Das Buch hatte das Glück – wenn es denn ein Glück ist, und wenn man überhaupt sagen kann, dass ein Buch so etwas wie Glück oder Pech hat… Das Buch hatte also das Glück ganz oben auf einem meiner Stapel noch zu lesender Bücher zu liegen, so dass mein Blick es immer wieder einmal gestreift hatte – manchmal lange genug, um ganz automatisch Verfasser und Titel zu lesen – wie man etwas liest, auch wenn man längst weiß, was da steht: Lars Brandt. Andenken. Auf dem Einband des Taschenbuchs abgebildet eine Kassette mit dem Porträt Willy Brandts auf dem Deckel.

Ich hatte dieses Buch schon vor Monaten gekauft, bei einer jener Gelegenheiten, wenn ich auf einem Bahnhof an einem Bücher- und Zeitschriftenkiosk vorbeikomme, neben dessen Tür ein Verkaufstisch mit Mängelexemplaren steht, und ich gerade Zeit habe, durch das Angebot zu stöbern. In Anbetracht des Umstands, dass ich in den vergangenen Monaten Bücher gekauft habe, als würde der Büchererwerb am Tag meiner Verrentung verboten, hätten noch weitere Monate, wenn nicht Jahre, vergehen können, bevor ich es gelesen hätte. Als ich jedoch im Radio hörte, dass gestern Willy Brandts 100. Geburtstag war, fiel mir sofort mein Buch ein, und ich beschloss dies wäre ein guter Tag um mit dem Lesen zu beginnen.

Wenn ich heute schon –- ohne das Buch bereits zu Ende gelesen zu haben -– darüber schreibe, dann nicht um dem Ereignis (100. Geburtstag) hinterher zu hecheln, sondern wegen einer Koinzidenz, die mich weit seltsamer berührt und nachdenklicher stimmt als die vergleichsweise Banalität, dass an einem Gedenktag zufällig das passende Buch zur Hand ist.

Wo sonst die schweren schwarzen Limousinen vorgefahren waren, krümmten sich nun gigantische Elefantenstoßzähne verlassen auf dem Asphalt, ihr gelbliches Weiß eingenäht in sackbraune Jute, auf der schwungvolle Buchstaben die Herkunft der Trophäen verrieten: Bangui.

Mit diesen Worten beginnt Lars Brandt seine Sammlung kurzer Prosatexte, die oft ans Poetische heranreichen. Ich versuche das Bild zu beschreiben, das beim Lesen dieser Zeilen vor meinem inneren Auge entstand und sich wie in schnellen Überblendungen in andere Bilder auflöste. Ein Amtssitz. Die vorfahrenden schwarzen Limousinen. Sie verblassen, sind nur noch Spuren, gleichen in ihrer Krümmung Elefantenstoßzähnen. Aber da schärft das Bild sich schon wieder. Keine Reifenspuren, sondern tatsächlich Stoßzähne, in grobe Jute eingenäht, doch unverkennbar. Und dann… Bangui.

Wer geographisch bewandert ist, wird wissen, dass Bangui die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik ist. Wer sich weniger für Geographie interessiert aber regelmäßig die Nachrichten verfolgt, weiß es vermutlich auch, denn Zentralafrika und Bangui kommen in jüngster Zeit aus den Schlagzeilen nicht heraus. Und natürlich erhebt sich wieder die Frage, ob, wie und in welchem Umfang Europa sich engagiert, und welchen Anteil dieses Engagements Deutschland zu erbringen haben wird. Ich aber hatte ja ein Buch über Willy Brandt lesen wollen, Erinnerungen eines seiner drei Söhne an den Vater. Erschienen ist das Buch 2006. Da war Willy Brandt schon 14 Jahre tot. Und ausgerechnet mit Elefantenstoßzähnen aus Bangui beginnen die Erinnerungen des Sohnes.

Tatsächlich aber beginnen die Erinnerungen mit dem Auszug aus der Villa auf dem Bonner Venusberg. Die Stoßzähne, die offenbar nie aus ihrer Jute-Verpackung befreit worden waren, wollte Willy Brandt nicht in sein neues Domizil mitnehmen, hatte sie nie gewollt, aber ein Bundeskanzler ist umgeben von viel zu vielen Leuten, die Dinge für ihn erledigen -– auch Dinge, die gar nicht erledigt werden sollen. Zugetragen hatte sich Folgendes: „Irgendwann einmal“ hatte Brandts Flugzeug zum Auftanken in Bangui zwischenlanden müssen. Der damalige Diktator Bokassa, eines Staatsbesuchs durch einen deutschen Bundeskanzler alles andere als würdig, hatte davon Kenntnis erhalten und war zum Flughafen geeilt. Um der Presse keine Gelegenheit zu geben, ein Foto von sich und Bokassa zu schießen, war Brandt auf seinem Platz im Flugzeug sitzengeblieben. Bokassa hatte damit entweder gerechnet, oder er nahm es zumindest nicht übel. Jedenfalls wurde auf sein Geheiß eine Ladung Stoßzähne als Geschenk in den Stauraum des Luftwaffenjets gehievt.

Lars Brandt schreibt darüber:

So richtig vorstellen konnte ich mir das nicht. Ich zweifelte nicht an seiner Darstellung, doch war es zu wenig, als daß ich mir hätte ausmalen können, was ich nicht miterlebt hatte. Statt dessen stellte sich der Eindruck einer seltsam belanglosen Geheimnishaftigkeit, einer etwas faden Unwirklichkeit ein.

Und ein ähnlicher Eindruck beschlich mich, als ich an Brandts 100. Geburtstag zu dem zufällig erstandenen Buch griff und kaum, dass ich es aufgeschlagen hatte, über den Namen jener Stadt stolperte, von der wir, fürchte ich, in nächster Zeit mehr hören und lesen werden, als uns lieb ist. Ich will damit nicht sagen, dass Brandts Weigerung, sich mit Bokassa fotografieren zu lassen, und die Massaker und das Flüchtlingselend von heute etwas miteinander zu tun hätten -– etwa, dass alles anders gekommen wäre, wenn …… Und doch scheint es immer einen geheimnisvollen Zusammenhang zu geben zwischen allem -– ein hauchfeines Gespinst, von dem ein Fädchen hin und wieder aufglänzt und sichtbar wird, wenn für eine Sekunde das Licht aus dem richtigen Winkel darauf fällt.

Über das Buch selbst möchte ich an dieser Stelle zitieren, was Ursula März am 22.03.2006 im Deutschlandfunk über die damals gerade erschienene Originalausgabe sagte:

Um das Buch von Lars Brandt fair zu bewerten, kommt es darauf an, wo man es im Bücherregal hinstellt. In der Reihe der Bücher über Willy Brandt wirkt es unbefriedigend, fast überflüssig. In der Reihe der Vater-Sohn-Literatur ein bisschen dünn, ein bisschen maniriert und überdistinguiert. Aber in der Reihe der literarischen Gespräche zwischen Ober- und Unterwelt, der Poeme und intimen Grabreden hat es einen sinnvollen Platz.

Den vollständigen Beitrag gibt es hier.

Lars Brandt
Andenken
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2007
ISBN: 978-3-499-244537

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