Letztes Jahr, mitten im Sommer, war eine kleine norwegische Küstenstadt Schauplatz einiger höchst außergewöhnlicher Begebenheiten. Es tauchte ein Fremder in der Stadt auf, ein gewisser Nagel, ein merkwürdiger und eigentümlicher Scharlatan, der eine Menge auffälliger Dinge tat und ebenso plötzlich wieder verschwand, wie er gekommen war.

Mit diesen knappen und distanziert anmutenden Worten beginnt Knut Hamsuns Roman „“Mysterien““, eines der wichtigsten Werke des 1859 geborenen und beim Erscheinen des Romans 33-jährigen Norwegers. Es ist ein Buch voller „“Gott““ und „„Teufel““, voller „“Haha““, „“Hehe““ und „“Na und?““, voller in Auslassungspunkten steckenbleibender Sätze, dafür aber ohne zitierende Anführungszeichen und Rücksicht auf Tempi. Die wörtliche Rede geht in die indirekte über, die inneren Monologe des Helden in die Stimme des fiktiven Erzählers. Von Distanziertheit keine Spur mehr. Der Leser spürt mit jeder Faser seines Herzens (denn auch von starken Gefühlen ist die Rede), dass jener „gewisse Nagel“ und Knut Hamsun nicht voneinander zu trennen sind, etwa wenn Hamsun, der aus bescheidensten Verhältnissen stammende Autodidakt, seinem Helden die Worte in den Mund legt: „…„… ich bin nur ein simpler Agronom, Schüler einer Kuhfladenakademie; ich bin ein Denker, der nicht gelernt hat zu denken““, oder „„Ich bin ein Fremdling, ein Ausländer des Daseins, Gottes fixe Idee, nennt mich, wie ihr wollt …“…“ – Aus heutiger Sicht stellt das Buch nicht nur im Schaffen Hamsuns, sondern auch in der Literatur der Moderne einen Meilenstein dar.

Die Handlung, schon in den ersten beiden Sätzen vorweggenommen oder zumindest doch dahingehend umrissen, dass es eigentlich keine Handlung gibt –- keine Historie, keinen Krimi, keine Romanze, keinen Entwicklungsroman ……, die Handlung also (denn es geschieht natürlich trotzdem einiges) ist folgende:

Am Abend des 12. Juni, wie immer um 18 Uhr, erreicht das Liniendampfschiff die kleine Küstenstadt. An Deck befindet sich ein kleingewachsenen aber breitschultrigen Mann von noch nicht dreißig Jahren, der eine auffällige gelbe Kluft und einen breiten Samthut trägt: Johan Nils Nagel. Die kleine Stadt hat geflaggt, nicht etwa, um Nagel zu begrüßen, der hier weder bekannt ist, noch erwartet wird, sondern weil die Tochter des Pfarrers, Dagny Kielland, sich heute verlobt hat. In diesem Augenblick beginnen dazu noch die Kirchenglocken zu läuten, diese wiederum nicht wegen der Verlobung, sondern eben weil es 18 Uhr ist. Jedenfalls ist Nagel vom Liebreiz des Anblicks und der sommerabendlich-festlichen Stimmung dermaßen hingerissen, dass er Anweisung gibt, sein Gepäck von Bord zu schaffen. Während dies geschieht, verliert er sich allerdings so in Betrachtungen, daß er noch immer an Deck hin und her läuft, während der Dampfer bereits wieder ablegt. Nagel ruft dem verwunderten Dienstboten zu, er möge seine Koffer ins Hotel bringen. Er selbst erreicht das Hotel Central zu vorgerückter Stunde mit der Kutsche, von der nächsten Stadt her kommend. Inzwischen sind bereits Telegramme für ihn eingetroffen, den Verkauf eines Stückes Land für eine größere Summe betreffend. Scheinbar achtlos lässt Nagel die Telegramme offen auf dem Tisch in seinem Zimmer liegen, als er am nächsten Morgen das Hotel verlässt. Es dauert nicht lange, bis alle Welt weiß, dass es sich bei dem gelbgekleideten Mann, der von seinen täglichen Spaziergängen oft erst so spät zurückkommt, dass ihm aufgesperrt werden muss, um einen etwas merkwürdigen aber zweifellos reichen Menschen handelt.

Zu einem ersten Skandal kommt es eines Nachmittags, an dem Nagel sich einmischt, als der Assessor Reinert, eine der wohlgelittenen Stützen der Gesellschaft der kleinen Küstenstadt, grobe Scherze mit Minute treibt, dem verkrüppelten Neffen des Kohlenhändlers. Am Ende der Auseinandersetzung hat Nagel zwar die Zeugen des Zwischenfalls auf seiner Seite, hat sich in dem Assessor aber auch einen Feind gemacht. Der unterwürfigen Treue Minutes allerdings kann er sich von nun an sicher sein, wird damit jedoch auch nicht froh, denn eben diese Unterwürfigkeit, die scheinbare Abwesenheit alles Boshaften und Falschen in Minutes Charakter, reizen Nagel dazu, den bedauernswerten Menschen immer wieder mit Psychoterror zu überziehen, unter anderem gibt er ihm zu verstehen, er werde ihm schon noch auf die Schliche kommen. Das geht soweit, dass er ihm schließlich sogar eingesteht, er habe ihn des Mordes an einem Studenten verdächtigt, der nur wenige Tage vor Nagels Eintreffen unter nicht ganz geklärten Umständen zu Tode gekommen war. Ob es Selbstmord war oder nicht, darüber sind die Einwohner des Städtchens unterschiedlicher Ansicht. Festzustehen scheint einzig, dass der junge Mann in hoffnungsloser Liebe zu jener Pfarrerstochter entbrannt war, deren Verlobung man gerade gefeiert hatte. Und hier sind wir nun bei dem zweiten Handlungsstrang.

Auch Nagel verliebt sich in Dagny Kielland, die sich überall großer Beliebtheit erfreut. Er verliebt sich so heftig, dass dem Leser Liebeserklärungen von fast unerträglicher Länge und Verstiegenheit nicht erspart bleiben. Für jeden, der sich selbst schon einmal in einem ähnlichen Zustand von Liebeswahn befunden hat -– eine krankhafte Liebe, die jeder Zurückweisung und Demütigung widersteht -–, muss das Lesen solcher Passagen geradezu physisch-schmerzhaft sein, weiß man doch, wohin das üblicherweise führt, nämlich in ein Meer von Tränen oder Verbitterung. Hamsun gelingt es, Längen bewusst als Stilmittel einzusetzen.

Nagel, sich der Gefahr, in der er sich befindet, durchaus bewusst, sucht sein Heil, indem er seine Zuneigung Martha Gude zuwendet, einer altjüngferlichen aber nicht reizlosen Kapitänstochter, die ein karges Dasein führt und finanzielle Unterstützung und freundliche Zuwendung dringend brauchen könnte. Ihr macht er sogar einen Heiratsantrag, malt ihr eine gemeinsame Zukunft in einem Haus im Wald aus, doch dann verschwindet Martha plötzlich, und obwohl sie ihm eine Nachricht zukommen lässt, sie sei abgereist, vermutet er, dass hier Einmischung eines Dritten -– sein Verdacht fällt auf Dagny Kielland -– wenn nicht gar Entführung im Spiel ist.

Kuriert von seiner Liebe zu Dagny ist Nagel durch seine Beziehung zu Martha keineswegs. So sehr er ihr auch in inneren Monologen die bittersten Vorwürfe macht, so leistet er ihr schon im nächsten Moment auf Knien Abbitte und gerät immer tiefer in einen Zustand krankhafter Nervosität, von dem er sich stets nur für Stunden ablenken kann, etwa, wenn er einen feuchtfröhlichen Herrenabend veranstaltet oder der Besuch einer Ex-Geliebten, die ihm Geld abbettelt, ihn kurzfristig in die Realität des Lebens zurückholt. Obwohl er gesellig ist, sich mit seiner Abneigung gegen die Fleischfresser und Liberalen und seiner Geringschätzung für die Professionalisten und sogenannten Großen Männer als streitbarer aber guter Unterhalter erweist und keine Gelegenheit auslässt, sich großzügig zu zeigen, bleibt Nagel für die Leute der kleinen Küstenstadt ein Scharlatan, der einen Geigenkasten im Gepäck hat, um seine schmutzige Wäsche darin aufzubewahren, und in seiner Westentasche stets ein Fläschchen mit Blausäure bei sich trägt, um „sich selbst aus der Welt zu schaffen“, sobald er die Stunde für gekommen hält.

Die Sache endet, wie man es von Beginn an ahnen konnte: fatal. Zwar misslingt Nagel der Selbstmord mit Gift, weil Minute, bevor auch er sich von seinem fordernden Gönner abwandte, bewerkstelligt hatte, das Gift in Nagels Fläschchen gegen Wasser auszutauschen, aber eine Verquickung unglücklicher Umstände führt dann doch zu Nagels Ende. In den letzten Stunden Seines Lebens, in denen Nagel, dessen Frechheit bislang stets siegte, so offenkundig ganz und gar die Orientierung über seine Möglichkeiten verliert, wirkt er am menschlichsten, büßt aber auch seinen schillernden Zauber ein. – Hamsun hat dem ein sehr kurzes, sich auf Andeutungen beschränkendes Schlusskapitel angefügt: Dagny und Martha, von einer Gesellschaft kommend, sind auf dem gemeinsamen Heimweg. Wir schreiben den April des folgenden Jahres. Der Waldweg ist noch vereist. Schwesterlich stützen die Frauen einander, um nicht auszurutschen, und plaudern über den Klatsch des Abends. Wie seltsam es doch sei, dass Nagel der Einzige war, der vorausgeahnt hatte, dass es mit Minute ein schlimmes Ende nehmen würde. Auch von dem, was Minute Martha angetan hat, ist die Rede. Erklärt wird nichts. -– Bei aller Scharlatanerie, das hatte Nagel nun doch nicht verdient, nur noch Gesprächsstoff für langweilige Winterabende zu sein. Und der Leser fragt sich, ob er etwas überlesen hat.

Ich gebe zu, es ist vermessen, über diesen Roman zu schreiben, ganz abgesehen davon, dass es auch überflüssig ist, denn über Hamsuns „Mysterien“ ist aus berufener Feder wahrlich genug zu Papier gebracht worden. So ist meiner Ausgabe von „Mysterien“ zum Beispiel ein ausführliches Nachwort des Literaturwissenschaftlers und Skandinavisten Walter Baumgartner nachgestellt. Das Nachwort in der Manesse-Bibliothek, wo der Roman 1960 verlegt wurde, stammt von dem Schriftsteller und Übersetzer Edzard Schaper. „“Wer wäre nicht lieber ein solcher Masochist als ein berühmter Psychologe!““ schrieb Henry Miller in seinem Nachwort zur Lizenzausgabe in der Bibliothek Suhrkamp (1976) , denn auch Freud blieb von Nagels bissigen Kommentaren nicht. verschont.

Interessant finde ich, wie unterschiedlich die Textpassagen sind, die von den Einzelnen bevorzugt zitiert werden. Zumeist werden doch in den Rezensionen immer wieder dieselben besonders schönen, besonders aussagefähigen, besonders interessanten Stellen eines Romans zitiert. Im Falle der „Mysterien“ scheint es so zu sein, dass jeder sich etwas anderes heraussucht, eigene Favoriten hat, wo Nagel ihm besonders nahe ist oder in besonderer Weise seinen Widerspruch herausfordert.

Das konnten natürlich ganz anständige Leute sein, wer wollte über Karl Marx etwas anderes sagen? Aber da saß nun dieser Marx und kritzelte die Armut aus der Welt –- theoretisch. Sein Kopf hat sich jede Art von Armut, jeden Grad des Elends ausgedacht, sein Gehirn umschließt alle Leiden der Menschheit. Dann taucht er die Feder ein und ist entflammten Geistes und schreibt eine Seite nach der anderen, füllt große Bogen mit Zahlen, nimmt dem Reichen und gibt dem Armen, verteilt Summen, pflügt die ganze Ökonomie der Erde um, verschleudert Milliarden über die erstaunten Armen -– alles wissenschaftlich, alles theoretisch! Und zu guter Letzt zeigt es sich, daß man in aller Einfalt von einem grundfalschen Prinzip ausgegangen ist: Gleichheit der Menschen!

Neben dem Ironischen und dem fast unerträglich Gefühligen gibt es aber auch so manche Zartheit zu entdecken.

Es ist eigenartig, aber ich fühle mich in geheimnisvoller Verwandtschaft mit jedem Baum im Wald. Es ist, als hätte ich einmal dem Walde angehört; wenn ich hier stehe und mich umsehe, fährt gleichsam eine Erinnerung durch meinen ganzen Menschen.

…… fährt gleichsam eine Erinnerung durch meinen ganzen Menschen. An dieser Stelle bin ich eine ganze Weile hängengeblieben, habe mich gefragt, ob ich mich schon einmal in ähnlicher Weise als mir selbst gehörend betrachtet habe, und beschlossen dass der Gedanke es wert ist, weitergesponnen zu werden.

Für Nicht-Norweger ist Hamsun in den Passagen, in denen er politisch wird, nicht bis ins letzte verständlich:

Was hat nicht Parlaments-Ola für Ryfylke und für das Reich getan! Man bekommt nach und nach einen Blick für seine treue und ehrliche Arbeit, und es wird einem weich ums Herz. Die Gutherzigkeit geht mit einem durch, man schluchzt und weint vor Mitleid mit ihm und gelobt bei seiner Seele, alles doppelt und dreifach wiedergutzumachen. Der Gedanke an diesen markigen Greis aus dem kämpfenden und leidenden Volk, den Mann im härenen Gewand, zwingt einen in einen seligen und wilden Barmherzigkeitsdrang, der einen zum Heulen bringt. Um Ola zu erhöhen, schwärzt man alle anderen und die ganze Welt an, nimmt genüßlich zu seinen Gunsten allen anderen alles weg, sucht die prächtigsten und gesegnetsten Worte, um ihn zu verherrlichen. Man sagt geradezu, daß von dem, was in der Welt geleistet worden ist, Ola das meiste vollbracht hat, daß er die einzige Abhandlung über die Spektralanalyse geschrieben hat, die lesenswert ist, daß er eigentlich der einzige war, der im Jahre 1719 alle Prärien Amerikas umgepflügt hat, daß er den Telegraphen erfunden hat und daß er obendrein auf dem Saturn gewesen ist und fünfmal mit Gott gesprochen hat.

usw. usf., fröhlich polemisierend. Aber wer war Parlaments-Ola, was hat er für Ryfylke getan, und wo liegt dieses Ryfylke überhaupt? – Es spielt, finde ich, kaum eine Rolle. Es tut dem größeren Zusammenhang und der Komik keinen Abbruch. Und hierin unterscheiden sich solche Passagen gravierend von den meisten Kabarett-Texten, die nicht einmal halb so alt sind, die der Mehrzahl der hier und heute Lebenden aber trotzdem kein Lachen mehr entlocken, weil sie überhaupt nicht verstanden werden. Eine über Zeit und Ort hinausweisende Gültigkeit geht ihnen ab.

Gründe, warum nun ich auch noch meine unmaßgebliche Meinung schreiben muss, sind einmal eine gewisse selbstauferlegte Verpflichtung im Rahmen meines Club-Oblomow-Projektes, und dass bezüglich Knut Hamsun eine ganz bestimmte Frage mich umtrieb: Wie konnte ein Schriftsteller von klarem Verstand und international anerkanntem Ruf, im Alter Sympathien für den Nationalsozialismus entwickeln? Ich wollte für mich selbst herausfinden, ob in seinem Gedankengut schon viel früher etwas erkennbar war, das ihn dafür disponiert erscheinen ließ. Und natürlich bin ich bei weitem nicht die erste, die sich mit dieser Frage beschäftigt. Dass Nietzscheanismus und Ästhetizismus gefährliche Tendenzen sind wurde längst erkannt. Hamsun spielte quasi mit dem Feuer, als er -– um es mit Adornos Worten zu sagen -– „der normalen Welt die Maske des Bösen entgegenhielt, um sie das Fürchten vor der eigenen Norm zu lehren.“ Die ursprüngliche Absicht ehrt ihn ungeachtet seines späteren Irrtums. Und wir können etwas lernen, nämlich dass wir bis heute vor gefährlichen Tendenzen auf der Hut sein müssen, ja dass die Schattenseiten des Strebens nach Höherem sich nicht wegdenken lassen, sondern dass sie vielmehr stets mitgedacht werden müssen, um den Dämon im Schach zu halten.

Knut Hamsun
Mysterien
List Taschenbuch, Berlin, 2009
ISBN 978-3-548-60884-6

Advertisements