Die Frage bringt mich um den Schlaf: War Hercule Poirot nun dünn oder dick?
Im Orient-Express hatte er nach Meinung von Mary Debenham ausgesehen wie ein Friseur – ein kleiner Mann mit einem großen, geradezu lächerlichen Schnurrbart. Albert Finney, der die Rolle im Film spielte (Mord im Orientexpress, Roman 1934, verfilmt 1974) entsprach dieser Beschreibung recht gut. Wer jedoch Peter Ustinov in Das Böse unter der Sonne (Roman 1941, verfilmt 1982) gesehen hat, wird in Poirot nie mehr ein spilleriges Männlein sehen können. Jedenfalls mir ergeht es so, und so falsch kann ich damit doch nicht liegen, denn …

Hercule Poirot kam aus dem Restaurant «La Vieille Grand’mère» in Soho. Er hatte gut gespeist …Und was sollte er jetzt tun?
Ein Taxi fuhr an ihm vorüber, verlangsamte einladend die Fahrt. Poirot zögerte einen Augenblick lang, gab dem Fahrer aber kein Zeichen. Warum sollte er ein Taxi nehmen? Er würde auf alle Fälle zu früh zu Hause sein, um schon zu Bett zu gehen. «Ein Jammer», murmelte Poirot vor sich hin, «dass man nur dreimal am Tag essen kann …»

Mit diesen Sätzen beginnt Vier Frauen und ein Mord (1951), der Roman, den ich mir gerade als Hörbuch zu Gemüte führe. Abends, zum Einschlafen … Und natürlich schlafe ich auch wirklich ein –- während die CD noch läuft. Und dann wache ich von der Stille auf und kann nicht wieder einschlafen. Ob ich etwas Wichtiges verschlafen habe, merke ich spätestens dann, wenn ich die nächste CD einlege und mich nicht mehr zurechtfinde. Offenbar ist noch jemand umgebracht worden, und ich weiß nicht wie und kann deshalb auch nicht miträtseln, von wem. Was aber schlimmer ist: Unter Umständen habe ich einen weiteren Hinweis auf Poirots Leibesumfang verpasst.

In über dreißig der von Agatha Christie verfassten Kriminalromane, spielt der belgische Detektiv eine mehr oder weniger gewichtige Rolle, und man könnte meinen, Agatha Christie habe Hercule Poirot länger die Treue gehalten als irgendeiner anderen ihrer Romanfiguren, denn der Belgier ermittelte auch in dem letzten Roman, der noch zu Lebzeiten der damals 84-jährigen Autorin erschien: Vorhang (1975): Tatsächlich aber hatte das Manuskript da schon über 30 Jahre im Tresor einer Bank gelegen. Vielleicht weil Poirot in diesem Roman bereits so schwer an Arthrose litt, dass er im Rollstuhl saß, und Agatha Christie der Karriere des Detektivs noch kein Ende setzen wollte. Immerhin erschien nach 1945 noch ein gutes Dutzend weiterer Hercule-Poirot-Romane. Erst als sich abzeichnete, dass es mit Agatha Christies eigenen Laufbahn als Schriftstellerin zu Ende ging und sie keinen neuen Roman mehr schreiben würde, stimmte sie der Veröffentlichung zu.

Das alles bringt mich auf den Gedanken, dass man sich seinen Lebensgefährten vielleicht schreiben sollte. Alles geschähe zur rechten Zeit. Und das Ende verwahrt man im Tresor einer Bank, bis auch dafür der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

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