Jetzt habe ich doch tatsächlich den Sommer+Sommer Gehirn Test gemacht und wurde zu meiner starken linken Gehirnhälfte beglückwünscht. Das war nicht überraschend. Nie hatte ich die geringsten Zweifel daran, Rechtshänderin zu sein. Nichtsdestotrotz übte ich als Kind hin und wieder, mit der linken Hand zu schreiben. Es hätte ja sein können. dass ich mir mal den Arm breche.

Auch Max übt, alles Mögliche mit links zu tun – zum Beispiel sich die Zähne zu putzen. Ob ihm das guttut, dessen bin ich nicht so sicher. Man denke nur an die Wut, in die er sich bei seinem Spaziergang hineingesteigert hat. Da hatte er sich morgens auch die Zähne mit links geputzt.

Ich will ja nicht bestreiten, dass es für einen Billardspieler von großem Vorteil wäre, mit beiden Händen gleichermaßen geschickt zu sein. Aber die Rechts- oder Linkshändigkeit ist ja nur ein Symptom für die besondere Ausprägung einer Gehirnhälfte. Eine starke linke Gehirnhälfte bewirkt nicht nur, dass man mit der rechten Hand geschickter ist, sondern auch eine besondere Befähigung, logisch aber auch abstrakt zu denken, Sprachbegabung, eine Neigung zur Pünktlichkeit und was sonst noch mit Ordnungssinn zu tun hat. Menschen mit einer starken rechten Gehirnhälfte sind dafür gefühlvoller, können Farben besser unterscheiden, haben einen ausgeprägteren Tastsinn, agieren aber auch planloser. Man ist also ein anderer Typus, und es ist ein Segen, dass es heute als grundfalsch gilt, von Kindern zu verlangen, etwas „mit dem schönen Händchen“ zu machen. – Max ist sich darüber übrigens völlig im Klaren. Im Gegensatz zu mir hatte er sich tatsächlich mal den rechten Arm gebrochen, musste feststellen, dass er mit der linken Hand nicht mit dem Füller schreiben konnte, sondern nur auf der Schreibmaschine tippen. Doch gelang es ihm auch so nicht, Konzepte zu entwerfen oder seine Texte zu korrigieren. Beides verlangt ja Ordnungssinn, und der schien zusammen mit der rechten Hand außer Gefecht gesetzt zu sein.

Nun hat Billard ja sehr viel mit Berechnungen und Logik zu tun und mit streng kontrollierter Geschicklichkeit. Das oben Ausgeführte legt folgende etwas boshafte Überlegung nahe: Billard ist ein Spiel für Rechtshänder. Für Linkshänder läuft es unter Behindertensport. Sich als Rechtshänder beim Billard auf die linke Hand zu verlegen, erscheint so erfolgversprechend wie sich beim Wettschwimmen einen gesunden Arm am Körper festzubinden. Freilich gibt es Situationen, wo man mit rechts keinen guten Stoß führen kann. Aber vielleicht wäre es sinnvoller, für solche Fälle das Spiel hinter dem Rücken zu üben. Ich muss allerdings zugeben, dass das so aufgesetzt cool aussieht, dass es schon wieder uncool ist. Und überhaupt habe ich zu wenig Ahnung, um mir hier eine Meinung anzumaßen oder gar Ratschläge erteilen zu wollen. Es ist auch nicht nötig, denn Max wendet sich bald wieder dem Computer zu, auf dessen Bildschirm noch immer sein Exkurs über das Lesen steht.

„Haben Sie einen Hang zum Theoretisieren?“ hat Max‘ Chatpartnerin als Erwiderung geschrieben. Darüber regt Max sich dermaßen auf, dass nicht nur ein erneuter Wutausbruch – diesmal in schriftlicher Form – folgt, sondern ihm die Buchstaben durcheinander geraten. Ich frage mich gerade, ob schon mal jemand analysiert hat, ob die Tippfehler, wenn man emotional aufgewühlt ist, hauptsächlich von den Fingern der linke Hand verursacht werden, oder ob die rechte im selben Maß daran beteiligt ist.

Beruhigen Sie sich. Ich habe doch gar nichts gegen Theorien. Heute ist Sonntag, und draußen schneit es. Warum teilen Sie mir nicht in aller Ruhe mit, was Sie über die Literatur in diesem Jahrhundert denken?

Mehr als die Aufforderung beruhigt Max wahrscheinlich die Erkenntnis, dass sein Gegenüber nicht in Berlin sitzen kann. Hier schneit es nicht. Es regnet.
Und so beginnt er die „Geschichte der Literatur unseres Jahrhunderts“ zu verfassen, so wie er sie in dem Augenblick sah, als er „von ihr aus der Bahn geworfen wurde“.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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