ist-Zustand mich erheblich stören, und so leicht bin ich nun mal nicht aus der Ruhe zu bringen.

Das Muster der geblümten Gardine

Was eine innere Auseinandersetzung mit meinen geblümten Gardinen bewirkt hat, ist die schlichte Tatsache, dass ich seit meiner Heimkehr aus der Reha-Klinik in eben diesem ehemaligen Tochterzimmer, das mir normalerweise als begehbarer Kleiderschrank und Gästezimmer dient, schlafe -– zunächst wegen der „“Komforthöhe““. Durch Kauf einer neuen Matratze und deren Platzierung auf der alten, ließ sich eine Liegehöhe herstellen, die die von den Ärzten verbotene Einhaltung des Winkels Hüfte/Oberschenkel von max. 90 Grad gewährleistet. Dank meiner unerbittlichen Physiotherapeuten könnte ich inzwischen zwar nicht nur auf die Komforthöhe verzichten, sondern notfalls sogar auf dem Fußboden schlafen, aber nun hat es mir die geblümte Gardine angetan. Mit schläfrig verschwommenem Blick ähnelt sie den Gardinen meiner frühen Kindheit: pastellfarbene Blumen auf hellgelbem Grund. Ich erinnere mich, wie sie sich im Luftzug bauschten und mich dadurch manchmal belustigten und manchmal erschreckten. Die Blumen allerdings waren naturalistischer als die meiner jetzigen Gardine, deren Phantasiegewächse, so dicht neben meinem Bett, mich zu langen Betrachtungen reizen. Immer wieder meine ich, eine Knospe, eine Blüte oder ein Blatt zu entdecken, an dem mir etwas auffällt, was ich vorher nie bemerkt habe. Es ist wirklich verrückt. Ich, die sich höchst selten ein gemustertes Kleidungsstück kauft, weil jedes Muster mich sehr bald langweilt, ich betrachte nun Tag für Tag diese geblümte Gardine und bekomme manchmal sogar Lust, selbst zum Zeichenstift zu greifen, und Pflanzen mit den seltsamsten Blüten und Blättern zu erfinden, ihnen Namen zu geben, Düfte, giftige oder heilenden Eigenschaften ……

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