In Berlin haben so viele bedeutende Künstler und Wissenschaftler gelebt, dass es wohl keine Straße und keinen Platz gibt, die/der sich nicht mit der Lebensgeschichte mindestens einer bekannten Persönlichkeit verknüpfen lässt. Menschen, die es in ihrer Verehrung von Geistesgrößen gerne auf die Spitze treiben, seien allerdings vorgewarnt. Den Boden anzubeten, auf dem diese Künstler und Wissenschaftler einst wandelten, gewöhnt man sich in Berlin schnell ab. Der Berliner Boden ist, wohin man schaut, vollgespuckt, vollgekotzt, vollgepinkelt (nicht nur von Hunden) und auf weitere schwer beschreibliche Arten besudelt. Auch heute dachte ich wieder, während ich auf die U-Bahn wartete: Was für ein bestialischer Gestank! Ich bin dann immer kurz davor, in die Misantropen (die es nicht gibt, weshalb ich sie ohne h schreiben darf) auszuwandern. Aber ich war ja auf dem Weg nach Kreuzberg, in meine alte Heimat, und das versöhnt mich mit vielem. Es hat sich viel verändert, seit ich dort aufgewachsen bin, aber es ist immer noch ein großartiger Bezirk. Diesmal jedoch wollte ich nicht meinen eigenen Erinnerungen folgen, sondern Max auf den Fersen bleiben, Max, der an einem verregneten Sonntagmorgen seine Wohnung verließ und Konrad Zuse einen Besuch abstattete. Ich stieg also am Platz der Luftbrücke aus der U-Bahn, nahm den Ausgang Richtung Mehringdamm und marschierte los bis zu jener Stelle, wo vor dem Krieg gewiss Häuser im Schulterschluss standen und den Durchblick auf den Kreuzberg verwehrten, wo man jetzt aber ein begrüntes Grundstück überqueren und so zur Methfesselstraße gelangen kann. Die Häuser Nr. 7 und 10 liegen einander gegenüber nahe dem unteren Ende der Straße. Das heißt, die Häuser gibt es gar nicht mehr. Beide wurden im Krieg zerstört und das Grundstück Nr. 10 blieb unbebaut. Vom Haus Nr. 7 existiert nur noch das Hinterhaus. Von der Fassade an der Straße ist ein Stück Ziegelmauer stehengeblieben, vielleicht auch wieder errichtet worden. Schließlich brauchte man etwas, woran man die Berliner Gedenktafel befestigen konnte. Es ist ja keine Kleinigkeit, dass Konrad Zuse hier zwischen 1936 und 1944 seine Rechenanlagen Z1 bis Z4 entwickelte. Zuse Z3 war der erste funktionstüchtige Computer der Welt. Am 21. Dezember 1943 wurde er zusammen mit dem Haus bei einem Bombenangriff zerstört. Im Deutschen Museum in München gibt es einen Nachbau.

Methfesselstraße 10, Berlin-Kreuzberg

Methfesselstraße 7, Berlin-Kreuzberg

Methfesselstraße 7, Berlin-Kreuzberg

Gedenktafel

Nachdem ich dies alles in Augenschein genommen hatte, folgte ich Max weiter auf seinem Spaziergang und musste dazu ein gutes Stück den Mehringdamm hinunter und die Yorkstraße überqueren. Das Eckhaus auf der gegenüberliegenden Seite ist Mehringdamm 38. Neben der Haustür befindet sich außer diversen Schildern von Arztpraxen und Anwaltskanzleien auch eine große Tafel, die darauf hinweist, dass hier von 1917 bis 1935 Gottfried Benn seine Arztpraxis und Schreibwerkstatt hatte. Bernd Wagner schreibt in seinem Roman, man könne im Sprechzimmer eines hier praktizierenden Arztes für Haut- und Geschlechtskrankheiten „noch immer Doktor Benns Ledersessel und das Arzneimittelschränkchen, in dem er seine Morphiumampullen aufbewahrte“, sehen. Schon bei der Planung dieses Ausflugs hatte ich mich gefragt, ob ich wohl den Nerv hätte, in dieser Praxis um einen kurzen Zutritt zu bitten –- mal eben so zwischen zwei Patienten. Nun erübrigte sich das. Neben der Haustür gab es keinen Hinweis auf einen Hautarzt –- außer natürlich den auf Doktor Benn. Ob die Gynäkologen das Schränkchen für die Morphiumampullen übernommen haben? – Ich habe keine weiteren Nachforschungen angestellt.

Mehringdamm 38, Berlin-Kreuzberg Gedenktafel Gottfried Benn

Außer mir schien auch niemand sich für Haus Nr. 38 und die Hinterlassenschaft von Gottfried Benn zu interessieren. Umso größer war der Andrang ein Haus weiter. Ein Hinweis auf „“Curry 36″“ fehlt wohl inzwischen in keinem Berlin-Reisführer. Es will mir nicht in den Kopf. Vor einigen Jahren war ich mit El dort –- bei einem seiner Berlin-Besuche. Die Currywurst war okay. Nicht mehr und nicht weniger. Es würde mir nicht im Traum einfallen, da extra hinzufahren, um eine zu essen. Auch jetzt und obwohl mein Magen knurrte, und ich etwas zu trinken brauchte, um meine Tablette zu nehmen, dachte ich gar nicht daran, mich in die Schlange der Wartenden einzureihen. Doch nicht für eine Currywurst!

Warteschlange vor dem Imbiss

Aber ich hege den Verdacht, dass für die meisten Curry-36-Kunden die Wurst erst dadurch so besonders gut wird, dass man lange dafür anstehen muss. Manchmal finde ich Menschen so komisch, dass ich mir außerirdisch vorkomme. Jedenfalls überquerte ich die Straße und kehrte in eine Bäckerei mit Kaffeeausschank ein. Ich wollte ja sowieso zu den Friedhöfen.

Während ich meinen Weg fortsetzte, wurde mir plötzlich klar, was an dieser Exkursion nicht stimmte.

Das Gehen ist die mir angemessene Bewegungsart. Im gewissen Sinne mit dem Schreiben verwandt, setzt man dabei Schritt vor Schritt und gerät unmerklich in unbekannte Gegenden, oder die bekannten erscheinen einem in neuem Licht.

Das ist eine der Stellen in Wagners Roman, wo ich hundertprozentig mit ihm übereinstimme. Doch statt Schritt für Schritt in unbekannte Gegenden zu geraten, folgte ich Schritt für Schritt einer Romanvorlage. Mit unbekannten Gegenden durfte ich in dem Kiez, in dem ich aufgewachsen bin, allerdings auch nicht rechnen. Außerdem stand ich inzwischen vor dem Friedhof, bei dem es sich genau genommen um mehrere Friedhöfe handelt. Die Aufteilung zwischen den verschiedenen Kirchen ist aber recht kompliziert, und mir gefällt die heute gern benutzte Bezeichnung „Friedhof vor dem Halleschen Tor“. Friedhöfe wurden früher immer vor Stadttoren angelegt, und die Geschichte dieses Friedhofs reicht weit zurück. Was aber wichtiger für mich ist: Sie verbindet sich mit meinem Leben soweit ich zurückdenken kann.

Friedhof am Halleschen Tor Friedhof am Halleschen Tor

Von den Mausoleen an den Friedhofsmauern sind noch viele erhalten beziehungsweise wieder instandgesetzt. Als ich klein war, hingen die Gittertore meist nur noch schief in den Angeln, und es galt uns Kindern als Mutprobe, sich dort hineinzuwagen, wo nur noch schwaches Licht auf Sarkophage oder Urnen fiel und Spinnweben unsere Gesichter und nackten Arme streiften. Die meisten der von schmiedeeisernen Zäunen umgebenen Erbbegräbnisse waren damals so dicht von Farnen und Efeu überwuchert, dass man die Namen auf den Grabsteinen nicht mehr lesen konnte. So viel friedlicher erschienen mir diese Gräber als die anderen, die im Frühling mit Stiefmütterchen bepflanzt und im Winter mit Tannenzweigen abgedeckt wurden, und die man nicht verließ, ohne ein artiges Gebet gesprochen und die eigenen Fußspuren glattgeharkt zu haben. Ach, was sage ich! Erschienen! Noch heute scheinen mir die Orte die friedlichsten zu sein, wo die Natur sich selbst überlassen ist.

Zossner- Ecke Baruther Straße, Berlin-Kreuzberg

Ich verließ den Friedhof durch das Tor an der Zossener Straße, das ich auch mit meiner Großmutter immer benutzt hatte. Ich hatte nicht nach den Gräbern von Chamisso und E.T.A. Hoffmann gesucht. Gut so! Und auch, dass ich jetzt nicht Hugh Auden im Sinn hatte, der laut Max/Bernd Wagner hier die Stricherkneipen frequentiert haben soll, ist, denke ich, in Ordnung. Welche Stricherkneipen überhaupt? – Als ich an die Ecke Baruther Straße kam, wo sich die von Kurt Mühlenhaupt und seinem Bruder Willi betriebene Bohème-Kneipe Leierkasten befunden hatte, fiel mir allerdings ein, dass ich die Gelegenheit hätte nutzen sollen Mühlenhaupts Grab zu besuchen und mir die Grabanlage anzusehen, die er für seine Mutter und Schwester geschaffen hat, auch wenn beide schließlich anderswo beigesetzt wurden. Mühlenhaupt hatte ein Atelier am Chamissoplatz bezogen, kurz nachdem ich gleich nebenan in meine erste eigene Wohnung eingezogen war. Ich habe ihn oft auf der Straße getroffen, und ich kannte Robert Wolfgang Schnell, der zu den Stammgästen des Leierkastens zählte und die Kneipe in einem seiner Romane verewigt hat. Das Haus, in dem der Leierkasten sich befand, existiert nicht mehr. Es wurde 1977 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Doch gleich im nächsten Haus, in der Zossener Straße 2, befindet sich einer meiner Lieblingsläden: Radio Art. Hier kann man alte Rundfunkgeräte kaufen oder sein altes Radio reparieren lassen. Im Schaufenster steht eines, das dem sehr ähnelt, was wir vor 50 Jahren in unserer Küche hatten. Irgendwann werde ich wohl nicht widerstehen können.

RADIO ART in der Zossener Straße RADIO ART in der Zossener Straße

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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