„…„… zu meinen Eigenarten gehört, nur ungern eine Antwort schuldig zu bleiben““, heißt es im Kapitel 9 des Romans „“Club Oblomow““. Das sagt (oder schreibt) sich so dahin, und mit derselben Leichtigkeit hört (oder liest) es sich darüber hinweg. Wir nehmen selten ernstliche Notiz davon, wenn jemand erklärt, das sei so „seine Art“, handelt es sich doch meistens um die bequemste aller Rechtfertigungen für unlogisches oder unangemessenes Verhalten. So auch hier. Es gab keinen vernünftigen Grund für die Bereitwilligkeit, mit der Max diesem ihn belauernden Computer Auskunft erteilte. Es gab ja nicht einmal einen vernünftigen Grund für die Anwesenheit des Computers im Club. Einer der Stammgäste, ein türkischer Trödler, hatte ihn mitgebracht. Wir werden noch Anlass haben, uns zu fragen, ob dieser unerbetene Freundschaftsdienst ganz harmlos der Anbahnung eines Geschäfts (Kauf bei Gefallen) Vorschub leisten sollte oder Bestandteil eines sorgfältig geschmiedeten Komplotts war. Zunächst aber hielt ich, die Leserin, das Frage-und-Antwort-Spiel zwischen Max und dem Computer für ein stilistisches Mittel, eine Methode, in möglichst kurzer Form ein paar Fakten im Text unterzubringen, wobei der Computer viel fragt, Max dagegen auf seine Fragen nie eine Antwort erhält. Darüber, warum Max unter diesen Umständen „keine Antwort schuldig bleiben“ wollte, dachte ich lieber nicht nach. Kollaborationssucht! Gibt es so was? Oder Geständnissucht. Oder vielleicht auch nur Mitteilungssucht. Aber an der leiden wir hier in der Blogosphäre ja mehr oder weniger alle, so dass sie mir gar nicht mehr auffallen dürfte. – Die offizielle weil von Max, dem erzählenden Ich, vorgebrachte Erklärung aber ist, dass es sich schlicht um eine Umgehung des Schreibverbots handelte, zu dessen Befolgung er sich als Mitglied des Clubs verpflichtet hatte. Auch das leuchtet ein, wenn mir auch die eigene Erfahrung dazu fehlt. Ich hatte schon Schreibblockaden, nie aber hat man mir oder habe ich mir ein Schreibverbot erteilt. Eher würde ich ein Schweigegelübde ablegen. Oder doch nicht? Oder doch umgekehrt? – Auch dies ein noch längst nicht zu Ende gedachter Gedanke.

Ich war durchaus bereit, die Geschichte erst mal so zu glauben, wie sie mir erzählt wurde, obwohl meine Vorstellung von Max –- zu Recht oder zu Unrecht -– die von einem tendenziell introvertierten Typen war, und seine Mitteilsamkeit im virtuellen Umgang mit einem Chat-Partner unbekannter Identität dazu nicht zu passen schien. Vielleicht war Max überhaupt nicht introvertiert. Vielleicht dachte ich das nur, weil ich schon einigen Schriftstellern gegenübergesessen hatte, und jedes Mal war es mir vorgekommen, als gliche deren Stirn einer soliden Mauer, gegen deren Innenseite wilde Horden von Gedanken anrannten, die von ihrem Urheber aber erst in die Öffentlichkeit entlassen werden würden, wenn sie zu geordneten Truppen formiert wären, und auch dann würden sie direkt aufs Papier marschieren. So waren meine Gespräche mit Autoren meistens eher von mir geführte Monologe, denn aus mir sprudelt alles heraus. – Vielleicht aber war Max doch so zurückhaltend, wie ich ihn mir bislang vorgestellt hatte, und dennoch oder gerade deswegen war seine Offenheit diesem Anonymus gegenüber eine ganz normale, geradezu vorhersehbare Reaktion.

Sei es, wie es sei -– Max’‘ Eigenart, nur ungern eine Antwort schuldig zu bleiben (gestehen wir sie ihm einfach mal zu), wird von Belang für den späteren Verlauf der Handlung sein. Freimütig bekannte Max, dass er aus einem finanziellen Interesse heraus auf den Tod einer alten Gräfin wartete. Allerdings, gefragt nach seinem Alter und seiner Körpergröße, schummelte er. Merke: Keine Antwort schuldig bleiben zu wollen, ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit Wahrheitsliebe. Allerdings darf hier Eitelkeit als Entschuldigungsgrund ins Feld geführt werden, denn Max‘ vermutete, dass es sich bei seinem Gesprächspartner um eine Frau handelte.

Diesem Eintrag liegt der Roman „Club Oblomow“ von Bernd Wagner zugrunde, erschienen 1999 bei Ullstein in Berlin, ISBN 3-550-08298-3

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