Was unterscheidet die Romane des 20. Jahrhunderts von den Schöpfungen der Weltliteratur aus früheren Jahrhunderten?

Als erstes, fuhr ich fort, fiel mir auf, daß die Autoren in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß von sich selbst schreiben. [……] Ich behaupte nicht, jeder dieser Romane sei in der ersten Person geschrieben und rein autobiographisch. Aber sie sind es in dem Sinne, als auch die Erfindungsgabe Teil des Individuums ist und sie benutzt werden kann, um sein inneres Leben auf eine Weise mit dem äußeren zu verflechten, daß der Leser rätselnd davor steht, was ist wahr und was nicht.

In der Sendung „Büchermarkt“ vom 31. Dezember hörte ich ein Interview mit dem Großmeister des Horrorromans Stephen King, der behauptete, das Einzige, wobei man einem Schriftsteller trauen dürfe, sei seine Literatur. Ansonsten gelte: Schriftsteller lügen, sobald sie den Mund aufmachen. [Im Übrigen ist dieses Interview mit sehr viel Humor gewürzt, und ein Klick auf den Link lohnt sich.] Am Neujahrstag dann hörte ich ein Interview mit Edgar Reitz („Heimat“), der die These vertrat, dass Erinnerung die Vergangenheit zerstört. Das klingt ein wenig seltsam, denn was vergangen ist, ist unerreichbar und jeglicher Veränderung durch uns entzogen. Ich glaube, was Reitz meinte, ist, dass das Erinnern unsere Erinnerungen zerstört. Zur Erklärung führte er aus, dass jemand, dem abverlangt würde, immer wieder seine Biographie zu schreiben, nach mehreren Niederschriften überhaupt nicht mehr wüsste, wer er sei. Letzteres mag übertrieben sein. Ich hatte beim Schreiben autobiographischer Texte oft das Gefühl, Zusammenhänge plötzlich besser zu verstehen und mir selbst ein Stück näher zu kommen. Gleichzeitig aber ertappte ich mich dabei, dem scheinbar unwiderstehlichen Drang zu erliegen, Dinge zurecht – ins rechte Licht – zu rücken, was zweifellos dazu führte, dass im Schatten blieb, was mein Unterbewusstsein nicht wahrhaben wollte. Doch auch wenn ich um schonungslose Offenheit rang und den Gegenstand meines Textes von allen Seiten beleuchtete, schien das nicht der Wahrheit zu entsprechen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Die Wahrheit ist nicht unbedingt das, was sich beweisen lässt.

Im engen Zusammenhang damit steht die sexuelle Thematik

Ich schätze, sie hat mit der Bevölkerungsexplosion in unserem Jahrhundert zu tun. Der Mensch wird nämlich nicht nur zwanzig Zentimeter größer als zuvor und vervielfacht sein Wissen, er vervielfacht sich auch selbst auf unverantwortliche Weise, indem er sich zur rechten Zeit zu sterben weigert.

Und ich dachte immer, die Autoren schrieben so viel über Sex, because sex sells. Im Grunde glaube ich das immer noch. Ich glaube es wird beim Schreiben mehr als je auf die Verkäuflichkeit von Texten geachtet. Und wenn die Autoren nicht beim Schreiben darauf achten, so tun es die Lektoren, die darüber entscheiden, ob etwas überhaupt gedruckt wird. Jedenfalls bin ich ziemlich sicher, dass nicht häufiger über Sex geschrieben wird, weil mehr Sex stattfindet. Wenn dies zu irgendeinem Zeitpunkt doch gilt, dann nur für die erste Hälfte der zweiten Hälfte, also das dritte Viertel des 20. Jahrhunderts. Da erschienen zunächst einmal die Kinsey-Reports, dann kam die Antibabypille in den Handel und ermöglichte die praktische Umsetzung der neuen Weltanschauung, die bei den 68ern großen Anklang fand. Eine sexuelle Revolution passte zur politischen Stimmung. 1970 kam der Schulmädchenreport in die Kinos und wurde zum bisher größten deutschen Kinoerfolg. Die oft noch unzulänglich aufgeklärte Generation der Eltern konnte den Nachholbedarf in den Bravo-Heften der Töchter und Söhn decken. Doch mit dem Ende der Siebziger ebbte die sexuelle Revolution wieder ab. Ob es da einen Zusammenhang mit Alice Schwarzer und ihrer seit 1977 erscheinenden Zeitschrift Emma gab, wage ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls gründeln die Romane des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts eher im Psychologischen, als dass es im Bett zur Sache ginge. Komischerweise hege ich den Verdacht, dass dies die Realität spiegelt. Außerdem findet die Bevölkerungsexplosion nicht in den Kulturkreisen statt, von deren Literatur hier die Rede ist. In unseren Breiten haben wir kein Problem mit der Bevölkerungsexplosion, sondern mit der Überalterung. Und hier hat Max/Bernd Wagner zweifellos recht. Wir weigern uns zu sterben. Auch das Durchschnittsalter von Autoren steigt an. Warum sollten sie eine Ausnahme bilden? Aber schreiben sie deswegen mehr über Sex? – Ich finde, über Sex zu schreiben ist kein befriedigender Ersatz für den Sex, den man nicht hat.

Ja, die von der Enthüllung des eigenen Ich faszinierten Autoren scheuen nicht davor zurück, ihre Glieder zur Schau zu stellen, die oftmals ungeheure Ausmaße haben.

Um Himmels Willen! Was liest dieser Mensch? Pornos der primitivsten Sorte? Es beruhigt mich, dass er gleich darauf den Stiefvater des Massenmörders Max Schulz aus Hilsenraths Roman „Der Nazi & der Frisör“ erwähnt, der sich seinen Schwanz „gürtelmäßig um den Leib wickeln“ kann. Das ist natürlich kein Porno, aber ich glaube auch nicht, dass der Stiefvater hier den Autor verkörpern oder verkörperlichen soll.

Als drittes Kennzeichen der Romane des 20. Jahrhunderts nennt Max die Ausdrücke, mit denen dort um sich geworfen wird.

Die Generation, die in den Schützengräben gelegen hat, konnte mit der gehobenen Sprache nichts mehr anfangen. Damit aus ihren Herzen keine Mördergrube wurde, mußten sie Klartext reden.

Die Generation, die in den Schützengräben gelegen hat. Das waren zwei Generationen – die meiner Großeltern und die meiner Eltern. Und ich wünschte, Max hätte recht. Was Edgar Hilsenrath angeht, hat er recht. Aber Erich Maria Remarque? Alfred Döblin? Kurt Tucholsky? Stefan Zweig? Wir, die Nachkriegskinder waren es, die, so wie wir die Sexualität von Tabus befreiten, dies auch mit der Sprache taten – meistens sehr zum Missvergnügen der Eltern und Großeltern. Es waren die Nachkriegsautoren die auf diese Weise die Heuchelei der Sprache anprangerten, und im literarischen Diskurs folgten ihnen dann einige ihrer älteren Kollegen. So sehe ich das jedenfalls. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag man im Dreck, in der zweiten Hälfte trat man in dem Dreck, was man für verantwortlich hielt: die Sprache. Gelogen wird immer mit Worten.

Und was wird nicht geredet in meinen Lieblingsbüchern. Die Dialoge sind mehr als ihre Würze, sie sind das Fleisch und das Salz in der Suppe, wenn sie nicht gar Teil eines noch reißenderen Redestroms sind, dem vom Autor direkt ins Ohr des Lesers geflüsterten.

Ich mag es nicht, wenn ein Roman ganz auf die wörtliche Rede verzichtet – zumindest nicht, wenn da Personen anwesend sind, die das Wort aneinander richten. Ich mag es auch nicht, wenn ein Roman weniger Orts- und Handlungsbeschreibung enthält als ein Drehbuch. Und was nun den noch reißenderen Redestrom angeht, …

Ich mag es auch nicht, mitgerissen zu werden – von keiner Art von Strom oder Strömung.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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