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Unter der Überschrift „Kino Pößneck: Wie aus Rose 1-2-3 Corona wurde“ kündigte für den 6. Mai 2010 die Ostthüringer Zeitung eine Film-Veranstaltung im Mehrgenerationenhaus Pößneck an, bei welcher nicht nur der Spielfilm „1-2-3 Corona“ (1948, Regie: Hans Müller) gezeigt werden sollte, sondern auch Ausschnitte eines in Pößneck gedrehten Stummfilms über den Kinderzirkus Rose, der die Idee zu dem späteren, sehr erfolgreichen Kinofilm geliefert haben soll. „Die damaligen Zirkuskinder Siegfried und Günter Oßwald, die bereits das Rentenalter erreicht haben, werden das Gezeigte erläutern sowie den Besuchern als Zeitzeugen Rede und Antwort stehen“, versprach die OTZ.

Habe ich sie nun gefunden, die Zwillingsbrüder Fliegerheinz und Horst der Fänger aus Bernd Wagners Roman? Denn beim Studium der Besetzungsliste von „1-2-3 Corona“ war jede meiner Vermutungen schnell zu unabweisbaren Zweifeln zerfallen. Schließlich war ich sogar geneigt zu glauben, dass Wagner in diesem Fall die Figuren tatsächlich nur erfunden hat. Und was heißt hier „nur“? Figuren zu erfinden, ist ebenso schwer, wie lebendige Menschen zu porträtieren. Es ist sogar so schwer, dass im Kern jeder erfundenen Figur, egal wie heldenhaft, schrullig, erbärmlich oder in sonstiger Weise ein Extrem verkörpernd sie ist, eine reale Person steckt -– oft auch mehrere.

Ich weiß nicht, wie gut besucht die Veranstaltung in Pößneck war, und was die Besucher hauptsächlich anlockte –- die Erinnerung an den Kinderzirkus oder der alte DEFA-Film, von dem ich zugeben muss, ihn nie gesehen zu haben –- ein Eingeständnis, mit dem ich bei ehemaligen DDR-Bürgern in den zurückliegenden Tagen und Wochen immer eine Mischung aus Erstaunen und Mitleid ausgelöst habe. Wie kann man „“1-2-3 Corona““ nicht gesehen haben –- jedenfalls wenn man ein gewisses Alter überschritten hat? Welches Alter eigentlich?

Bei Wikipedia ist über „1-2-3 Corona“ nachzulesen:

Der Schwarzweiß-Film 1-2-3 Corona, von August bis Dezember 1947 in Berlin von der DEFA gedreht, ist ein deutscher „Trümmerfilm“. Seine Besonderheiten sind, dass er ein Jugend- und Kinderfilm ist und dass er heitere Züge hat.

Inhalt

Im Sommer 1945 in den Trümmern von Berlin sind die Schulen noch geschlossen. Zwei Banden von elternlosen Jungen beenden ihre Rivalität (Schwarzmarktgeschäfte, Diebstähle), weil sie gemeinsam Schuld am Unfall der gleichfalls jungen Zirkusartistin Corona haben. Sie bringen die von ihrem Wanderzirkus im Stich Gelassene in einem Bauwagen unter, sorgen für ihre Pflege, denken sich für sie einen kleinen Zirkus aus, den sie dann weiter betreiben. Der Film hat sein Happy End, als ein richtiger Zirkusdirektor die junge Trapezkünstlerin entdeckt, die beiden in sie verliebten jungen Bandenführer in die Artistenausbildung aufnimmt, einige Jungs der Gruppe auch gleich mit anheuert und sie sämtlich ihrem perspektiv- und trostlosen Leben entrissen werden.

Besetzung

Eva-Ingeborg Scholz: Corona
Lutz Moik: Gerhard
Piet Clausen: Dietrich
Ralph Sievert: Fritzchen
Horst Gentzen: Emil
Hans-Edgar Stecher: Heinz
Hans Neie: Rudi
Werner Müller: Karlchen
Walter Werner: Dr. Waldner
Eduard Wandrey: Hugo Grandini
Anneliese Würtz: Frau Grandini
Hans Leibelt: Direktor Barlay
Annemarie Hase: Frau Schmittchen
Eduard Wenck: Platzbesitzer Rudi

Kritik

„Lebensnaher, mit anspruchslosen Mitteln sympathisch gestalteter Zirkusfilm.“

– film-dienst

Lutz Moik, vor allem bekannt durch seine Darstellung des Kohlenmunk-Peter in Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ und in erster Ehe dereinst verheiratet mit der Kabarettistin Edith Hancke, erkrankte an Multipler Sklerose, trat in den 90er Jahren nur noch selten auf und verstarb 2002. Auch wenn er einen Artisten gespielt hat, hat er doch offenbar nie als solcher gearbeitet. Über Piet Clausen konnte ich nicht mehr herausfinden, als dass er in den 50er Jahren in einigen Spielfilmen mitgewirkt hat, und dass bei ebay eine Autogrammkarte von ihm für 5,10 Euro versteigert wurde. Ralph Sieverts gibt es viele, auch in den USA, aber keinen, der in den Kinodatenbanken auftaucht. Horst Gentzen erhielt 1948 bereits sein erstes Bühnenengagement am Berliner Schloßpark-Theater. Ab 1949 spielte er für zwei Jahre mit Lil Dagover in einem Tourneetheater. Gentzen starb am 9. August 1985 in Berlin an einer Leberzirrhose. Aber bringt mich das auf Fliegerheinz, der, wenn er genug getrunken hatte, jeden in der dritten Person ansprach? [„Hat er die Güte, Wasser aufzusetzen, damit wir uns einen heißen Grog bereiten können?“] Da auch die Filmographie von Hans Neie Mitte der 50er Jahre endet und sich seine Spur im Internet damit verliert, und man Werner Müller einfach nicht heißen darf, wenn man gefunden werden möchte, wende ich mich jetzt mal dem Grog zu.

Für den Grog hatten Fliegerheinz und Horst der Fänger eine Flasche Rum der Marke Schilkin mitgebracht, und obwohl es von Schilkin auch Zarenwodka und Preussenkorn gibt (Wer denkt sich denn so was aus?), existieren die Marke und die Spirituosenfabrik in Alt-Kaulsdorf wirklich, und die Memoiren des Gründers Sergei Apollonowitsch Schilkin mit dem Titel „Hoffe, solange Du atmest“ kann man gegen 10 Euro plus Porto und Versandkosten dort bestellen.

Prost!

Hatte ich erwähnt, dass die Dreharbeiten, gemäß Bernd Wagner bzw. gemäß Fliegerheinz damals auf eben jenem Grundstück zwischen Ruinen stattfanden, auf dem sich jetzt der Fußballplatz in der Auguststraße befindet? – So schließt sich wohl ein Kreis. Aber doch nur, damit sich ein neuer auftut.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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