Ich sehe gern zu, wenn andere arbeiten, sagt Max über sich. Man muss mit solchen Geständnissen vorsichtig sein. Sie werden einem leicht als Ironie ausgelegt. Aber ich denke, dass ich Max richtig verstehe. Ich selbst sehe Handwerkern gerne zu. Gerade weil ich so ungeschickt bin, keinen Nagel gerade in die Wand bekomme und jede Näharbeit vermurkse, hege ich aufrichtige Bewunderung für handwerkliches Können. Warum sollte man nur Schauspielern, Tänzern und Musikern bei der Arbeit zusehen? Bei Max musste es allerdings eine Nummer größer sein. Ihn zog es nicht in Werkstätten, sondern zu den Baustellen am Potsdamer Platz. Und natürlich hatte er Barenboims Kran-Ballett nicht verpasst. Korrekter müsste man ja von Wübbolts Kran-Ballett sprechen, denn der hatte die Choreographie für die 19 Portaldrehkräne geschrieben, die sich anlässlich des großen Richtfests Ende Oktober 1996 zu Beethovens Ode „An die Freude“ bewegen sollten. Barenboim dirigierte die Kräne nur, die aber naturgemäß schwerfälliger waren als das Orchester der Deutschen Staatsoper. Selbiges musste bei dem Spektakel nicht mitmachen, weil die Musik vom Band kam. Jedenfalls klappte etwas bei der Generalprobe nicht. Der Kranführer von Kran 12 schwenke weiter Betonteile durch die Luft, statt sich am Ballett zu beteiligen, Barenboim schäumte, und Max war zugegen und durfte sich ins Fäustchen lachen! Ich pflege mich solchen Ereignissen zu verweigern, und manchmal ärgere ich mich hinterher. Manchmal! Dies war einer dieser Ausnahmefälle.

Übrigens vermutete Max, dass der Kranführer Pole sei. Max behauptet, die Polen und die Schwarzfußindianer seien die einzigen schwindelfreien Völker der Welt und wären deshalb schon maßgeblich am Bau der Hochhäuser in New York beteiligt gewesen. Was die Schwarzfußindianer angeht, bezweifle ich die Richtigkeit von Max‘ Annahme, denn es sind die Mohawk-Indianer, die überall in Amerika als gefragte Arbeiter auf Hochhausbaustellen gelten. Mohawk und Schwarzfußindianer sind nicht identisch. Schon in den dreißiger Jahren wurden viele Mohawk beim Bau des Empire State Building beschäftigt, und in den Siebzigern bauten sie am World Trade Center mit. Es ist wissenschaftlich nicht belegt, ob sie tatsächlich von Natur aus schwindelfrei sind, oder ob es an der frühzeitigen Gewöhnung liegt. Ich habe gelesen, dass auf den Spielplätzen in den Mohawk-Dörfern nicht die üblichen Spielgeräte, sondern geschweißte T-Träger stehen, an denen die kleinen Indianer herumklettern. Für ein Indianerkind vermutlich nicht die schlechteste Prävention gegen spätere Arbeitslosigkeit. Von T-Trägern auf polnischen Spielplätzen habe ich noch nichts gehört.

Es folgt im Roman eine Passage, in der Max sich offenbar in Wut gelaufen hat. Berlin mit seiner Traufhöhe, die den Dreispitz des Alten Fritz nicht übersteigt, brauche gar keine (schwindelfreien) Polen, heißt es da. Er nennt Berlin eine Stadt der Feigheit und der Heuchelei, vergleicht das Mahnmal mit einem Disneyland des Schreckens, und als er den Robert-Koch-Platz erreicht, dankt er dem Himmel, dass die Einheit nicht zwanzig Jahre früher gekommen ist, „als die Architekten vergessen hatten, dass eine Stadt aus Straßen und Plätzen besteht.“ – Also, wenn Letzteres eine Anspielung auf das West-Berliner Kulturforum sein soll, so wäre die Kritik berechtigt. Aber ich bin nun doch ziemlich verunsichert. Wutausbrüche machen mich immer ganz nervös, wenn sie sich nicht mit einem Ziel begnügen, sondern gegen alles richten, was je zum Ärger Anlass gegeben hat. In solchen Fällen verziehe ich mich und warte, bis der Sturm sich gelegt hat, oder bis zumindest klar ist, aus welcher Richtung er gerade weht.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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