Edgar Hilsenrath wurde 1926 in Leipzig als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren und wuchs in Halle auf. 1938 flüchtete seine Mutter mit ihm und seinem jüngeren Bruder zu Verwandten in die rumänische Kleinstadt Sereth. Von dort verschleppten sie die Nazis 1941 in ein jüdisches Ghetto in der Ukraine.

Mit dem Eindruck, den man bei der Lektüre seines autobiografischen Romans „Die Abenteuer des Ruben Jablonski“ gewinne, nämlich dass Hilsenrath und seine Familie zur privilegierten Schicht im Ghetto zählten, konfrontierten die SPIEGEL-Redakteure Martin Doerry und Volker Hage den 79-jährigen Autor, als sie ihn anlässlich der Neuauflage dieses Romans interviewten (DER SPIEGEL 15/2005), und Hilsenrath gab dies unumwunden zu. Vielleicht ist es jenes Glück im Unglück, das ihn nicht nur überleben ließ, sondern später auch in die Lage versetzte, mit wohl bis dahin beispielloser Ironie über den Nationalsozialismus und den Holocaust zu schreiben. Für den deutschen Literaturmarkt war dies allerdings ein Problem. Während „The Nazi & The Barber“ Edgar Hilsenrath 1971 der Durchbruch als Schriftsteller in den USA bescherte, wurde der Roman in Deutschland von über sechzig Verlagen abgelehnt. Eine Satire über den Holocaust galt als Verfehlung. Dass der Roman in der Ich-Form aus der Perspektive eines der Täter erzählt wird, machte die Sache noch haarsträubender, und dass der Blick auf Israel keineswegs unkritisch ausfällt, schlug dem Bierfass den Boden aus. Hilsenrath verstieß unübersehbar gegen die Diskursregeln, welche der Philosemitismus als Folge des schlechten Gewissens in Deutschland hervorgebracht hatte. „Damit wird Hilsenrath in so brutaler Direktheit dem Erinnerungsgebot gerecht, wie dies in keinem zweiten Werk in deutscher Sprache gelingt“, schrieb der Verleger Helmut Braun im Nachwort zur dtv-Ausgabe des Romans. Braun war 1977 der Erste gewesen, der sich auf das Wagnis eingelassen hatte, „Der Nazi & der Friseur“ in Deutschland auf den Markt zu bringen.

Inhaltsangabe:

Ich bin Max Schulz, unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz – zur Zeit meiner Geburt Dienstmädchen im Hause des jüdischen Pelzhändlers Abramowitz. […] Wer mein Vater war, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber er war bestimmt einer von den fünfen: der Fleischer Hubert Nagler, der Schlossermeister Franz Heinrich Wieland, der Maurergehilfe Hans Huber, der Kutscher Wilhelm Hopfenstange oder der Hausdiener Adalbert Hennemann.
Ich habe die Stammbäume meiner fünf Väter sorgfältig prüfen lassen, und ich versichere Ihnen, daß die arische Herkunft der fünf einwandfrei festgestellt wurde.

So beginnt der Roman „Der Nazi & der Friseur“ von Edgar Hilsenrath.

Am selben Tag wie Max, dem 15. Mai 1907, und zur selben Stunde wird im Nachbarhaus in der schlesischen Stadt Wieshalle ebenfalls ein Kind geboren: Itzig Finkelstein, Sohn des aus Galizien stammenden Frisörs Chaim Finkelstein und seiner Frau Sara.

Max´ fünf Väter stehen weiterhin Schlange an der Schlafzimmertür des Dienstmädchens Minna. Solange der Pelzhändler Abramowitz davon überzeugt war, Max sei der Sohn seines Kutschers oder seines Hausdieners, gehörten Minna und Max sozusagen zur Familie. Fünf Väter aber sind eindeutig drei zu viel. Abramowitz wirft das Dienstmädchen mit dem Kind hinaus. Unterschlupf finden sie in der Kellerwohnung des Frisörs Anton Slavitzki, der seinen schäbigen Laden genau gegenüber von Finkelsteins florierendem Salon „Der Herr von Welt“ betreibt. Schon in der ersten Nacht wird Max von Slavitzki missbraucht.

Während Itzig Finkelstein sich zu einem hübschen blonden Jungen entwickelt, entspricht der schwarzhaarige Max Schulz mit seinen Froschaugen und der Hakennase der damals gängigen Vorstellung von einem Juden. Die Nachbarskinder wachsen zusammen auf und werden Freunde. Max ist gerngesehener Gast im Haus der Finkelsteins, und besucht mit ihnen sogar die Synagoge. Auf diese Weise lernt er Jiddisch und die hebräische Schrift, und als Itzig von der Volksschule aufs Gymnasium wechselt, erpresst Max seine promiskuitive Mutter, damit sie ihm ebenfalls das Schulgeld beschafft. Doch wegen der aussichtslosen Wirtschaftslage brechen beide Jungen die Schule vor dem Abitur ab, um bei Chaim Finkelstein das Friseurhandwerk zu erlernen.

Derweil finden auch in Wieshalle die Nationalsozialisten immer mehr Zulauf. Anton Slavitzki liest regelmäßig den “ Stürmer“ und den „Völkischen Beobachter“ und hat sich angewöhnt, auszuspucken, wenn von Juden die Rede ist. Nachdem Hitler persönlich nach Wieshalle gekommen ist und auf dem Ölberg seine „Bergpredigt“ gehalten hat, melden sich Anton Slavitzki und Max Schulz zur SA, betrinken sich anschließend, torkeln zu Finkelsteins Salon, schmieren Hakenkreuze an die Spiegel, plündern den Laden, misshandeln Chaim und Itzig Finkelstein und beschimpfen sie als „Saujuden“. Von Chaim Finkelsteins ehemaligen Kunden, lassen sich nur noch die mutigsten bei ihm rasieren und die Haare schneiden. Alle anderen gehen jetzt zu Anton Slavitzki, der Max als Gehilfen eingestellt hat.

1936 erhält Max den amtlichen Befehl, den Friseursalon des Juden Chaim Finkelstein zu übernehmen. Dann wird er zum Dienst an der Waffe einberufen, und so kommt er im Winter 1939 nach Polen, wo seine Einheit „Säuberungsaktionen“ durchführen soll. In spröden Sätzen berichtet Max Schulz von seinen Kriegsjahren:

Wir trieben die Juden dann auf ihren Friedhof. Dort standen keine Kreuze. Und dort erschossen wir sie. Aber es waren nicht viele.
Toll wurde das erst, als es nach Russland ging. Einsatzgruppe D im südrussischen Abschnitt. Aber das war ja auch später. Im Jahre 1941.
Wissen Sie, wie man 30 000 Juden in einem Wäldchen erschießt? Und wissen Sie, was das für einen Nichtraucher bedeutet? Dort hab ich das Rauchen gelernt.

1942 wird der SS-Offizier Max Schulz ins Konzentrationslager Laubwalde versetzt. Wie es das Schicksal will, deportiert man auch die Finkelsteins dorthin. Max Schulz selbst erschießt Chaim Finkelstein und seine Frau und versucht nicht einmal zu verhindern, dass auch sein früherer Freund Itzig erschossen wird.

Trotzdem war das eine friedliche Zeit in Laubwalde, wenn man bedenkt, dass andere an der Front waren und ihren Kopf hinhalten mußten.

Als sowjetische Truppen auf Laubwalde zu rücken, erhält Max den Befehl, die noch verbliebenen 89 Gefangenen zu erschießen. Er tut es mit Bauschmerzen. Dann ergreift seine Einheit die Flucht, wird jedoch von Partisanen überfallen. Diesen Angriff überleben nur Max und der Lagerkommandant Hans Müller. Müller verschwindet spurlos, Max vergräbt einen aus dem Lager mitgenommenen Karton mit Goldzähnen im Wald und versteckt sich bei der uralten Veronja in deren abgelegener Kate. Doch so alt Veronja auch ist, hat sie doch noch Gelüste, und als ihr klar wird, in welcher Lage Max sich befindet und welche Macht ihr das über ihn gibt, nutzt sie dies gnadenlos aus. Max bekommt abwechselnd Schläge und potenzsteigernde Kräuteraufgüsse, bis er einen Herzinfarkt erleidet, den er jedoch überlebt. Um seine Flucht vorzubereiten, gräbt Max den Karton mit den Goldzähnen aus. Veronja überrascht ihn damit, will Max mit der Holzhacke umbringen, aber Max kommt ihr zuvor.

Mit den Goldzähnen schlägt sich Max Schulz nach Wieshalle durch, aber seine Mutter und Anton Slavitzki sind vor den Russen geflohen, und niemand weiß, wohin. Max gerät auch weiterhin in groteske Situationen. Zum Beispiel muss er der Witwe seines gefallenen Kameraden Holle helfen, die Leiche eines amerikanischen Majors loszuwerden, der in ihrem Bett an einem Herzinfarkt gestorben ist. Mit den Goldzähnen macht er auf dem Schwarzmarkt Geschäfte, und als ihm klar wird, dass nach ihm gesucht wird, um ihn wegen seiner Kriegsverbrechen vor Gericht zu stellen, lasst er sich von einem ehemaligen SS-Kameraden eine KZ-Nummer auf den Arm tätowieren und von einem alten Arzt, der noch immer an den Nationalsozialismus glaubt, den Penis beschneiden. Von nun an lebt Max Schulz als Itzig Finkelstein.

Durch den Schwarzhandel gerät der falsche Itzig Finkelstein an Kriemhild Gräfin von Hohenhausen, und als deren Liebhaber, einer der führenden Schwarzhändler in Berlin, das Zeitliche segnet, nimmt Max Schulz seinen Platz ein. Doch als 1947 die Gräfin in einen Waffenschmuggel investiert, der schiefläuft, verliert er sein gesamtes Vermögen, und die Gräfin gibt ihm den Laufpass. Max/Itzig zieht ins Hotel „Vaterland“. Hier lernt er den Juden Rosenfeld kennen. Es fällt auf, wie alle Hotelbediensteten und die anderen Gäste vor dem vermeintlichen Itzig Finkelstein und Rosenfeld katzbuckeln. In Deutschland ist jetzt Judenfreundlichkeit das oberste Gebot. Dennoch will Rosenfeld nach Palästina, und drängt Max, sich ihm anzuschließen. In einem inneren Monolog erklärt Max dem toten Itzig Finkelstein, wie die Reise vonstattengehen soll, und fordert ihn auf, mitzukommen. Max und Rosenfeld fahren nach Marseille und gehen dort an Bord der „Exitus“, die ihre Passagiere in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an der Küste Palästinas absetzen wird, da die Engländer den Zionismus zu unterbinden versuchen und die Zuwanderer, wenn möglich, abfangen. Während der Überfahrt rasiert der falsche Itzig täglich den Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter, einen deutschen Juden, der sich in den Kopf gesetzt hat, den Massenmörder Max Schulz zu finden. Itzig wettet mit ihm um eine Flasche Champagner, dass ihm dies nicht gelingen wird.

Die Landung glückt, und der falsche Itzig Finkelstein und die Ballerina Hanna Lewisohn, die an Bord eine Affäre begonnen haben, finden im Kibbuz Pardess Gideon Aufnahme. Hier sollen beide in der Landwirtschaft arbeiten, doch während Hanna sich bereitwillig in ihre Aufgaben fügt, hält es Itzig schon nach einer Woche nicht mehr im Kibbuz. In Beth David findet er einen Friseursalon, der einen Gehilfen sucht. Der Inhaber Schmuel Schmulevitch beschäftigt außer ihm acht Gesellen, zwei Lehrjungen, zwei Maniküren und zwei Schuhputzer. Dazu noch wacht Frau Schmulevitch darüber, dass keiner der Angestellten Zeit vertrödelt.

Bald gewinnt man den Eindruck, dass der falsche Itzig Finkelstein sich zu einem richtigen entwickelt, jüdischer womöglich als der echte Itzig es hätte sein können. Er glaubt sogar, den typischen „Seelengeruch“ zu haben, an dem Juden einander erkennen. Dann wieder hält er sich lediglich für die Karikatur eines Juden, in der wahre Juden den Juden nur erkennen, weil man ihnen lange genug eingeredet hat, dieser Karikatur zu gleichen. So beargwöhnt er auch zwei seiner Arbeitskollegen, die Witze über den Zionismus reißen und Deutschland lieben. Auch Frau Schmulevitch würde gerne nach Deutschland zurückkehren, getraut sich aber bald nicht mehr, dies in Itzigs Gegenwart zu äußern, denn der führt bei der Arbeit glühende Reden, in denen er die kommende Weltherrschaft des Judentums heraufbeschwört.

Itzigs Begeisterung kommt Jankl Schwarz, einem der Anführer des jüdischen Aufstands gegen die Briten zu Ohren. Eines Tages lässt er Itzig entführen, in seinen geheimen Befehlsstand bringen und bewegt ihn dazu, seiner Untergrundorganisation beizutreten. Offiziell arbeitet Itzig weiter im Friseursalon. Wenn Jankl Schwarz ihn braucht, meldet er sich krank. Alle wissen, wo Itzig dann steckt und bewundern oder fürchten ihn deswegen. Dann aber gerät auch in Itzigs Privatleben Bewegung.

Schmulewitch hat seine beiden Maniküren rausgeworfen, und als sich nicht schnell genug geeigneter Ersatz findet, stellt er eine entfernte Verwandte ein: Miriam, genannt Mira. Sie stammt aus einer ukrainischen Kleinstadt, deren jüdische Einwohner allesamt von den Nazis erschossen wurden. Mira, zu der Zeit noch ein Kind, überlebte die Erschießung schwer verletzt, blieb aber stumm. Dennoch ist sie eine gute Maniküre und, was Itzig vor allem begeister: sie ist unglaublich fett.

Itzig und Mira heiraten, doch schon in der Hochzeitsnacht wird der Bräutigam von Jankl Schwarz‘ Männern aus dem Bett geholt und muss beim Überfall auf eine britische Kaserne mitmachen. Bei dem siebten Überfall, an dem Itzig teilnimmt, kommt Jankl Schwaz ums Leben, und seine Gruppe löst sich auf. Nun tritt Itzig in die Hagana ein, bricht sich aber bei einer Geländeübung beide Beine. Zwei Tage nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, verkündet das Radio, dass die Vollversammlung der Vereinten Nationen den Teilungsplan für Palästina angenommen hat. Mit einem Freudenschrei springt Itzig aus dem Bett und bricht sich abermals die Beine. Als am 14. Mai 1948 der unabhängige Staat Israel proklamiert wird, kann Mira plötzlich wieder sprechen.

Itzig, der Sergeant in der israelischen Armee ist, kämpft im Palästinakrieg mit. Kurz danach verlässt er die Armee um mit seiner Frau in Beth David zu leben. Drei Jahre später haben die beiden es zu einem eigenen Häuschen gebracht, und nach einem weiteren Jahr erbt Mira Geld von einem Onkel – genug um Frau Schmulevitch den Friseursalon abzukaufen, denn Schmuel Schmulevitch ist inzwischen verstorben. Mira, obwohl bereits Mitte vierzig, wird schwanger. Das Kind, das sie zur Welt bringt ist ein Junge, hat aber weder Arme noch Beine, auch kein Gesicht, sondern nur zwei riesige Froschaugen und überlebt die Geburt nur wenige Stunden.

Im Dezember 1967 kommt es zu einem Wiedersehen zwischen Itzig Finkelstein und dem inzwischen über achtzigjährigen Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter. Dieser ist schon lange davon überzeugt, dass der Massenmörder Max Schulz seinerzeit die Flucht aus Polen nicht überlebt hat. Als Itzig Finkelstein dem Amtsgerichtsrat die wahre Geschichte erzählt, glaubt er ihm nicht und befürchtet, er habe als Spätfolge der im KZ erlebten Gräueltaten den Verstand verloren.

Hilsenrath_Der_Nazi_und_der_Friseur

Edgar Hilsenrath
Der Nazi & der Friseur
dtv (1. März 2006)
480 Seiten
ISBN-10: 3423134410
ISBN-13: 978-3423134415